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Ausgabe 12/08
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Inhalt
Titel Literaturen 12.08
EDITORIAL

SCHWERPUNKT
WALTER BENJAMIN – EIN KALEIDOSKOP Walter Benjamin ist ein Klassiker und wird doch ständig neu bearbeitet: Soeben startet eine «Kritische Gesamtausgabe». René Aguigah, Hans Ulrich Gumbrecht, Manfred Schneider, Sigrid Weigel, Michail Ryklin und Micha Brumlik zeichnen Facetten des Theoretikers

TITEL
ZAFÓNS BARCELONA Sigrid Löffler Stadt der Dämonen Mit dem Thriller «Das Spiel des Engels» ist Carlos Ruiz Zafón erneut ein Bestseller gelungen.Der Autor zeigt die Schauplätze des Romans und führt durch seine Heimatstadt Barcelona

LITERATUREN-GESPRÄCH
FraukeMeyer-Gosau Eine Kombination von Seele und Saldo Heinrich Breloer hat ThomasManns «Buddenbrooks» fürs Kino verfilmt. Eine Unterhaltung über das Buch, den Film und – übers Geld

DAS KRIMINAL
Jung sein in England, als Pakistani

Durch schlimme Gewaltszenen schlägt ein Psycho-Thriller Franz Schuh in seinen Bann.Die Killer darin glauben auch noch, etwas Gutes zu tun

BÜCHER DES MONATS
Patrick Bahners
Alan Bennett: Die souveräne Leserin
Ronald Düker
Stefan Klein: Da Vincis Vermächtnis
Verena Auffermann
María Cecilia Barbetta: Änderungsschneiderei Los Milagros
Holger Noltze
Jürgen Kesting: Die großen Sänger
Moritz Baßler
Christian Kracht: Ich werde hier sein im Sonnenschein und im Schatten
Jens Balzer
Klaus Theweleit, Rainer Höltschl: Jimi Hendrix. Eine Biographie

KINDERBÜCHER
Annette Zerpner Mit der Mehltüte in die Wüste Drei Krimis, einmal Fantasy, zwei historische Romane und schließlich alles übers Essen:Weihnachts-Tipps für Leseratten, Vorleser, Zuhörer und Köche

DAS JOURNAL
Rezensionen neuer Bücher von AliceMunro || Volker Braun || Helmut Schmidt,Hartmut Soell,Hans-Joachim Noack || Isaac Rosa || Noam Chomsky || Hans Pleschinski Bildbände von Bruno Girveau, Roger Diederen (Hg.) || Graydon Carter (Hg.)

DIE BEISEITE
Sibylle Berg Die neue Zeit, ich will sie umarmen Veränderungen sind nicht beliebt, aber sie müssen sein. Ohne Veränderungen hätten wir noch Hexenverbrennungen – und diese Kolumne wäre nicht geschrieben worden

PORTRAIT
Elmar Krekeler Schreib nackt. Schreib aus dem Exil. Schreib mit Blut Schwarzromantiker,Mythenmann,Humanist, Christ: Denis Johnson, der unbekannteste unter den amerikanischen Weltautoren der Gegenwart

KURZ & BÜNDIG
Bücher von Galsan Tschinag || Sabine Doering-Manteuffel || Herbert Schlüter || Steffen Kopetzky ||WilfriedWitte || Ursula Krechel Bildbände von Dieter Vogellehner (Hg.) || RenéMartens

DAS MAGAZIN
Mitten aus Paris || Kalender || Jetzt als Taschenbuch || Hörbücher || Netzkarte ||Was liest Heinrich Steinfest?

