Größer als das Leben Schön, reich und traurig: In «Wilde Unschuld» inszeniert Tom Kalin ein amerikanisches Familiendrama – leider kennt man es schon
Die Geschichte ist nicht neu, bietet aber immer wieder neuen Stoff zum Träumen, Alpträume eingeschlossen: Junge schöne Frau aus kleinen Verhältnissen heiratet reichen Erben. Ein Lebensspiel wie dieses mit ungleichen Karten beginnt trotzdem – oder gerade deswegen – mit den schönsten Hoffnungen. Sie möchte glänzen, ihrer neuen Rolle gerechtwerden; er schaut sich ihre Bemühungen gelassen an. In der ersten Paar-Szene dieses Films wird telefoniert. Ein Abendessen ist geplant, sie lädt mit gespielter Routine ein, hat aber ein erregtes Bibbern in der Stimme. Sie kündigt schließlich einen echten Prinzen an, der sich später doch nicht als das herausstellt, was er zu sein schien.
Julianne Moore spielt die glückliche Frau perfekt, die auf dem Gipfel ihrer Träume angelangt ist: Sie hat den reichen Mann mit den guten Manieren, der exquisiten Familiengeschichte, dem glänzenden Aussehen bekommen. Doch beim Abendessen im exklusiven Restaurant geht ein erster Riss durch die Ehe-Idylle. Sie benimmt sich ein wenig daneben, redet zu laut, ist ein wenig vulgär. Sie beherrscht die Regeln nicht, fordert ihren Mann heraus und setzt ihn dem Spott aus. Aber noch sieht er in ihr, was ihm fehlt: Leidenschaft und Lebendigkeit. Er wartet auf sie, sie wähnt sich als Überlegene. Den Anfang dieser Ehe- und Familiengeschichte inszeniert Regisseur Tom Kalin vielversprechend. Die Frau als die Exzentrische, den Mann als den Langweiler. Sie will Leidenschaft und Unbedingtheit; er ist gefangen in einer Erziehung, die Contenance forderte.
Natürlich kennt man diese Paarung schon, aber es macht Vergnügen, einer großen Kino-Schauspielerin zuzuschauen,die die Rolle einer modernen femme fatale variiert. Leider dominieren die genauen Gesten und Blicke, die selbstsichere Fahrigkeit der Julianne Moore jedoch nur den Anfang dieses Films, der auf einen US-Bestseller zurückgeht: «Savage Grace. The True Story of Fatal Relations in a Rich and Famous American Family». Der Band verdankt seinen Erfolg einem unschlagbaren Rezept, mit dem die freudige Erwartung weniger wohlhabender Leser befriedigt wird, nämlich tiefen, gründlich recherchierten Einblick zu gewähren in das traurige Leben der Reichen. War es einst in der Fernseh-Serie «Dallas» das Öl, so ist in dieser wahren Geschichte eines Familienimperiums Bakelit der Stoff, der den Wohlstand bescherte. Der Großvater von Brooks Baekeland (gespielt von Stephen Dillane) hat ihn erfunden, die Generationen danach können deswegen in Saus und Braus leben – und werden doch nicht wirklich glücklich; alle Armen, die keinen klugen und geschäftstüchtigen Großvater hatten, können sich getröstet fühlen. Es geht um Perversionen und Betrug, um ein Leben, das trotz Reichtums nicht gelingt.
Wie in den «Buddenbrooks» ist das jüngste Glied in der Kette der Erben das schwächste. Allerdings tritt hier kein kränklicher Hanno auf, nur ein langweiliger junger Mann, der sich der dominanten emotionalen Mutter nahe und dem gefühlskalten Vater fern fühlt. Beides sind – folgt man der Freud’schen Küchen-analyse in diesem Film – Gründe, die ihn homosexuell, aber auch nicht froh werden lassen.
Zwei Jahrzehnte umfasst die Geschichte von zwei Menschen, die als Erfüllung eines Wunschtraums beginnt und als Alptraum endet. Dabei wird kein Klischee ausgelassen. Und die Bilder bleiben – das ist vielleicht das Interessanteste an diesem ästhetischen und dramaturgischen Scheitern – ebenso oberflächlich wie die Charaktere und Episoden. Keinen Augenblick lang vergisst man, dass man einer zwar perfekt ausgeleuchteten, aber mittelmäßigen Inszenierung beiwohnt. Nichts nimmt einen gefangen, nirgendwo findet sich, worauf diese Geschichte und das Kino überhaupt sich in seinen besten Momenten gründet – nämlich die Darstellung von Gefühlen, die größer sind als das Leben. «Bigger than Life» heißt denn auch jener unvergessliche Film über eine extreme Familientragödie von Nicholas Ray aus dem Jahr 1956.
Wie klein wirkt dagegen dieses Familiendrama der gehobenen Stände: Der Regisseur arbeitet die Stationen der Tragödie ab und zeigt dabei brav die richtige Mode, das passende Interieur. Alles stimmt – und ist doch langweilig.
MANUELA REICHART
Wilde Unschuld
USA 2007. 96 Min.
Regie: Tom Kalin
Mit Julianne Moore,
Eddie Redmayne,
Stephen Dillane u.a.
NATALIE ROBINS UND
STEVEN M. L. ARONSON
Savage Grace. The True
Story of Fatal Relations
in a Rich and Famous
American Family
Touchstone Books, New York
2008. 512 S., 10,99 ¤