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| Ausgabe 06/08 |
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Editorial |
Zwei deutsche Autoren, liebe Leserin, lieber Leser:
nämlich Ulrich Peltzer und Michael Kumpfmüller, haben unlängst in der «Neuen Zürcher Zeitung» über die angebliche Repolitisierung der Gegenwartsliteratur gestritten. Ist sie tatsächlich feststellbar, oder ist sie nur der jüngste Slogan eines kurzatmigen Feuilletons, das wieder mal ein neues Schlagwort der Saison benötigt?
Die richtige Antwort ist: beides. Aufmerksamen Lesern der jüngsten LITERATUREN-Ausgaben mit ihren vielen Rezensionen politischer Romane (darunter auch jener von Peltzer und Kumpfmüller) wird nicht entgangen sein, dass sich tatsächlich etwas ändert. Literatur sei nicht dazu da, die Betroffenheitsmusik zur Weltpolitik zu machen – das war gestern. Autoren heute wollen die Politik offenbar nicht länger dem Thriller, dem Krimi oder dem journalistischen Sachbuch überlassen; sie reagieren verstärkt auf das, was sich in der Welt zusammenbraut, sie suchen ihre Stoffe in den aktuellen Krisenherden, von Nahost bis zum Balkan, und sie thematisieren die Auswirkungen des 11. September, etwa die Verschärfung staatlicher Überwachung der Bürger. Nicht zufällig erinnert Ulrich Peltzer an einen Satz von PeterWeiss: «Ästhetische Fragen sind immer politische Fragen.»
Auch in dieser LITERATUREN-Ausgabe werden Sie dafür Beispiele finden.Miljenko Jergovic, der bosnischkroatische Erzähler, dekliniert die jugoslawischen Zerwürfnisse der letzten hundert Jahre in Form eines Familienromans durch. Der politische Publizist Gunter Hofmann sucht am neuen Roman seines Kollegen, des «Spiegel»-Reporters Dirk Kurbjuweit, die schwierige Grenzlinie zu bestimmen, die zwischen der Literarisierung der Polit-Reportage und der Politisierung des Romans verläuft. FraukeMeyer- Gosau portraitiert den Autor undMusiker Jan Böttcher, der sich alsWessi für Verrat und Identität in der DDR interessiert. Im «Postskriptum» wird auf den brisanten Roman des Schweizers Lukas Bärfuss aufmerksam gemacht, der die Verstrickung der helvetischen Entwicklungshilfe in den Völkermord 1994 in Ruanda anklagt. Außerdem werden neue Bildbände vorgestellt, die am Beispiel Nordkoreas zeigen, wie opulent sich die letzte stalinistische Diktatur der Welt ästhetisch zu inszenieren weiß – in Ornamenten der Masse. Man sieht: Die Politik findet die überraschendsten Einflugschneisen in die literarische Landschaft der Gegenwart.