IMPRESSUM

ZUM VERSCHENKEN
LITERATUREN empfiehlt Bücher zuWeihnachten

VORSCHAU, P.S., REGISTER

Editorial
ausgabe_12-08_edit
Die Queen, liebe Leserin, lieber Leser,

macht es uns vor, in einem der köstlichsten Bücher dieses Herbstes (siehe S. 28): Eigentlich sucht Königin Elisabeth II. ihre entlaufenen Corgis, dabei stößt sie in einem Hinterhof des Buckingham Palace zufällig auf einen Bücherbus, betritt das Reich der Bücher – und verfällt denWonnen des Lesens. Fortan trainiert sie die Kunst, mit einer Hand aus der Kutsche zu winken, während sie in der anderen das Buch hält, das sie heimlich gerade liest.Als spätberufene Lustleserin entdeckt sie zu ihrem größten Vergnügen, wie unermesslich reichhaltig und nicht auszulesen die Buchwelt ist.

Tatsächlich: das Schöne am Buchmarkt ist immer noch seine erstaunliche Vielfalt. In dieser LITERATUREN Ausgabe können Sie aufs Neue feststellen, was alles an Neuerscheinungen nebeneinander gedeiht und auch sein Publikum findet. Teuer eingekaufte Gruselschmöker wie der neue Barcelona-Thriller des Katalanen Carlos Ruiz Zafón (siehe S. 4). Luxus-Editionen des verstreuten Aufsatz-Werks des Universal-Feingeistes Walter Benjamin, an deren delikaten Unterschieden sich Benjaministas aller Couleurs nach Herzenslust gütlich tun können (siehe S. 44). Amerikanische Literatur-Geheimtipps wie Denis Johnson, die plötzlich den großen Durchbruch schaffen (siehe S. 76).

Und werfen Sie nur einen Blick auf dieWeihnachts-Empfehlungen von LITERATUREN-Autoren und -Redakteuren: Diese Nominierungen (siehe S. 92) geben einen lebhaften Eindruck davon, dass es auch im Bereich des Lesenswerten nichts gibt, was es nicht gibt. Vorausgesetzt natürlich, dass diese Vielfalt nicht einfältig angepriesen, sondern vorher kritisch sortiert wird. Sogar im Fernsehen hat sich die Buch-Marketenderei ja inzwischen erledigt. Beginnt es sich womöglich herumzusprechen, dass Literaturkritik durch nichts ersetzt werden kann? Außer durch nichts.

Ihre LITERATUREN-Redaktion

Schwerpunkt - Ein Kaleidoskop
Eine Ferne, die endlich näher rückt
Die neue «Kritische Gesamtausgabe» verspricht, einen Klassiker besser lesbar zu machen

BENJAMIN UND SEINE EDITIONEN
VON RENÉ AGUIGAH

Walter Benjamin ist der berühmteste Geheimtipp der deutschen Geistesgeschichte. Jeder kennt seinen Namen, doch die meisten meinen, es mit einem Autor zu tun zu haben, der es noch immer nicht in die erste Riege des philosophisch-literarischen Kanons geschafft habe. Zum «echten Klassikerstatus», schrieb erst kürzlich ein Kritiker, fehle Benjamin eine «historischkritische Gesamtausgabe». Wie bitte? Benjamins Werk liegt in «Gesammelten Schriften» vor, 14 dickleibige Teilbände; seine Briefe sind in sechs solide edierten Bänden versammelt; die wichtigsten Abhandlungen und Essays kursieren in ungezählten Einzelausgaben oder Textsammlungen; mit Kommentaren, Einführungen, Bibliografien und Biografien über Benjamin ließen sich mühelos ganze Regalwände füllen. Was könnte da noch kommen auf dem Weg zum echten Klassikerstatus? Nun – eine neue Werkausgabe. Soeben erscheint der zweite Band der «Kritischen Gesamtausgabe», die in diesem Jahr gestartet ist: die Anthologie «Deutsche Menschen. Eine Folge von Briefen».
Der Ruf, ein nicht genügend anerkanntems Genie zu sein, verfolgt Walter Benjamin seit seinem Tod. Benjamins Name, notierte sein Jugendfreund, der Religionshistoriker Gershom Scholem, gehörte zu den «verschollensten in der geistigen Welt»; lediglich bei wenigen Wissenden habe er jene Reputation genossen, die ihm gebührte, nämlich die des «bedeutendsten Kritikers deutscher Sprache». Theodor W. Adorno fand, Benjamins eigentliche Bestimmung sei nie gewürdigt worden: seine Philosophie, für die man ihm «den öffentlichen Ruhm vorenthielt, auf den der Glanz seiner Begabung ihm jedes Anrecht zu geben schien». Und auch Hannah Arendt, sonst in kaum einem Punkt mit Adorno einig, hielt Benjamins Ruhm vor allem für Nachruhm: «Als er sich im Jahre 1940 in Port Bou, an der französisch-spanischen Grenze, das Leben nahm, war er bereits so gut wie vergessen.»

