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Ausgabe 11/08 - Literaturen - Literatur
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Inhalt
Titel Literaturen 11.08
EDITORIAL

SCHWERPUNKT

VORWÄRTS INS MITTELALTER
Wo noch ein mittelalterlicher Stadtkern erhalten ist, gibt es heute auch ein Mittelalter-Fest, Mönchs- und Ritter-Romane erfreuen sich ungebrochener Beliebtheit. Dirk Schümer, Kurt Flasch und Valentin Groebner über die Konjunktur dieses gar nicht dunklen Jahrtausends

LITERATUR UND LEBEN
Gisela von Wysocki Russische Rosenkriege
Leo Tolstoj und seine Frau Sofja Tolstaja bereiteten einander eine – jetzt verfilmte – Ehehölle. Auch Romane gehörten zum Kampf-Arsenal

DAS KRIMINAL
Mes amis, les Suédois
Einige Schweden-Klischees mag Franz Schuh gern, darunter den schwedischen Sommer und nacktbadende Schwedinnen, auch im Ausland

BÜCHER DES MONATS
Jutta Person
Dietmar Dath: Die Abschaffung der Arten

Harry Nutt
Hunter S. Thompson: Angst und Schrecken im Wahlkampf

Merten Worthmann
Rafael Chirbes: Krematorium

Jan Engelmann
Dieter Thomä: Väter

Andreas Nentwich
Uwe Tellkamp: Der Turm

René Aguigah
Natalie Zemon Davis: Leo Africanus

WILDES DENKEN
Stefanie Peter Chopins Ohrwurm am Amazonas
Geistes-Aristokrat im Urwald, Ökologe der ersten Stunde: Zum 100. Geburtstag des Ethnologen Claude Lévi-Strauss

THRILLER
Sigrid Löffler Hinter den Kulissen des Kunstmarkts
Kunstkrimis florieren auf dem ohnehin boomenden Krimi-Markt. Über die Kunst-Schickeria als Stofflieferant aparter Verbrechen

DIE BEISEITE
Sibylle Berg Ein Prost mit der Feuerzangenbowle
Der Herr Bueb kann sagen und schreiben, was er will: Schule ist Krieg – und Lehrer sind ebenso oft Krieger wie Kriegsopfer

DAS JOURNAL
Rezensionen neuer Bücher von Daniel Barenboim || Stephan Puchner || Niklas Luhmann || Christian Zehnder || Anja Ebner (Hg.) || Sven Regener || Gilles Leroy || Kathrin Passig, Sascha Lobo Bildbände von Jörn Vanhöfen || Gisela Vetter-Liebenow (Hg.) || Rose Issa (Hg.)

KINDERBÜCHER
Fridtjof Küchemann Fliegen mit Leonardo da Vinci
Genialer Tüftler, Künstler, Geheimniskrämer – vier Versuche, das Universalgenie einzukreisen

PORTRAIT
Ronald Düker Don Quijote im Knüllgebirge
Ulrich Holbein ist Schriftsteller und Enzyklopädist. Nun legt er ein unvergleichliches Narren-Kompendium vor. Ein Besuch in der hessischen Provinz

KURZ & BÜNDIG
Bücher von Günter Grass || Nicolas Pethes u.a. (Hg.) || Artur Becker ||MichaelMoore || KlausModick || GertMelville, Martial Staub (Hg.) Bildbände von Lothar Schirmer (Hg.) || Alfons Hug u.a. (Hg.)

DAS MAGAZIN
Mitten aus Zürich || Kalender || Jetzt als Taschenbuch || Literatur im Kino || Hörbücher || Netzkarte || Was liest Angela Krauß?