Interessante Lektüre-Stunden wünscht Ihre LITERATUREN-Redaktion
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Inhalt |
EDITORIAL NORDKOREA Ronald Düker Im Wunderland des Kim Jong Il Jedes Kind ein Pixel – Neue Bildbände bezeugen eine einzigartige realsozialistische Inszenierung LEBEN ALS WERK: FRANZ KAFKA Mit Beiträgen von Sigrid Löffler, Klaus Wagenbach, Wolfgang Schneider und Louis Begley Sigrid Löffler «Die ungeheuere Welt, die ich im Kopfe habe» So wenig Biografie, aber so viele Biografen: An Franz Kafka fasziniert der unauslotbare Reichtum seiner inneren Existenz || Klaus Wagenbach Ein Roman als Biografie – oder umgekehrt Reiner Stachs monumentale Beschreibung der letzten Lebensjahre Kafkas hält den Leser gekonnt bei der Stange || Wolfgang Schneider «Liebste, ich lese nämlich höllisch gerne vor» In Zeiten des Stimmenkults: Kafka als Ohrenzeuge,menschlicher Phonograf und begabter Rezitator || Louis Begley «Auswandern kann ich nicht. Ich werde hier bleiben» Der amerikanische Autor Louis Begley untersucht dieWechselwirkungen zwischen Kafkas Biografie und seinemWerk. Die These seines Essays: Kafka konnte «Das Schloss» unmöglich vollenden | DAS KRIMINAL Brennende Möbel Franz Schuh leidet darunter, dass er das Wesentliche immer für sich behalten muss BÜCHER DES MONATS Cord Riechelmann Neil Shubin: Der Fisch in uns Peer Trilcke Peter Rühmkorf: Paradiesvogelschiß Hanna Leitgeb Sari Nusseibeh: Es war einmal ein Land Christoph Bartmann Marcel Beyer: Kaltenburg Holger Noltze Oliver Sacks: Der einarmige Pianist Daniela Strigl Miljenko Jergovic: Das Walnusshaus DIE BEISEITE Sibylle Berg Schnallt mich an, schläfert mich ein! Die furchtbarste Erkenntnis der späten Jahre ist: Geld macht doch glücklich. Besonders auf Langstreckenflügen PORTRAIT FraukeMeyer-Gosau Die Kunst des Übergangs Jan Böttcher ist Musiker, Veranstalter, Prosa-Autor. Jetzt hat der Wessi einen Wenderoman über zwei DDR-Bürger seiner Generation geschrieben ARCHITEKTUR Wolfgang Kemp Form follows feeling Alain de Botton, Dorothea Franck und Georg Franck suchen nach Kriterien für gute Architektur – mit dem ganzen Leib DAS JOURNAL Rezensionen neuer Bücher von Mordecai Richler || Andreas Rosenfelder || Siri Hustvedt || Thomas Pletzinger || Youssef Courbage, Emmanuel Todd || Andreas Neumeister || Sandra Mitchell || Roland Barthes || Dirk Kurbjuweit Bildbände von Jo Longhurst || Gerhard Richter || Roger Melis KINDERBÜCHER Gabriele Michel Tatsächlich: Auch Vater war mal ein Kind! Gar nicht so leicht, sich mit Menschen zurechtzufinden und seinen eigenen Ort zu bestimmen. Zwei Bücher erzählen, wie es gehen könnte – vor allem mit Phantasie ISLAMFORSCHUNG Ludwig Ammann Keine Engel für Mohammed Streit um den Propheten: War er Feldherr oder Diplomat? Ist er auf einem Pferd gen Himmel gefahren? Hat er überhaupt gelebt? Zwei neue Biografien versprechen Aufklärung KURZ & BÜNDIG Bücher von Peter Handke, Alfred Kolleritsch || Gisela Getty, Jutta Winkelmann, Jamal Tuschick || Ramón Chao || Ricarda Junge || Karl Otto Hondrich Bildbände von Gregory Crewdson || FrankWendler DAS MAGAZIN Literatur im Kino || Kalender || Netzkarte || Mitten aus New York || Was liest Klaus Nüchtern? || Hörbücher || Jetzt als Taschenbuch || Leserbriefe IMPRESSUM VORSCHAU, P. S., REGISTER
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Schwerpunkt - Leben als Werk: Franz Kafka |