Ein Großbürger als Kulturrevolutionär
Man muss diese Einschätzung nicht teilen. Noch im Februar 1940, wenige Monate vor Benjamins Tod, feierte ihn der Literaturwissenschaftler Hans Mayer als einen der bedeutendsten deutschen Ästhetiker; als Mitarbeiter der «Frankfurter Zeitung», der «Literarischen Welt» oder des Frankfurter Radios war Benjamin publizistisch präsent, er hatte vier eigene Bücher veröffentlicht. Doch tatsächlich wurden die wahren Ausmaße seiner Arbeit für ein breiteres Publikum erst nach dem Zweiten Weltkrieg sichtbar. 1950 erschien bei Suhrkamp, im Gründungsjahr des Verlags, die «Berliner Kindheit um neunzehnhundert». 1955 gaben Theodor und Gretel Adorno ausgewählte «Schriften» in zwei Bänden heraus, darunter die Abhandlung über «Goethes Wahlverwandtschaften», Arbeiten über Karl Kraus, Kafka, Brecht, Baudelaire und Proust, die Essays über «Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit» und «Über den Begriff der Geschichte». Diese Ausgabe wurde zum Ausgangspunkt für jede nähere Beschäftigung mit Benjamin. Und um 1968 wurde sie zum Stein des Anstoßes.
Es waren nicht nur studentische Revoluzzer, die Adorno – dem Schüler, Rivalen, Helfer, dann Herausgeber und Interpreten Benjamins – sein «Monopol» vorwarfen: Die von ihm und seiner Frau ausgewählten «Schriften» unterdrückten Benjamins neomarxistische Haltung, seine philosophische Deutung ziehe dem Autor den politischen Stachel. Walter Benedix Schoenflies Benjamin, 1892 in eine wohlhabende Familie im bürgerlichen Berliner Westen geboren, erschien mit einem Mal als Theoretiker der die Massen einbeziehenden revolutionären Praxis. Ein Manuskript wie das «Programm eines proletarischen Kindertheaters» wurde «sozialisiert» und als Raubdruck verbreitet; es sollte die Kinderladen-Bewegung befeuern. Das Germanistische Institut an der Frankfurter Universität nannte sich eine Zeitlang «Walter Benjamin Institut». Gegen Adornound die anderen Granden der «Kritischen Theorie» galt es, einen verstorbenen Außenseiter ins Recht zu setzen.
Benjamin, der Kritiker, der Philosoph, der Kulturrevolutionär: in jenen Jahren ging es nie einfach um Bilder von einem Autor, die friedlich nebeneinander hätten existieren können. Stets standen Ruhm und Ehre eines vermeintlich Verkannten auf dem Spiel.