IMPRESSUM

VORSCHAU, P. S., REGISTER

Editorial
ausgabe_11-08_edit Wir wissen längst, liebe Leserin, lieber Leser,

dass auch das Verbrechen sich am Markt orientiert. Neue Geschäftsfelder ziehen neue Arten von Kriminalität nach sich – Luftpiraterie, Giftmüllhandel, Internet-Kindesmissbrauch, Organhandel. Und wenn man erst an die Milliarden denkt, die sich auf dem heutigen Kunstmarkt verdienen lassen, dann überrascht es kaum, dass die Kunst-Kriminalität eine Wachstumsbranche ist.
Niemand hat für den Tanz um das goldene Kunst-Kalb ein schlüssigeres – und zynischeres – Inbild gefunden als der merkantile Genius und Mega-Künstler Damien Hirst. Dessen in Formaldehyd eingelegtes Stierkalb mit den vergoldeten Hufen und der Sonnenscheibe zwischen den Hörnern symbolisiert und bestätigt das, wofür es steht: den Goldrausch auf dem Kunstmarkt. Zugleich verhöhnt es ihn – mit dem sinnigen Titel «False Idol». Damien Hirst hatte auf seiner jetzt schon historischen Auktion bei Sotheby’s letzten September sein Spitzenstück als Los mit der Nummer 13 gesetzt und durfte sich freuen, dass es um den Spitzenpreis von 9,2 Millionen Pfund losgeschlagen wurde.
Warum Sie ausgerechnet in LITERATUREN eine solche Vorrede zu lesen bekommen? Weil inzwischen auch die Literatur das kommerzielle Potenzial der Kunst-Kriminalität für sich entdeckt hat. Kunstkrimis boomen; und Krimi-Autoren sind äußerst erfinderisch im Ausknobeln von Verbrechen, wie sie sich in der Wirklichkeit der zeitgenössischen Kunstszene tagtäglich ereignen. Lesen Sie ab Seite 54, wie nahe die Autoren von Kunst-Thrillern mit ihren Plots den dubiosen Machenschaften von Museumskuratoren, Galeristen, Gutachtern, Händlern, Sammlern, Auktionatoren, Hehlern und Fälschern von Kunst tatsächlich kommen. Und natürlich kein Moses weit und breit, der mit heiligem Zorn dieses falsche Idol zerschlüge.

Spannende Lesestunden wünscht Ihre LITERATUREN-Redaktion

Das Kriminal
Mes amis, les Suédois

VON FRANZ SCHUH

Lang, lang ist’s her, da ich in einem «Kriminal» das Buch «Der unglückliche Mörder» von Håkan Nesser unter dem Titel «Der andere Schwede» besprach (siehe LITERATUREN 3/2002) – denn der eine Schwede war ja damals immer Mankell. Auch Nesser arbeitete mit einem mythischen Polizisten, mit Van Veeteren, einem müden alten Mann,der gar nicht mehr bei der Polizei ist. Die Polizisten,die er alleingelassen hat, strickenfest an seiner Legende, er ist der Leitstern ihrer Untersuchungen, und am Ende stellt sich heraus, dass der Alte selbst ohne Polizeiapparat immer nochmehr herausfindet, als die in der Gegend herumwuselnden Polizisten.
Mittlerweile ist Van Veeteren fernsehtauglich,und ich erinnere mich an eine Serienfolge, da hatte er eine Operation am Knöchel, und das Beste,was ich über diese Folge sagen kann, lautet: Vorher humpelte er, nachher nicht mehr. Auch der Autor ist weitergegangen– zu einem Inspektor namens Gunnar Barbarotti, und der ist noch bei der Polizei. Aber «Eine ganz andere Geschichte» von Håkan Nesser (btb, 19,95¤) macht mir ganz andere Probleme. O ja, das ist hübsch, wie am Romananfang Barbarotti auf Urlaub geht, und wie er auf dem Lande seine Geliebte trifft. Die Liebe ist bis zum Schluss die unterschwellige Melodie der «anderen Geschichte». Und diesbezüglich ist der Schluss auch schlüssig: Der Inspektor teilt der Geliebten am Telefon mit, seine Kinder würden zu ihm ziehen, und im neuen Haus wären es dann sieben Personen. Was wird die erwünschte Lebensgefährtin dazu sagen? Zunächst ist es still in der Leitung…
Der andere Schluss, nämlich die Auflösung des Falles, verdient es, zum Seminarthema von Kriminalroman-