Zugegeben: die Biografie des Prager Juristen und Schriftstellers Franz Kafka, dessen 125. Geburtstag auf den 3. Juli 2008 fällt, gibt nicht viel her. Er führte ein Junggesellen-Leben, das arm war an äußeren Ereignissen. Umso reicher, abgründiger, bizarrer, neurotischer war Kafkas innere Biografie – ein Leben, das in seinen Texten aufging. «Der Roman bin ich, meine Geschichten sind ich», schrieb Kafka in einem Brief an seine «ewige Braut» Felice Bauer. Die wechselseitige Erhellung von Text und Biografie zeitigt unentwegt neue Lebensbeschreibungen, so die These von Sigrid Löffler. Klaus Wagenbach hat Reiner Stachs monumentale Beschreibung der letzten Lebensjahre Kafkas gelesen und schätzt daran die gelungene Balance aus Vie Romancée und Literaturwissenschaft. Und eine Textprobe aus dem neuen Kafka-Essay des US-Autors Louis Begley zeigt die untergründigen Wirkungen von Kafkas Leben auf seinen räselhaften letzten Roman «Das Schloss».Kafka-Bilder dieses Schwerpunkts stammen aus dem Privat-Archiv des Verlegers Klaus Wagenbach, der 1957 im Keller des kommunistischen Gewerkschaftsbundes in Prag die Personalakte des Versicherungsbeamten Dr. Franz Kafka entdeckte – ein Fundstück erster Güte für die Forschung bis heute«Die ungeheuere Welt, die ich im Kopfe habe»Franz Kafka, scheinbar ein Mann ohne nennenswerte Biografie, beschäftigt die Biografen wie kaum ein anderer Autor der Welt. Der Grund dafür ist der unauslotbare Reichtum von Kafkas innerer Existenz VON SIGRID LÖFFLER Ist dieser Mann als biografischer Gegenstand überhaupt geeignet? Indenknapp 41 Jahrenseines Lebens hat der jüdische Prager Jurist, Versicherungsbeamte und Schriftsteller Dr. Franz Kafka (1883–1924) den innersten Bezirk der Prager Altstadt nur selten verlassen – mit Ausnahme der letzten Lebenszeit, als ihn die Tuberkulose zwang, Sanatorien aufzusuchen. Abgesehen von einigen Wochenend-Fahrtenins Deutsche Reich verbrachte er etwa 45 Tage im Ausland. Er kannte Berlin, München, Paris, Wien, Zürich, Budapest sowie einige Städte in Oberitalien. Dreimal im Leben hat er das Meer gesehen – die Ostsee, die Nordsee, die Adria. Erst mit 31 Jahren hat Kafka das Elternhaus verlassen und erstmals eine eigene Wohnung genommen. Mit Ausnahme von sechs Monaten hat er nie mit einer Frau in einer Wohnung zusammengelebt. Er blieb unverheiratet, war aber dreimal verlobt, zweimal mit der Berliner Angestellten Felice Bauer, die er 1912 durch seinen Freund Max Brod kennengelernt hatte, der er Hunderte von Briefen schrieb und von der er sich erst nach einem Blutsturz endgültig trennte, den er im August 1917 erlitt – der Beginn seiner Lungentuberkulose, der «angelockten Krankheit», die ihn vom Druck der Büro- und Heiratsverpflichtungen befreite, «fast eine Erleichterung», wie er schrieb. Dieser rettende Schicksalsschlag bescherte ihm die wohl glücklichsten Monate seines Lebens: das knappe Dreivierteljahr, das er gemeinsam mit seiner Lieblingsschwester Ottla in dem nordböhmischen Dörfchen Zürau verlebte (siehe LITERATUREN 3/2007). 1918/1919 war er mit der Prager Sekretärin Julie Wohryzek verlobt, der Tochter eines Synagogendieners – eine Verbindung, die sein Vater rabiat bekämpfte, was der Hauptanlass für Kafkas bitteren, hundertseitigen «Brief an den Vater» vom November 1919 war. Mit seiner tschechischen Übersetzerin Milena Jesenská kam es im Sommer 1920 zu einem kurzen, heftigen Liebesversuch, der gleichfalls scheiterte. Im Juni 1922 gestattete Kafkas Arbeitgeber, die Prager Arbeiter-Unfall-Versicherungs-Anstalt, dem 39- Jährige ndie Frühpensionierung, krankheitshalber. Erst als Todkranker, in seinem letzten Lebensjahr, konnte er seinen Traum verwirklichen, Prag