Eine neue Branche in den akademischen Hallen
1972 erschien der erste Band der «Gesammelten Schriften», herausgegeben von Rolf Tiedemann und Hermann Schweppenhäuser, ebenso umfangreich wie akribisch kommentiert. In den akademischen Produktionshallen entstand eine neue Branche, die Benjamin-Philologie; der Streit um den Marxisten flaute allmählich ab. Wenn heute, nach der Implosion der großen Ideologien, doch wieder ein politischer Benjamin im Zentrum der Debatten steht, dann der vormarxistische: der junge Autor des Essays «Kritik der Gewalt» (1921), der den liberalen Rechtsstaat ohne Berührungsängste mit radikalen Positionen jeglicher Couleur problematisiert. Einen bestimmten Sound aber pflegten die Kommentatoren nach all den Jahrzehnten ungebrochen: Noch immer tun selbst die kundigsten unter ihnen so, als sei der eigentliche Autor nur im Verborgenen zu finden. Adorno 1940: Benjamins Philosophie «wird sich in der Zeit entfalten, weil noch sein geheimstes Anliegen das Anliegen aller ist». Und Burkhardt Lindner,Herausgeber eines exquisiten Benjamin-Handbuchs, 2006: «Alle Texte führen einen geheimen Kompaß mit sich, sie verweisen auf das verborgene Gravitationszentrum seines Denkens und Schreibens. Alle Texte unterhalten geheime Verbindungen…» Die Lektüre von Benjamins Werk, so scheint es, ist bis heute eine Art Wissenschaft vom Geheimen. Anders gesagt: Eine besondere Aura umgibt Werk und Person bis heute. Denn die Aura – so umschrieb Benjamin einen seiner erfolgreichsten Begriffe – ist die «einmalige Erscheinung einer Ferne, so nah sie auch sein mag». Und tatsächlich bestehen manche Benjaminiten auf der uneinholbaren Ferne ihres Stammvaters, selbst heute, da doch seine Texte beinahe lückenlos zugänglich, sein Leben und die historischen Umstände gut erforscht sind. Sie halten fest am kaum Verstehbaren, am Unübersetzbaren, am Arkanum, das allenfalls Eingeweihten zugänglich ist. Genau dies aber zeichnet einen Klassiker im fortgeschrittenen Stadium aus: wenn er in Gefahr steht, in Gips zu erstarren. Will man ihn wieder lebendig sehen, muss man sich auf die offene Suche ins «Dickicht der Texte» (Burkhardt Lindner) begeben – ohne den Vorbehalt, nur die Spezialisten könnten, wenn überhaupt, tief blicken. Und genau dies könnten unallmählich eintreten. Zumindest knüpft sich diese Hoffnung an die neue «Kritische Gesamtausgabe».

Zeigen, wie die Konvolute zusammenwachsen
Auratisch ist an den ersten Bänden zunächst nur das Äußere. Sie liegen angenehm schwer in der Hand, der Umschlag aus grauem Leinen, die Prägeschrift in sachlichen Lettern ohne Serifen. Im Innern geht es editorisch akribisch zu – ohne den Autor durch wissenschaftliche Spinnweben zu verhängen.Wer die originalen Texte lesen will, bekommt sie übersichtlich dargeboten; wer in die Tiefen der unterschiedlichen Versionen, Korrekturen und Publikationsgeschichten steigen will, wird kompetent geleitet und erschöpfend ausgestattet. Dahinter steckt letztlich ein philologisch-demokratisches Ethos. «Hier fällt jegliche Bevormundung der Leser weg», sagen Christoph Gödde und Henri Lonitz, die Hauptherausgeber. «Editionen haben nicht den Zweck, Interpretationen zu lenken, sondern die Texte verantwortlich zu überliefern.»
Tiedemann und Schweppenhäuser mussten ihre Ausgabe seinerzeit um einen umfangreichen Nachtragsband mit spät aufgefundenen Texten ergänzen – was manche zusammenhängende Darbietung aller Fassungen einer Schrift, etwa des «Kunstwerk»-Aufsatzes, unmöglich machte. Auch verlangt ihre Gliederung dem Leser eine gewisse Vorbildung ab: Welche Texte zu Karl Kraus finden sich in der Abteilung «Essays», welche bei den «Kritiken», welche bei den «Fragmenten»? Die neue «Kritische Gesamtausgabe» kann nun sämtliche Texte gemäß einer Systematik veröffentlichen. Sie unterscheidet zwischen abgeschlossenen und Fragment gebliebenen Werken. Notizen des Autors, die einst in Anhänge verbannt worden waren, erscheinen als Haupttext. Und eine Reihe von Arbeiten erhalten ihre Selbständigkeit in je eigenen Bänden wieder: nicht nur die zu Lebzeiten erschienenen Bücher, sondern auch eigenständige Texte wie die Essays über die «Wahlverwandtschaften» oder «Über den Begriff der Geschichte». Bei der «Berliner Kindheit» (deren erst 1988 entdeckte «Gießener Fassung» in die «Gesammelten Schriften» keinen Eingang mehr fand) wird auf diese Weise klar, wie beharrlich Benjamin von 1932 bis 1938 an dem Buch arbeitete. Das monumentale Fragment über Paris als Hauptstadt des 19. Jahrhunderts, die «Passagen»-Arbeit, erscheint mit vierfarbigen Faksimiles, auf denen nicht nur handschriftliche Korrekturen, sondern auch die – buchstäblich – Satzbauten Benjamins, die Arbeitsprozesse, nachvollziehbar werden. Christoph Gödde und Henri Lonitz dirigieren eine Mammut-Arbeit,an der insgesamt 14 Einzelherausgeber beteiligt sind, finanziell getragen von Jan Philipp Reemtsmas Hamburger Stiftung zur Förderung von Wissenschaft und Kultur.

