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Turin
VON HENNING KLÜVER
Israel ist das Gastland der diesjährigen Turiner Buchmesse, der Fiera Internazionale del Libro di Torino, die in der zweiten Maiwoche, über Pfingsten, stattfindet. Schon imVorfeld der Messe war diese Wahl des Gastlandes heftig kritisiert worden, wegen der aktuellen politischen Auseinandersetzungen zwischen Israelis und Palästinensern. Politiker von linken Parteien sowie Vertreter pro-arabischer Gruppen äußerten den Verdacht, dass hier anlässlich der Feierlichkeiten im 60. Jahr der Staatsgründung Israels einseitig Partei im Nahostkonflikt ergriffen würde. Der islamische Theologe Tariq Ramadan, der noch im vergangenen Jahr in Turin als Diskutant aufgetreten war, rief die arabischen Intellektuellen gar zum Boykott der italienischen Messe auf. Ihm wurde aber sogar von arabischer Seite widersprochen. Der Marokkaner Tahar Ben Jelloun warnte davor, israelische Politiker wie den Ministerpräsidenten Schriftstellern wie Amos Oz oder David Grossman in einen Topf zu werfen. Der islamische Soziologe Khaled Fouad Allam aus Algerien, der an der Universität Triest unterrichtet, und der jüdische Schriftsteller Victor Magiar aus Libyen nannten die Boykott-Forderungen «unwürdig». Zu ähnlichen Debatten war es bereits im März während des «Salon du Livre» in Paris gekommen, wo Israel ebenfalls als Ehrengast geladen war. In Turin wird im nächsten Jahr Ägypten zur Präsentation gebeten. Ob dann die jüdischen Gemeinschaften von Mailand oder Rom protestieren? In Turin wird unter vielen anderen Autoren auch Dacia Maraini ihren neuen Roman vorstellen, «Il Treno per Budapest» (Der Zug nach Budapest). Darin erzählt die Sizilianerin eine Geschichte, die recht gut zum Gastland passt. Sie beginnt mit einer Kinderliebe zwischen Emanuele und Amara, die dann durch Judenverfolgung und Krieg auseinander gerissen wird. Amara macht sich einige Jahre später, 1956, auf den Weg, um nach Spuren ihres verlorenen Freundes zu suchen.EineReise,die vonAuschwitz überKrakau und Wien nach Budapest führt, wo die junge Frau in den Strudel der politischen Ereignisse des europäischen Schicksalsjahres gerät. Es ist dies nicht das einzige Buch, mit dem Dacia Maraini derzeit präsent ist. Es gibt Moden, die einem auf den Magen schlagen. In Italien – wie anderswo auch – sind das zum Beispiel die Kochbücher. Nicht der gute alte «Artusi» von 1891 ist gemeint, das Buch, das die italienische Kochkunst in eine nationale Küche verwandelte und seither nicht nur zur kulinarischen, sondern auch zur literarischen Tradition gehört. Nein, gemeint sind diese unsäglichen Rezeptsammlungen mehr oder weniger bekannter Zeitgenossen, denen es in der Regel wichtiger ist, auf dem Flachbildschirm zu erscheinen, als einen Text zu publizieren. Aber auch ernsthafte Autoren können neuerdings nicht der Versuchung widerstehen, einen Satz mit «Man nehme» einzuleiten. Und jetzt also auch Dacia Maraini. «Dacia Maraini incucina» heißt das soeben erschienene Buch. Doch zum Glück in der Küche» (Untertitel: «Duftnoten zwischen den Zeilen») in Wahrheit gar kein Kochbuch und enthält auch (fast) keine Rezepte. Es handelt sich vielmehr um eine Anthologie von Textpassagen aus den Büchern einer Autorin, die Küche immer als Kultur verstanden hat. Man lernt viel über Düfte, Ess- und Tischgebräuche und natürlich über Speisen – aber nicht, wie man sie kocht. Es regt sich also etwas südlich des Brenners. Vielleicht weil es Frühling ist, vielleicht aber auch nur, weil es wirklich an der Zeit war, zeigt die italienische Literaturszene neues Leben. Junge Autoren unter dreißig treten auf. Beispielsweise Paolo Giordano mit dem Roman «La solitudine dei numeri primi» (Die Einsamkeit der Primzahlen). Oder Barbara DiGregorio und andere Erzähler in den Sammelbänden des frechen römischen Verlages «Minimum fax». Überraschend fruchtbar zeigt sich die literarische Szene Sardiniens. Hier mischen sich junge Stimmen (Flavio Sorigasmit dem Roman «Sardinia Blues») mit älteren wie der von Salvatore Niffoi. Niffoi, der mit seinem Roman «Die Legende von Redenta Tiria» auch im deutschen Sprachraum bekannt wurde, legt sein neues Buch «Collodoro» (Goldhals) vor. Die Sardin Milena Agus aus Cagliari schließlich, deren «Frau im Mond» ein europäischer Bestseller wurde, den die italienischen Medien wegen einiger freimütiger Szenen als «sardo-masochistisch» bezeichneten, hat die Erzählung «Ali di babbo» (Vaters Flügel) nachgeschoben. Und die Altmeister? Sie provozieren, als wären sie wieder jung. Nanni Balestrini, gemeinsam mit Umberto Eco einer der Gründer der Avantgarde-Vereinigung «Gruppo 63», hat bei Feltrinelli einen Roman unter dem Titel «Tristano» veröffentlicht. Aber was heißt hier schon Roman: Der Text besteht aus einer Montage von Sätzen aus Atlanten, Reiseführern, Zeitungen und Liebesromanzen – und jedes der 2000 Exemplare der einmaligen Auflage von «Tristano» ist anders zusammengestellt.Welches dieser Exemplare ist nun der «Original-Roman»? Alle zusammen sind ein Original – und originell.
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