zu verlassen: Mit der jungen Dora Diamant zog er nach Berlin und verlebte mit ihr gemeinsam den Inflationswinter 1923/24. Danach ging’s zum Sterben in ein Sanatorium in Kierling bei Klosterneuburg in Niederösterreich. Ein Junggesellen-Leben also, arm an äußeren Ereignissen und auch von den großen Umwälzungen der Zeit wie dem Ersten Weltkrieg und dem Untergang der Habsburger- Monarchie 1918 nur schwach berührt. Wenn als Biografie der Radius gilt, den ein Mensch in der Welt entfaltet im Hinblick auf Besitz, Karriere, Macht und Einfluss, dann hat Kafka keine nennenswerte Vita aufzuweisen – sein Werk eine Trümmerstätte von Fragmenten und abgebrochenen Romanen («Der Verschollene», «Der Prozess», «Das Schloss»), sein Privatleben ein Schlachtfeld ergebnisloser Kämpfe mit dem Vater, gescheiterter Heiratsversuche und misslingen der Anstrengungen, sich von der Familie zu befreien. All dies verschattet von der langen Krankheit,aber auch zerrüttet vom ständigen Wechsel zwischen erschöpfenden Phasen literarischer Produktivität und qualvollen Dürre-Perioden völliger Schreib-Blockade. Man sollte meinen, für Biografien, zumal für Bildbiografien, wäre bei einem solchen Leben wenig zu holen. «Der Roman bin ich, meine Geschichten sind ich» Ein Irrtum. Der Biograf Reiner Stach führt in Kafkas Leben neben der horizontalen auch die vertikale Dimension ein – und die erweist sich keineswegs als arm, sondern im Gegenteil als biografisch außerordentlich fruchtbar: «Der Reichtum von Kafkas Existenz hat sich wesentlich im Psychischen entfaltet, im Unsichtbaren, in einer vertikalen Dimension.» Es sei Kafka um die Form gegangen, in die er sein Leben bringen wollte. In eine masketischen Selbstentwurf habe er diese Form schließlich gefunden, ind er bewussten Abstinenz von jeder vitalen Teilnahme am Tanz der Säfte und Kräfte des Lebens. Eine Askese, die das Leben abstößt und sich allein im Schreiben realisiert; ein Leben also, das im Text aufgeht. «Der Roman bin ich, meine Geschichten sind ich», schreibt Kafka in einem Brief an Felice. Kafkas Jubiläumsjahr – am 3. Juli 2008 ist sein 125. Geburtstag – ist Anlass für neue Tiefenbohrungen in diesem verstörenden Werk-Leben/Lebens-Werk. Der «Mythos Kafka» lässt die Interpreten nicht los. Immer aufs Neue arbeiten sie sich ab an der Deutung dieser schwierigen und dunklen Texte, an den geheimnisvollen Roman- Fragmenten, den befremdlichen, aber auch komischen Tierparabeln, den bestürzenden Erzählungen wie «Das Urteil», «Die Verwandlung» oder «In der Strafkolonie». Nachzulesen etwa im «Kafka-Handbuch», das die aktuellsten Essays zu Leben, Werk und Wirkung versammelt. Sie machen deutlich, warum Kafka eine Ikone der Moderne ist, ein nicht nachlassender Einfluss auf nachkommende Autoren: Sein Werk macht alle Krisen der Moderne namhaft, verbindet sich mit allen Schreckenserfahrungen des Jahrhunderts, benennt das Ungeheuerliche und Unheimliche in der Nüchternheit und Kälte seiner kargen, klaren Sprache – so beklemmend wie grotesk, so hoffnungslos wie komisch. Der neueste in der langen Autoren-Reihe, die sich zu Kafka bekennen, ist der polnisch-amerikanische Schriftsteller Louis Begley. Aus dem intimen Verständnis eines Autors für einen Kollegen unternimmt es Begley in seinem Groß-Essay, Kafkas dürftige Biografie mit einem Close Reading seines Erzählwerks zu verbinden: «Die ungeheuere Welt, die ich im Kopfe habe. Über Franz Kafka». So zeitigt die Überzeugung von der wechselseitigen Erhellung von Text und Biografie im Falle Kafkas auch neue