«Ehre ohne Ruhm, Größe ohne Glanz»
Verglichen mit dem gigantischen «Passagen»-Projekt sind die beiden bislang vorliegenden Bände beinahe herkömmliche Bücher – was daran liegt, dass Benjamin sie noch selbst veröffentlichen konnte. Auf den Text von «Der Begriff der Kunstkritik in der deutschen Romantik», Benjamins Dissertation von 1920, folgen die handschriftlichen Einträge des Autors in sein Druckexemplar und ein ausführlicher Kommentar, dem zu entnehmen ist, wie der junge Wissenschaftler Zitate gelegentlich sanft schliff, wenn die Argumentation es wollte.
Das Buch «Deutsche Menschen. Eine Folge von Briefen» ist eine anregende (Wieder-)Lektüre, schon bevor man sich in den Weiten der Herausgeber-Texte verliert: eine kommentierte Sammlung von 27 privaten Briefen, die mehr oder weniger bekannte Deutsche (darunter Clemens Brentano, Annette von Droste-Hülshoff, Jacob Grimm, Hölderlin und Kant) zwischen 1767 und 1883 verschickt haben. «Von Ehre ohne Ruhm/ Von Größe ohne Glanz / Von Würde ohne Sold», lautet das Motto. Eine Dokumentation des deutschen Humanismus sollte die Sammlung sein, als sie 1936 erschien; eine Botschaft, die im «Dritten Reich» verstandenwurde – und die nichts von ihrer Aktualität eingebüßt hat, wenn man Henri Lonitz folgt: «Das liest sich immer noch mit Gewinn, angesichts des zunehmenden Verlusts bürgerlicher Humanität im öffentlichen Raum.» Zumindest kann man sagen: Dieser Band rückt eine Seite des Autors in den Vordergrund, die auch seine treuesten Leser kaum in den Blick genommen haben: Benjamin, der Anthologist. Sammler, Kritiker, Philosoph, Kulturrevolutionär, Bürger, Geistesaristokrat, Jude, Europäer, Avantgardist, Radiomann, Medientheoretiker, Schriftsteller, Extremist, Flaneur, Haschisch-Raucher: heute kursiert ein ganzes Kaleidoskop von Benjamin-Bildern. Eine Handvoll davon werden auf den folgenden Seiten skizziert: die Ikone, der Träumer, der Gewaltkritiker, der Revolutionstourist, der Ethiker der Generationen. Auf dass die Skizzen neugierig machen auf einen neu zugänglichen Autor!

