Gila Lustiger
Die Tochter des deutsch-jüdischen Historikers Arno Lustiger wurde 1963 geboren, studierte Germanistik und Komparatistik an der Hebräischen Universität in Jerusalem und lebt als Journalistin, Lektorin und Schriftstellerin in Paris. Bekannt wurde sie durch ihren ersten Roman «Die Bestandsaufnahme» sowie durch ihre autobiografische Familiengeschichte «So sind wir». Zuletzt erschien «Herr Grinberg & Co. Eine Geschichte vom Glück»
Meine erste Liebe hieß Michael. Die zweite Euripides. Euripides ist geblieben. Michael nicht. Ich begegnete beiden zur gleichen Zeit, deshalb muss über beide gleichzeitig berichtet werden.
Ich erinnere mich nicht mehr, warum Michael es war, der etwas in mir entfacht hatte. (Ich könnte ihn nun mit allen möglichen Eigenschaften ausstatten, die er, sehr wahrscheinlich, nie besessen hat, allein ich entsinne mich nicht einmal mehr seiner Gesichtszüge.) Das Gefühl der Rastlosigkeit hingegen, das mich plötzlich erfasst hatte, spüre ich auch heute noch ganz deutlich. Immer und überall suchte ich ihn, schweifte mein Blick über den Schulhof und durch die Korridore. Michael, Michael, Michael. War er nicht da, war ich ungeduldig und ermattet zugleich, schien mir alles in Langeweile erstarrt. Erkannte ich ihn schon von weitem an seinem linkischen Gang, gewannen die Dinge um mich herum wieder an Kontur. Alles wurde feinfühlig, alles schien vor Anspannung zu vibrieren.
Einmal blieb ermitten in seinem Rundgang über den Schulhof neben unserer kleinen Gruppe Mädchen stehen und sprach mich an. Ich schrak zusammen. Mein Kopf war leer… ich wusste nichts… wie ausgehöhlt… ich wusste nichts zu sagen… Michael wartete einen Augenblick, dann wandte er sich von mir ab und ging. Ich blickte ihm nach und hasste mich. Unbeholfen und stumm, so schien es mir, hatte ich mich um mein Glück gebracht. Am Abend konnte ich vor lauter Verzweiflung nicht einschlafen und zog eine kleine Dünndruckausgabe hervor, die ich in der Bibliothek meines Vaters gefunden hatte. So traf ich also auf Euripides.
Zuerst verstand ich nichts. Aber weil ich hartnäckig blieb oder zu eitel war, um mir meine Ratlosigkeit einzugestehen, las ich weiter. Langsam, Seite um Seite, geriet ich in den Bann der Wörter. Ich las, und mein Zimmer, meine Kommode, mein Tisch, mein Bett verschwanden, ich las und entfernte mich endlich von mir selbst. An einem Dienstag, gleich nach dem Läuten der Schulglocke, kam Michael auf mich zu und fragte mich, ob ich Sonntag mit ihm ins Kino gehen wollte. Leise gab ich Antwort. Die Zeit kroch wie eine kleine Schnecke voran. Donnerstag… Freitag… Samstag … Dann kam auch sie ans Ziel. Ich machte mich bang auf den Weg und…
Ließ Michael mich sitzen oder ich ihn? Spielt das denn eine Rolle? Wichtig ist nur eins, ich las, las die gleichen Stücke, entdeckte aber eine neue Seite: Die Götterwaren grausam. Sie bestraften Unschuldige, aus einer einfachen Laune heraus. Und die Menschen? Obwohl als einsichtige Wesen geschildert, scheiterten sie an ihrer Schwäche. Sie konnten sehen, sahen aber nicht, konnten richtig handeln, handelten aber falsch. Verblendet standen sie sich im Weg. Und aus einem einzigen unerheblichen Vergehen entwickelte sich ihr Untergang. Ganz klar spürte ich bei Euripides, dass Gutes in gleichem Maße Gutes erzeugt, dass aber ein einziger Fehltritt, vielleicht nur eine Gefühlskälte, der Anfang ist von Bestialität.
Damals stellte ich mir eine einfältige Frage. Eine Frage, die in meiner Kinderwelt verwurzelt ar, einer Welt, so klar abgesteckt wie ein Schachbrett, unterteilt in Schwarz und Weiß. Mit jugendlichem Überschwang rief ich: «Meine Herren, ich suche jemanden, ein Subjekt, ein Individuum, eine Person, einen Delinquenten.» Ich suchte Schuld, die Essenz des Schuldigen, einen Bösewicht, durch und durch. Aber wer passte in die Rolle? War Phaidra schuldig, weil sie ihren Stiefsohn liebte und verleumdete? Sicherlich. Und Theseus, der seinen Sohn verfluchte? Theseus auch. Aber war nicht Aphrodite, die Göttin der Liebe, schuld an Phaidras Leidenschaft? Es gab keine befriedigende Antwort. Jedes Mal, wenn ich einen Sündenbock gefunden hatte, entpuppte auch er sich als Opfer. Ein Gedanke machte sich auf den Weg, zaghaft noch, aber er begann sich zu formen. Hatte ich zuvor alles in Gut und Böse geordnet, fein säuberlich in Recht und Unrecht zerlegt, als wäre das Leben ein leckeres, fettes Huhn, als könnte man sich das Leben in appetitlichen Häppchen einverleiben, verzweigten sich nun die Begriffe, wuchsen zu etwas Wucherndem, Organischem, sich unaufhaltsam Veränderndem zusammen.
Damals kaute ich lange an einem Satz, einem widerlichen Brocken: «Leid entsteht stets durch Leid. »Wie soll man so etwas mit fünfzehn schlucken? Und dennoch: es war nicht zu leugnen. Leid ist kein Einzelphänomen. Leid leuchtet nicht auf und erlischt wie ein großer Meteor. Ja, und selbst wenn dem so wäre, so hatte ich, mit meinen ungeübten Augen, nur den glänzenden Fall wahrgenommen, aber Euripides sah überall Ursache und Folge, sah auch das Davor und das Danach. Ganz besonders das Danach. Und plötzlich (und von nun an) sah ich ihn auch – den Staub, der nach so einem gewaltigen Leuchten auf die Erde fällt. Plötzlich sah ich diesen elenden, grauen, alltäglichen Staub.
Michael hat mich verlassen, aber Euripides nicht. Man braucht im Leben beides: den Schmerz, verlassen worden zu sein, und den Beistand eines guten Freundes. Man braucht im Leben beides: das Blendwerk Liebe und das Blendwerk Literatur. Fast bin ich geneigt zu sagen: Von beiden geht die gleiche übermäßige Helligkeit aus. Und: wirklich sehen kann nur der, der sich ab und zu blenden lässt.
Michael hat mich verlassen. Hat mir Euripides in diesen dunklen Stunden geholfen? Ich will ganz ehrlich sein: Geholfen hat mir Michaels Nachfolger. Aber was denn? Sie haben doch nicht tatsächlich vermutet, ich wäre so blöd zu behaupten, Literatur könne das Leben wieder in Ordnung bringen? Nein, so etwas kann kein erdichtetes Wort. Aber etwas bewirkt es doch: eine Atempause. Eine Handvoll Sätze, und man verschnauft, dann geht das Leben weiter und mit ihm die kleinen und großen Betrügereien. Eine Atempause, das ist vielleicht kein gutes Schlusswort für einen Text, der von den ersten Liebe, der ersten Lektüre berichtet. Eine Atempause, das ist kein Happyend. Nun, vielleicht doch.