Lebensbeschreibungen. Nun, da Reiner Stachs zweiter Band zu Kafkas Leben vorliegt, «Die Jahre der Erkenntnis», der die letzten acht Lebensjahre zwischen 1916 und 1924 umfasst, kann man ihn gemeinsam mit dem Vorgängerband («Die Jahre der Entscheidungen», siehe LITERATUREN 1–2/2003) und mit Klaus Wagenbachs inzwischen klassischer Biografie von Kafkas Jugend (siehe LITERATUREN 6/2006) als lückenlose Groß-Biografie lesen. Zumal mit dem dritten und Abschlussband von Reiner Stachs Lebensbeschreibung, über die Kindheit und Jugend Kafkas, erst zur rechnen ist, wenn die Briefe und Tagebücher des Kafka-Freundes und -Erben Max Brod zugänglich sind. Über dies liegen zwei wuchtige Bildbiografien vor, um die aktuelle Leser-Neugierde nach Kafkas Lebenbis ins letzte Detail zu stillen: die erweiterte Ausgabe von Klaus Wagenbachs «Franz Kafka. Bilder aus seinem Leben» sowie Hartmut Binders geradezu enzyklopädisches Bildwerk «Kafkas Welt. Eine Lebenschronik in Bildern». Darin findet sich so gut wie jede Person in Bild und Text verzeichnet, deren Leben je mit Kafka in Berührung kam – vom Altphilologen Alois Rzach, der bei Kafkas Abitur am Altstädter Gymnasium 1901 der Kommission vorstand, bis hin zu Puah Bentovim, Kafkas Hebräisch-Lehrerin in seinen letzten Lebensjahren. Sogar der «kluge Rolf» macht seine Foto- Aufwartung – jener gelehrige Scotch- Terrier, dermit seinen Kunststückchen Kafka wohl zu seinem Erzählfragment «Forschungen eines Hundes» anregte.
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Bücher des Monats |
Neil Shubin Der Fisch in uns Der Hals des Tiktaalik Warum der Blick auf die Entstehung der Arten eine Zeitreise in die Geschichte des menschlichen Körpers ist VON CORD RIECHELMANN Wie kommt das Neue in die Welt? Wie wird ein am Boden lebender Dinosaurier zu einem Vogel, der sich in die Luft erhebt? Und was muss geschehen, damit ein Fisch den Weg ans Land wagt? In seinem Hauptwerk «Die Entstehung der Arten» behauptete Charles Darwin 1859, dass die Entwicklungsphase einer neuen Spezies stets über Zwischenformen verlaufe. Diese vereinten Merkmale der Vorläuferart mit solchen, die die neue Form ausmachen. Dies blieb eine reintheoretische Überlegung. Schließlich lagen noch keine Fossilienfunde vor, an denen Darwin seine Behauptung hätte präzisieren können: etwa ein Lebewesen, das Zeichen eines Fisches und eines Krokodils trug – oder eines anderen Tieres, das in der Übergangszone von Wasser und Land beheimatet wäre. Die heftigen Zweifel, die Darwins Entwicklungslehre von Beginn an auf sich zog, entzündeten sich vor alleman diesem Postulat der notwendigen Zwischenformen. Evolutionisten, so hieß es, glaubten schlicht an Wunder. Die schiere Möglichkeit der Existenz eines Organismus im Übergangsstadium wurde bestritten, und dieser Einwand ließ sich faktisch nicht widerlegen. Das änderte sich 1876, als in der Nähe des oberbayerischen Eichstätt das Fossil eines Urvogels gefunden wurde, der die Merkmale von zwei Tiergruppen aufwies: Das Skelett des Archaeopterix entsprach weitgehend dem eines zweibeinigen Dinosauriers und damit einem Reptil; es war aber auch deutlich zu erkennen, dass das Tier Federn getragen hatte. Dieses Mischwesen aus Kriechtier und Vogel wurde zu einem der wichtigsten Argumente der Evolutionstheorie. Kein Wunder, dass das Berliner Naturkundemuseum den 150 Millionen Jahre alten Abdruck des Urvogels stolz als seine «Mona Lisa» bewirbt – und ähnlich exponiertwie der Louvre das Leonardo-Gemälde. Ein Fossil auf der Titelseite Der Archaeopterix war