Schwerpunkt (S. 52-53) - Der falsche Seher
Der falsche Seher
Die belanglosen Teile dieses Werks sollten endlich beiseitegeschoben werden

BENJAMIN UND SEINE FANS
VON HANS ULRICH GUMBRECHT

Was so viele von Walter Benjamins Lesern besticht und nun schon seit Jahrzehnten zu nach seinen Worten süchtigen Verehrern gemacht hat, ist eine für die sonst ja eher milchige Tradition geisteswissenschaftlicher Prosa untypische Konvergenz von suggestiven Bildern und starken Thesen; und diese inszeniert sich meist als Umkehrung herkömmlicher Standpunkte. Das machen besonders augenfällig Benjamins zuletzt entstandene – und wohl populärste – Texte.
Der lange Essay über das «Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit» verdichtet in der Metapher vom Status der Filmkamera als chirurgischem Besteck die Hoffnung auf eine neue, ebenso kritischewie den Massen dienliche Funktion der Kunst, welche sich als ihre «Politisierung» nach dem Schwinden der Aura einstellen soll (als Gegenpol zur angeblich faschistischen «Ästhetisierung der Politik»). Die Thesen «Über den Begriff der Geschichte» wiederum führen vom Bild des buckligen Zwergs, der den Schachautomaten des «Historischen Materialismus» bedient, über Benjamins Montage um Paul Klees «Angelus Novus» und seine Erinnerung an die von revolutionären Kugeln zum Stehen gebrachten Uhren hin zur Kritik an der teleologisch leeren, angeblich «sozialdemokratischen» Zeit – und zugunsten einer «‹Jetztzeit›, in welcher Splitter der messianischen eingesprengt sind». Wie bei den effizientesten Werbespots oder Wahlplakatenist dem Leser immer gleich klar, was er für gut und was er für schlecht halten soll, ohne dass aber deshalb ohne weiteres verständlich würde, war um die Werte so und nicht anders verteilt sind.
Dieser Effekt ist umso bemerkenswerter (auch wenn wir ihn längst wie naturgegeben hinnehmen), als sich kaum eine der so vielfach abgefeuerten geschichtsphilosophischen Voraussagen in Benjamins Zukunft und unserer jüngeren Vergangenheit bewährt hat. Statt eine Aura zu brechen, hat die technische Reproduzierbarkeit der Kunst dazu geführt, dass wir heute auch Ausstellungs-Plakate rahmen und wie Kultobjekte behandeln. Dank des optimistisch-teleologischen (aber von Benjamin als «leer» denunzierten) Geschichtsbegriffs der Sozialdemokratie und der diesem eigenen, kaum «revolutionär» zu nennenden Geduld ist die Europäische Union zur Zone des breitesten und opulentesten Mittelstands geworden, den die Welt je gesehen hat. Dagegen haben sich mit messianischer Bedeutsamkeit geladene «Jetzt zeiten» oft als Ursprung von Repression und allgemeiner Verarmung erwiesen (wie die sowjetische Oktoberrevolution und die kommunistische Revolution in Kuba), oder sie werden – im milderen Fall – heute nurnoch als karnevalistische Anekdoten erinnert (wie der französische Mai 1968).