Gelehrten zu werden.Geht das so, darf man das? Ich sage nichts und rede von etwas anderem. Ich glaube, eswar ein Schweizer Literaturkritiker, der sich einen der Kardinalfehler unserer Branche leistete: In einer Vorschau auf die sensationellen Neuerscheinungen des Jahres unterschied er die Bücher nach Gewicht, und es schien, als ob
ihmein paar leichtere sympathischer gewesen wären. Gilt aber nicht, denn der Umfang als absolute Größe sagt gar nichts; ob er in Ordnung ist, ist immer nur in Relation zum Inhalt bestimmbar, und jetzt sitze ich mit diesem Sechshundert-Seiten-Buch von Nesser da und frage, ob weniger vielleicht mehr gewesen wäre.
Ich verstehe ja dieVersuchungen und die Notwendigkeiten des Epischen. Richtige Welten nehmen erst in ihrer Fülle den Leser gefangen. Wenn aber die wirkliche Geschichte eine ganz andere ist als die des Langen und des Breiten erzählte, dann könnte der Umfang einzig und allein auf eine Machenschaft des Autors zurückgehen. Und siehe da: Man findet in dem Buch Reflexionen, die den Wörtern Überflüssigkeit attestieren: «Wenn wir eines Tages Resümee ziehen müssen, werden wir das deutlich merken – wie wenig alles, was wir gesagt und geschrieben haben, wiegt…Wir werden nicht für Worte zur Rechenschaft gezogen, ich begreife nicht so recht, warum wir uns ständig in deren schützende Obhut flüchten.Warum wagen wir es nicht, in Schweigen und unseren Gedanken zu ruhen?» Obacht, so schreibt der Mörder, in dessen Manuskript der Autor seine Leser tief blicken lässt. Daher lautet auchder Schluss dieser Passage, in der es um die philosophische Frage geht, was denn das Entscheidende sei, einfach so: «Von allen menschlichen Handlungen ist das Töten die entscheidenste.» Vielleicht ist die falsche Steigerungsform am Ende ein Zeichen auch der philosophischen Fragwürdigkeit.
Als in Cottbus wieder einmal ein Fußballspiel stattfand, hielten ein paar so genannte Fans die Inschrift hoch: «Ein Spiel ohne Tore istwie ein Leben ohne Sex.»Einige Aphorismen dieses Niveaus kann man auch bei Nesser lesen, aber es ist nicht ausgeschlossen, dass Aphorismen überhaupt so ausschauen. Es hilft nichts, es geht in diesem Buch tatsächlich um Philosophie; schon die ganze Anlage hat etwas davon: DerMörder schickt dem Inspektor Briefe, in denen er die zukünftig Toten beim Namen nennt. Ist der Mörder geistig überlegen – so wie der Philosoph einem Polizisten? Die schwedischen Klischees hingegen mag ich gern: der schwedische Sommer, die Einsamkeit in der Natur und das Nacktbaden schwedischer Frauen, auch im Ausland. «Eine ganz andere Geschichte» erzählt nicht zuletzt von lustigen Schweden, die in der Bretagne Urlaub machen. Dort ruft ihnen eine echte Französin zu: «Mes amis, les Suédois!»
In Schweden angekommen ist mittlerweile ein falsch verstandenes Zitat aus der deutschsprachigen Literatur: Ein Mann, dermit allem diskret umgeht, der also keine Konturen hat, wird als «Mann ohne Eigenschaften» tituliert. Dieser Einwandmag sinnlos sein,weil die Schlagwortwelt ohne den Mann ohne Eigenschaften nicht auskommen will, aber Eigenschaftslosigkeit bedeutet bei Robert Musil eben nicht Konturlosigkeit, sondern Kritik an der Borniertheit, sich in einer komplexen Welt über simple Eigenschaften zu definieren. Ich kann nicht sagen, dass mir die Figur des Inspektor Barbarotti ans Herz gewachsen wäre; sie ist oberflächlich und durchsichtig. Aber sein Chef, der Leiter der Kriminalabteilung, der im Alleingang und durch reinlogisches Denken den Fall löst, während alle anderen sehr verwirrt sind – dieser Mann ist müde und geschlagen genug, um eine mythische Person zu werden: Ein bekiffter Rowdy hat ihm mit dem Baseballschläger das Gebiss zerschlagen. Seitdem geht er nicht mehr auf die Straße; er regelt alles vom Schreibtisch aus und kann sich besser als die anderen dem entziehen, was Nesser so schön (und so selbstbezüglich) «den mentalen Schneematsch» nennt.
Die Beiseite
Ein Prost mit der Feuerzangenbowle