ein Zufallsfund und nicht das krönende Resultat einer wissenschaftlich geplanten Exkursion. Ganz anders der Tiktaalik – ein amphibienähnlicher Fleischflosser, der dem Archaeopterix nun als zweite Ikone der Evolutionstheorie zur Seite gestellt werden kann. Entdeckt von einer Arbeitsgruppe um den in Chicago lehrenden Paläontologen Neil Shubin, ist er das erste entdeckte Fossil, das die Merkmale von Fischen und einfachen Landbewohnern in sich vereint. Fündig geworden waren die Forscher auf der kanadischen Ellesmere-Insel, 1500 Kilometer nördlich des Polarkreises in einer 375 Millionen Jahre alten Gesteinsformation, die in einem vorzeitlichen Wasserlauf entstanden war. Als diese Nachricht im April 2006 bekanntgegeben wurde, schaffte es der Tiktaalik auf die Titelseite der «New York Times». Zum Glückhat Shubin die Geschichte des Tiktaalik zu Papier gebracht: «Der Fisch in uns. Eine Reise durch die 3,5 Milliarden Jahre alte Geschichte unseres Körpers» heißt das Buch, das wesentlich mehr ist als das Arbeitsprotokoll eines Freiluft-Paläontologen. Einmalig wird es durch die Passsagen, die Shubin seinem wichtigsten Fund widmet: von der Expeditionsplanung bis zur tatsächlichen Ausgrabung. Dabei schreibt Shubin keine Heldengeschichte um einen tollkühnen Forscher, der hoch im Norden auf Steine hämmert, den Widrigkeiten von Eis und Schnee trotzend. Ermacht vielmehr deutlich, wie sehr sich seine Arbeit den ökonomischen und technischen Bedingungen der Gegenwart verdankt. Die Situation der Paläontologen ist heute nämlich so komfortabel wie noch nie. Sie profitieren vom Wissen über die geologischen Verhältnisse einzelner Weltregionen, das nationale Bodenforschungsbehörden sowie Gas- und Ölkonzerne angehäuft haben. Außerdem gestattet ihnen das Internet schnellen Zugriff auf Landkarten, Luftaufnahmen und die Ergebnisse der Landvermessung. «Mit meinem Laptop», bekennt Shubin, «kann ich in Ihrem Garten nach viel versprechenden Fossilfundstätten suchen.» Jeder Stein erzählt eine Geschichte Problematisch bleibt die Suche aber trotzdem, weil nicht nur das Leben auf der Erde in Bewegung ist, sondern auch die Erde selbst ihre Landmassen andauernd verschiebt: In der Geschichte des Planeten ist buchstäblich kein Stein auf dem anderen geblieben. Nicht weit vom Gipfel des Mount Everest, in acht Kilometern Höhe, liegt Gestein von einem vorzeitlichen Meeresboden. Wer sich dort hochwagt, wird fossile Gehäuse von Meerestieren finden. Ganz ähnliche Verhältnisse herrschen in Shubins Arbeitsgebiet, der Arktis. In manchen Gesteinsformationen der Region sind Überreste eines tropischen Flussdeltas verborgen, das der heutigen Gegend um den Amazonas ähnelt. «Jeder Stein, der auf der Erde liegt, kann eine eigene Geschichte erzählen», meint Shubin. So auch der Stein, aus dem er und seine Mitarbeiter den Tiktaalik herauspräpariert haben. Es handelt sich um ein Tier, das wie alle Fische Schuppen auf dem Rücken und Flossen mit Häuten hat. Nur läuft der Kopf nicht spitz zu wie bei Fischen. Der Kopf des Tiktaalik ist flach, mit den Augen auf der Oberseite, ganz wie beim Krokodil. Im Innern seiner Flossen finden sich Knochen, die dem menschlichen Ober- und Unterarm sowie Teilen des Handgelenks gleichen. Entscheidend für den weiteren Gang der Geschichte aber ist der Hals. Während der Schädel bei allen früheren Fischen mit mehreren Knochen an der Schulter verankert war, ist der Kopf des Tiktaalik völlig von der Schulter getrennt. Eine Formation, die sich auch bei Amphibien, Reptilien, Vögeln und