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Ausgabe 01/09 - Literaturen - Literatur
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Inhalt
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EDITORIAL

SCHWERPUNKT: GEHEIME BEKENNTNISSE
DIE KUNST DES TAGEBUCHS

Das Tagebuch ist intime Selbstaussprache und Botschaft an die Nachwelt. Darüber debattierte 1972 eine prominente Schriftsteller-Runde. Sigrid Löffler und Frauke Meyer-Gosau lesen die Tagebücher von Sándor Márai und Virginia Woolf, während Manfred Schneider den Ursprung der Gattung im Mittelalter ausmacht

DAS KRIMINAL
Parker in der Büchse der Pandora
Franz Schuh staunt über den Ganoven ohne Ganovenehre – im Spätkapitalismus geht es bloß um Professionalität

BÜCHER DES MONATS
Christoph Bartmann
Tilman Rammstedt: Der Kaiser von China
Kurt Flasch
Diarmaid MacCulloch: Die Reformation. 1490–1700
Klaus Theweleit
Art Spiegelman: Breakdowns
Richard David Precht
Theodor W. Adorno, Siegfried Kracauer: Briefwechsel
MartinaMeister
Anna Gavalda: Alles Glück kommt nie
Ulrich Baron
Alice Schmidt: Tagebuch aus dem Jahre 1955

200 JAHRE DARWIN
Kurt Darsow Der Kaplan des Teufels Charles Darwin: Die einen erklären ihn für veraltet – die anderen ernennen ihn zum Kirchenvater. Doch niemand hat origineller über die Evolution nachgedacht als er

GELD UND KRISE
Jochen Hörisch Oh, unsichtbare Hand, rette meinen Kredit! Bücher nicht nur für Wirtschaftsweise. Geld ist mehr als nur ein Medium der realen Ökonomie: Es formt das moderne Ich

KINDERBÜCHER
Fridtjof Küchemann Mädchen müssen leider draußen bleiben Zwei Handbücher sagen Jungs, was zu tun ist – zwei Bildbände halten dagegen. Beides mit guten Gründen

DAS JOURNAL
Rezensionen neuer Bücher von John C. G. Röhl, Christopher Clark, Eberhard Straub || Louise Glück || RogerWillemsen || Marion Poschmann || Jhumpa Lahiri || Eliot Weinberger || Michael Wildenhain || Norbert Niemann || Gustav Seibt Bildbände von Henry Urbach, Christina Steingräber || Olaf Heine || Niels Büttner

KOMMUNISMUS UND GEWALT
Gerd Koenen Ein mörderisches Phantasialand Karl Schlögel und Orlando Figes,Warlam Schalamow und Bernhard Bayerlein: Neue Wege, das Rätsel des Stalinismus zu verstehen

DIE BEISEITE
Sibylle Berg Make your world a better place Schluss mit der Faulheit! Zeigt Ehrgeiz! Seid strebsam und fleißig! Denn wer sich selbst ändert, ändert die Welt

KURZ & BÜNDIG
Bücher von Amitav Ghosh || Svenja Flasspöhler || KaiWeyand || Andreas Klärner || Gerbrand Bakker || Guy Wagner || Julia Zange Bildbände von Gerhard Richter || Bernhard Echte (Hg.)

DAS MAGAZIN
Mitten aus London || Kalender || Literatur im Kino || Leserbriefe || Hörbücher || Jetzt als Taschenbuch || Was liest Antonia S. Byatt? || Netzkarte

IMPRESSUM

VORSCHAU, P.S., REGISTER

Editorial
Was Sie in den Händen halten, liebe Leserin, lieber Leser,

ist die 84. Ausgabe von LITERATUREN, seit diese Zeitschrift am 20. September 2000 zum ersten Mal erschien. Es ist die letzte Ausgabe, die ich als Herausgeberin verantworte.