Der Herr Bueb kann sagen und schreiben, was er will: Schule ist Krieg – und Lehrer sind ebenso oft Krieger wie Kriegsopfer

VON SIBYLLE BERG


Vieles gibt’s,das man vermutlich erst im Herbst des Lebens zu schätzen weiß: Bergwanderungen. Schweigende Ehepaare. Oder Lehrer zum Beispiel. Nicht Tanzlehrer oder Tauchlehrer, sondern jene, die uns am meisten geprägt haben: die Schullehrer. Rückblickend und mit jener milden Verblödung, die man gerne und in völliger Verleugnung der Wahrheit «Weisheit» nennt, hält man den Kopf schief und murmelt: jaja, der Rindlisbacher.
Und meint damit eben jenen Rindlisbacher, der einem ein Fach in der Schule nicht zur Hölle machte – den einen Lehrer, dem man aus undurchschaubaren Gründen sympathischwar,der einem den Glauben daran gab,dass außer den Eltern Erwachsene existierten, die einen mögen konnten. Der Rindlisbacher konnte einem die berechtigte Angst vor dem Größerwerden nehmen, und das Grauen, in die Schule zu müssen, jeden Tag in den Krieg, ein wenig abschwächen.
Daneben gab es immer auch die anderen: das Böse, den Teufel, die Sünde, den Hass. Lehrer, die einemin unbeobachteten Momenten Kopfnüsse gaben und Tritte in den Hintern (ich komme aus dem Osten, da gab es sowas). Lehrer, die einen mit unverhülltem Ekel behandelten,weil – seien wir ehrlich – manche Kinder abstoßende kleine Würmer sind ,und auch Lehrer Gefühle haben. So lernte man al sKind behutsam und im geschützten Raum etwas über das Funktionieren der Welt. Dieses lässt sich kurz zusammenfassen in: Es gibt immer viele Arschgeigen und ein paar Gute.
Später dann, als man der Schule entkommen war, von der man geglaubt hatte, sie sei im Leben das Schlimmste,was man zu überstehen hätte (zahnloses Kichern), interessierten einen Lehrer nicht mehr – bis zu dem diffusen Zeitpunkt, daman begann, kein Jugendlicher mehr zu sein, sondern ein Erwachsener, der unerfreulicherweise meinte, ein Ich entwickeln zu müssen. Damit einher geht zwingend das Entwickeln einer eigenen Meinung, und im Fall der armen Lehrer hieß das:AlleVorurteile,die einem die Welt zu vereinfachen scheinen, verdichteten sich zu einem Bild des Grauens.
Der Lehrer konnte nur deutsch sein, in anderen Nationalitäten war dieser Beruf undenkbar. Er hatte graue Haare, ob Mann oder Frau, grobes Knochenwerk und «Die Zeit» abonniert. Der Lehrer klugscheißerte sich mit schneidender Stimme durch dieWelt, und wohl dem, der gesunde Beine hat, um schnell wegzulaufen, wenn er einem dieser Rasse begegnet.
Diese Zeit der großen Abgrenzung ist nun vorbei.
Jetzt hat, wie erwähnt, die Milde der späten Jahre eingesetzt, die meist nicht mehr ist als eine allumfassende Trägheit des Leibes und der Gedanken, und die lässt Lehrer beinah zu Helden werden. DieWelt ist doch ein besserer Ort geworden, seit mehr Menschen ein wenig gelernt haben. Alles imR ahmen natürlich, denn wenn man irgendetwas versteht im Laufe der Jahre, dann, dass Menschen fast immer eher unangenehme Geschöpfe sind, dass sie meist zuträge sind, um zu lernen, und darum ihren abstoßenden Instinkten eher folgen als dem, was sie inzwischen eigentlich hätten begriffen haben können.
Ein Lehrer kann dieWelt zu einem angenehmeren Ort machen, und im guten Fall will er genau das. Man kann großen Schaden anrichten in kleinen dummen Kinderköpfen – oder dort Vernünftiges platzieren. Im besten Fall die Freude daran, erst nachzudenken, bevorman seinen Trieben folgt. Es gibt Lehrer, die genau das wollen. Sie lieben ihre Arbeit, trotz all der unangenehmen Umstände, mit denen sie heute zu tun bekommen. Testosteronüberfluteten Blödkindern mit Waffen in der Tasche und Schäden im Hirn begegnen zumüssen, ist kein Zuckerschlecken. Fast weinen möchte man, wenn man von Lehrern liest, die sich nur bewaffnet zumUnterricht trauen, die von dummen Rüpeln geschlagen werden, die sich verspotten lassen,weil sie an etwas anderes als an Gewalt als Argument glauben. Junge Männer waren schon immer eine Plage, doch früher gingen diese Deppen nicht zur Schule, sondern direkt in den Krieg oder aufs Feld. Jene Kinder wiederum, die nicht mit Messern in die Schule gehen, sind kleine Klugscheißer und drohen dem Lehrpersonal mit Klagen wegen Verletzung ihrer Persönlichkeitsrechte.
Die Zeit, da Apotheker, Arzt und Lehrer die Helden im Städtchen waren, denen man mit Heben des Hutes die Tageszeit bot, sind in Europa längst vorbei. Der Beruf wird heute mit keinem Bild mehr verbunden – weder mit dem schmarotzender Alt-68er in Lebensstellung, nochmit jenen hassenswerten Karikaturen von Rohrstock-Diktatoren, die mi tpreußischer Erziehung eine Nation verdorben haben. Lehrer sind heute zu Kriegern geworden. Im günstigsten Fall haben sie diesen Beruf ergriffen, weil sie an das Gute glaubten. An die Lernfähigkeit. Unterbezahlt imVergleich zu dem,was diverse unfähige Manager verdienen, ist der Lehrer ein ökonomisches und soziales Nichts geworden – immermit einem Bein entweder im Krankenhaus oder im Kriminal. Errichtet den Lehrern kleine Denkmäler, Schreine, in denen ihnen geopfert wird. Lest «Die Feuerzangenbowle», verneigt Euch vor ihnen und zieht den Hut, wenn Ihr einen tragt. Lehrer haben einen furchtbaren Job. Doch irgendjemand muss ihn wohl machen.
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