Säugetieren, einschließlich des Menschen, findet. Der Effekt dieser Veränderung: Während ein Fisch, wenn er den Kopf zur Seite wendet, den ganzen Körper mitbewegen muss, kann der Tiktaalik den Kopf – und damit die Augen – unabhängig vom Körper bewegen. Der Verlust weniger kleiner Knochen führt zu einem beweglichen Hals und erweitert das Blickfeld: Die dadurch gewonnene Freiheit ist die Voraussetzung für ein Leben außerhalb des Wassers und den Landgang des Tieres, so resümiert Shubin. Und hat damit den Schlüssel für den «Fisch in uns». Vom Schluckauf zur Kaulquappe Shubin veranschaulicht den Zusammenhang bestimmter Lebewesen im Lauf der Geschichte und zieht dazu die Baupläne der Gliedmaßen von Fledermaus, Buckelwal, Pinguin und Mensch heran – so übersichtlich, dass jeder Biologielehrer dessen Abbildungen sofort in den Unterricht übernehmen kann. Dabei interessiert Shubin sich aber nicht nur für die Entwicklung der Lebewesen, sondern auch für die Geschichte der Wissenschaften. Wenn er zum Beispiel in die vergleichende Embryologie einführt, dann nicht ohne einen Verweis auf die Dispute zwischen Karl Ernst von Baer (1792– 1876) und Ernst Haeckel (1834–1919) oder auf Hilde Mangolds (1898–1924) Experimente an Salamander-Embryonen. Die Embryonal-Entwicklung dient Shubin zum selben Zweck wie die Baupläne der Gliedmaßen: Sie zeigt die Gemeinsamkeiten verschiedener Lebewesen, macht nachvollziehbar, wie sie auseinander hervorgegangen sind. Am Ende dieser Kette steht der Mensch. Und Shubin besteht derart konsequent auf dem evolutionären Charakter der Menschwerdung, dass sein Gegner, ohne dass er genannt würde, unschwer auszumachen ist. Wenn er etwa den Schluckauf aus «unserer Vergangenheit als Fische und Kaulquappen» ableitet, ist das nicht einfach nur lehrreich – diese Lektion scheint direkt in die Sonntagsschulen kreationistischer Gemeinden hineingerufen zu sein. Der nach europäischen Maßstäben unbegreiflich große Einfluss bibeltreuer Evolutions-Leugner in den USA treibt Shubin offenbar an: So betont er immer wieder, dass wir die Funktionsweise unseres Körpers nur verstehen können, wenn wir den Menschen als Produkt der Evolution begreifen. Vielleicht betont er etwas zu oft, dass dasselbe gilt, wenn man Wege zur Heilung von Krankheiten beschreiten will. Denn Heilungsversprechen von Wissenschaftlern verfallen oft in den selben Ton, in dem prophetische Schriften das Himmelreich auf Erden verkünden: Das Versprechen, dass mit dem Verständnis unseres Körpers auch dessen Krankheiten in den Griff zu bekommen seien, kann schnell den Wunsch hervorrufen, mit Mitteln wie der Gentechnik in den Konstruktionsplan des Menschen einzugreifen – und so dann doch den vernünftig planenden Schöpfer ins Werk zu setzen, ganz ohne Bibel-Fundamentalismus, nämlich in irdischer Menschengestalt. Wenn Shubin dennoch ein durch und durch spannendes, lehrreiches und eben auch sympathisches Buch geschrieben hat, dann, weil er den Menschen nie aus dem Blick verliert. Zum Beispiel vergisst er nicht, dass sein eigenes Fach, die Paläontologie, ihre historischen Wurzeln in der Kolonialgeschichte des 19. Jahrhunderts hat. Als es vor zwei Jahren darum ging, seinem Fossilf und einen Namen zu geben, schickte Shubin dem Ältestenrat der Inuit, die den Forschern die Grabungsgenehmigung erteilt hatten, ein Bild des Fossils und bat um einen Vorschlag. Und so sind es die Inuit, die diesen Namen gefunden haben: Tiktaalik heißt übersetzt «großer Süßwasserfisch».
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