«Hier kommt Literatur zur Geltung, wie dies im deutschsprachigen Raum bislang nicht geschehen ist», hieß es im ersten Editorial, in dem das Programm von LITERATUREN umrissen wurde: als Zeitschrift für Leser, die auf die Vielfalt der journalistischen Formen setzte; als Autorenblatt, das einem neuen Stil kritischen Denkens verpflichtet war; als Medium der Entschleunigung, das in der Hektik und Unübersichtlichkeit des Buchmarktes auf Orientierung und Thematisierung zielte, auf die Entdeckung geheimer Trends, versteckter Schwerpunkte und übergreifender Zusammenhänge, auf Dauer, auf Nachhaltigkeit, auf Gedächtnis. «Die Zeitschrift will die Neuerscheinungen kritisch begleiten und kommentieren, ohne sich vom Literaturbetrieb abhängig zu machen.» In diesen achteinhalb Jahren hat LITERATUREN die Leserschaft von diesem Konzept überzeugen können. Hier wurden nachmals berühmte Autoren zum ersten Mal ausführlich portraitiert: Jonathan Franzen, Michael Ondaatje, A. L. Kennedy, Péter Esterházy, Ian Mc Ewan, Henning Mankell, Geert Mak, Ilija Trojanow, Viktor Pelewin,Orhan Pamuk.Hier waren Originalbeiträge großer Autoren aus allerWelt zu lesen: von Elfriede Jelinek bis Philip Roth, von W. G. Sebald bis Cees Nooteboom, von Friederike Mayröcker bis Ruth Rendell, von Peter Handke bis Joyce Carol Oates, von Daniel Kehlmann bis Lars Gustafsson, von Alberto Manguel bis Imre Kertész. Für literarische Reportagen wurden Mitarbeiter in fernste Orte entsandt: etwa nach Timbuktu oder nach Chile, zu den kuriosen Wohnsitzen Pablo Nerudas.
Literaturkritiker sind keine Literaturbetriebsnudeln, und Literaturkritik ist etwas anderes als journalistische Dienstleistung, etwas anderes als markthörige Lobhudelei undWerbung für Easy Reading. Literaturkritik muss auch nein sagen können – nein zu nichtswürdigen Hypes und wesenlosem Radau um dumme Bücher und dubiose Autoren. Nur wer unabhängig ist und Haltung zeigt, kann für Leser glaubwürdig sein. In diesem Sinne danke ich Ihnen aufrichtig für Ihre Treue als Leser.

Sigrid Löffler
LITERATUREN-Herausgeberin

Was wir im Verlag vor rund zehn Jahren im Sinn hatten, liebe Leserinnen und liebe Leser, ist ziemlich genau das geworden, was Sigrid Löffler hier beschrieben und verwirklicht hat. Wir möchten ihr darum danken: für ihre kritische Beobachtung und Begleitung der Literatur, für ihren Mut, ihr aufklärerisches Engagement. LITERATUREN ist diesem Anspruch weiterhin verpflichtet und wird sich verändern, um das bleiben zu können, was es immer schon war.
Als neues Mitglied der Redaktion möchten wir herzlich Jörg Magenau begrüßen. Er wird künftig neben Frauke Meyer-Gosau den Bereich der Belletristik betreuen und gemeinsam mit René Aguigah und Ronald Düker daran arbeiten, Sie in der gewohnten Qualität umfassend über die literarische Bücher- und Gedankenwelt der Gegenwart zu informieren.

Michael Merschmeier
Verleger

Schwerpunkt - Geheime Bekenntnisse, Die Kunst des Tagebuchs
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«Ich weiß, dass ich der Menschheit beichte und dass mir die Zukunft zuhört»

Geheime Bekenntnisse. Die Kunst des Tagebuchs Die Journale des ungarischen Erzählers Sándor Márai umfassen fast ein halbes Jahrhundert. Schon die ersten beiden Bände aus den Weltkriegsjahren zeigen ihn als unerbittlichen, sarkastischen und skeptischen verspäteten Bürger – als Anachronisten in der Chronisten-Rolle
VON SIGRID LÖFFLER

In Ungarnist Sándor der Tagespatrondes 18. März. Am Sándor-Tag 1944 lud der Schriftsteller Sándor Márai seine Verwandten zum Namenstags-Dinner in seine Budapester Wohnung im noblen Viertel Christinenstadt ein. Erst im Nachhinein wurde ihm bewusst, dass mit diesem Festessen eine Epoche zu Ende gegangen war. Genauer gesagt: eine längst untergegangene Epoche hat in aller Förmlichkeit ihr feierliches Finale zelebriert. Es war eine Abschiedsvorstellung, die hier inszeniert wurde, inmitten schöner Antiquitäten, mit Meißner Zwiebelmusterporzellan und altem Tafelsilber und im flackernden Kerzenschein aus zwei kostbaren französischen Kerzenleuchtern. Die elf Menschen, die um den ovalen Tisch saßen, Bürger-Sprösslinge aus Oberungarn und Buda, spielten nocheinmal, zum letzten Mal, das Leben ihrer Väter nach, in den Kulissen und mit den Requisiten einer vergangenen bürgerlichen Ära. Nie wieder sollten sie danach um einen gemeinsamen Tisch sitzen.
Genau ein Jahr später, am 18. März 1945, notierte der Gastgeber Márai in seinem Tagebuch: «Heute vor einem Jahr saß in unserer Wohnung in der Mikógasse am schön gedeckten Tisch die Familie beisammen. Es gab ein üppiges Abendessen, gute Weine, eine versöhnliche, fröhliche Stimmung herrschte. Alle waren sie da, der Schwager, die Geschwister, eine verwandte Dame, Großgrundbesitzerin vom Lande. Es war ein gemütlicher, familiärer Abend. In der Nacht besetzten die Deutschen Ungarn.»
Es war ein Freund Márais, der Diplomat Aladár Szegedy-Maszák, der um Mitternacht aus dem Außenministerium anrief, von wo er den Einmarsch der Deutschen beobachten konnte, die gerade mit ihren Panzern den Regierungssitz in der Burg von Buda einnahmen. Am Tag danach wurde Szegedy-Maszák festgenommen und verschwand für die nächsten anderthalb Jahre im Konzentrationslager Dachau.
Sándor Márai aber verließ nach dem Telefonat das Esszimmer, wo das Zimmermädchen mit weißen Handschuhen den Tisch abzuräumen begann, und ging in sein Arbeitszimmer, setzte sich an den alten Schreibtisch aus dem Kloster von Szepesolaszi, rauchte eine Zigarette, hörte die deutschen Panzer auf ihrem Weg in die Burg lärmen und betrachtete zerstreut die Regale voller Bücher, fünftausend Bände in vielen Sprachen, zusammengetragen aus aller Welt. «Von den Wänden herab blickten mich mein Vater, mein Großvater, verstorbene Verwandte an», schreibt der Autor fast dreißig Jahre später in seinen Erinnerungen «Land Land».
Er stilisiert damit diese Nacht vom 18. auf den 19. März 1944 zur historischen Zäsur, zur Zeitenwende, die den endgültigen Untergang seiner Lebensform und seiner Gesellschaftsschicht besiegelt. «Als wäre am neunzehnten März etwas in mir zerbrochen», liest man im Tagebuch. «Ich kann meine eigene Stimme nicht mehr hören; wie wenn ein Instrument taub wird; bei Holzinstrumenten soll das gelegentlich vorkommen.»