Naiv wie in «Des Kaisers neue Kleider»
Walter Benjamins Prognosen und Thesen freilich haben sich gegenüber intellektuellem Kursverfall in einzigartiger Weise gehalten. Nicht nur nehmen seine Anhänger zu Recht in Anspruch, dass das Eintreffen oder Nicht-Eintreffen der zukunftsbezogenen Komponenten eines Urteils letztlich kein Kriterium für seine Qualität sein kann. Wer auch immer Skepsis gegenüber Benjamin äußert, gerät in den Verdacht, keine Empathie für ihn – das Opfer des Nazismus – aufzubringen und also auf dermoralisch anrüchigen Seite der «Sieger» zu stehen. Diese moralisierende Benjamin-Verteidigung wird noch überboten von ihrer hysterischen Variante, wie sie besonders für den italienischen PhilosophenGiorgio Agamben offenbar zur zweiten argumentativen Natur geworden ist: Ihr zufolge halten nur jene Zeitgenossen unsere Gegenwart für lebbar (oder gar für die Verwirklichung einer sozialdemokratischen Utopie), denen nicht bewusst ist, wie sehr – so formulierte es Benjamin – «der ‹Ausnahmezustand›, in dem wir leben, die Regel ist». Sprich: ins moralische Unrecht werden jene gerückt, die das Lager in Guantánamo nicht als Beweis dafür ansehen, dass das Konzentrationslager zur allgemeinen Bedingung menschlichen Lebens geworden ist. Wie in Hans Christian Andersens Märchen von «Des Kaisers neuen Kleidern» muss man sich wohl eine Freiheit zur Naivität bewahrt haben, um nicht von solch grassierender Verblendung angesteckt zu werden.
Gewiss, dass sie uneingelöst bleiben, beeinträchtigt nicht notwendig die intellektuelle Qualität von Voraussagen und jenen Urteilen, in denen sie begründet sind. Erstaunlich ist deshalb zunächst bloß, wie stark und beinahe drohend mittlerweile das Tabu geworden ist,welches Walter Benjamins gesamtes Werk nicht nur gegen jegliche Kritik, sondern selbst gegen nüchtern gestimmte Einschätzungen abschottet. Mangelnder Enthusiasmus für Benjamins Schriften oder mangelnde Zustimmung gar machen allemal den Leser zu einer mangelhaften Figur, anstatt den Autor zur Diskussion zu stellen. Man kann also eigentlich, wenn persönliche Benjamin-Begeisterung ausgeblieben oder im Lauf der Zeit versiegt ist, schon gar nicht mehr tiefer sinken – und sich deshalb ohne weiteren Prestige-Verlust zu der Frage vorwagen, wie denn die Qualität von Benjamins Argumenten hinter den gescheiterten Prophezeiungen einzuschätzen ist.
Dann kommt wohl unaufhaltsam die Überzeugung auf, dass diese argumentative Qualität keinesfalls der rhetorischen Brillanz entspricht, mit der Benjamin seine Thesenvortrug. Im «Kunstwerk»-Essay unterschätzt er die Kraft der ästhetischen Autonomie, wie sie im Zeitalter der Aufklärung entstanden war, samt ihren Funktionen, und er verwechselt sie mit den Überresten von religiösen Ritualen aus dem Mittelalter. In den Thesen «Über den Begriff der Geschichte» unterstellt er – offenbar dem unterkomplexen Slogan folgend, dass «die herrschenden Meinungen immer die Meinungen der Herrschenden» seien –, dass die historistische Bemühung um Objektivität stets den «Siegern» diene, während die von ihm selbst verschriebene, klassengebundene Aufladung der Gegenwart mit aus der Vergangenheit geschöpften «Splittern» messianischer Zukunft anscheinend mit einer höheren, moralisch fundierten «Objektivität» ausgestattet sein soll.
Aus unserer Sicht des beginnenden 21. Jahrhunderts mag Walter Benjamins – innerhalb der Linken um 1940 unüberbietbar exzentrischer – Vorschlag sehr sympathisch wirken, die Schachzüge des Historischen Materialismus dem buckligen Zwerg der Theologie anzuvertrauen. Aber es ist ein Akt intellektueller Selbstaufgabe, solche Gefühle der Sympathie ganz an die Stelle eines akribisch prüfenden Nachvollzugs treten zu lassen. Das gilt umsomehr für eine Generation, deren Mut zu eigenem Denken zunehmend schwindet gegenüber dem alexandrinischen Reflex, «neue» Gedanken so lange nicht zu akzeptieren, bisman sich überzeugt hat, sie bei irgendeinem Klassiker vorformuliert zu finden.
Es ist an der Zeit, im Ernst und mit der notwendigen Geduld eine Arbeit des Unterscheidens zu beginnen: zwischen jenen Teilen von Benjamins Werk,die belanglos geworden, jenen, die historisch interessant geblieben, und jenen anderen Teilen schließlich, die ein systematisches Interesse für uns erhalten oder entwickelt haben. Etwas weniger Benjamin wäre sicher mehr.

HANS ULRICH GUMBRECHT lehrt als Albert-Guérard-Professor Vergleichende Literaturwissenschaft in Stanford. Soeben veröffentlichte er «Geist und Materie. Zur Aktualität von Erwin Schrödinger», 2004 erschien der Band «Mapping Benjamin. The Work of Art in the Digital Age»

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