Das Leben, bis zur Unkenntlichkeit verändert
In der Tatwarder Schriftsteller, Journalist, Dramatiker und Tagebuch-Schreiber, der verspätete Bürger Sándor Márai (1900–1989), aus einem anderen Holz geschnitzt als die Gestalten, die fortan in Ungarn das Sagen hatten. Er, seine Familie und sein Land bekamen es augenblicklich zu spüren. Bereits am 20. März traf Adolf Eichmann in Budapest ein, um die so genannte «Endlösung» der ungarischen Judenfrage in die Wege zu leiten. Da Márais Frau Lola, geborene Ilona Matzner, Jüdinwar, verließ das Ehepaar unverzüglich die elegante Wohnung in der kastaniengesäumten Mikógasse und zog sich in das Sommerhaus eines befreundeten Verlegers und Antiquars am Rand des Dorfes Leányfalu zurück, etwa dreißig Kilometer stromaufwärts von Budapest am Donauknie gelegen.
Dort resümierte Márai im Tagebuch unter dem Datum des 22. März 1945: «Heute vor einem Jahr sind wir nach Leányfalu gezogen. In diesem Jahr hat sich vieles bis zur Unkenntlichkeit verändert, vieles ist unwiederbringlich zugrunde gegangen. Auch für mich hat sich das Leben bis zur Unkenntlichkeit verändert. Seit einem Jahr ohne Haushaltshilfe, seit einem Jahr ohne Einkommen, seit einem Jahr ist nichts von mir auf der Bühne, in Büchern, Zeitungen oder Zeitschriften erschienen, seit einem Jahr ständig in großer Gefahr.»
Nach der deutschen Okkupation untersagte Márai die Veröffentlichung seiner Werke und weigerte sich fortan, etwas zu publizieren. Sein Rückzug aus der Öffentlichkeit war vollständig und folgenschwer, aber nicht ganz unvorbereitet. In den dreißiger Jahren, der Ära des Reichsverwesers Horthy, war Sándor Márai, der adelige Patrizier-Spross und Sohn eines begüterten Rechtsanwalts aus der oberungarischen Provinzstadt Kaschau, der wohl prominenteste, produktivste, populärste und bestbezahlte Autor des Landes gewesen. Er schrieb Romane und Erzählungen in großer Zahl, dazu sein Hauptwerk, seine autobiografischen «Bekenntnisse eines Bürgers» in zwei Bänden, in denen ermit dem Stolz und der Wehmut des Zu-spät-Gekommenen Zeugnis ablegt von einem Traditionsgefüge, das sich bereits überlebt und historisch erledigt hat.
Die «Bekenntnisse eines Bürgers» sind als Protokoll und Erinnerungsspeicher zu lesen, in dem die kuriosen Mythen und Riten des Bürgertums sorgfältig verzeichnet und für eine unwissende Nachwelt archiviert sind. Márai war erst 34 Jahre alt, als er sie schrieb, aber er bilanzierte bereits das ganze bürgerliche Zeitalter, das ihn hervorgebracht und geprägt hatte, mit dem distanzierten Blick des Anachronisten, dem die Chronisten-Rolle zufällt. Das macht ihn zum idealtypischen Repräsentanten des Habsburgischen Mythos – aber ganz ohne verklärende Nostalgie.

Der Wohlstand steigt, das Unbehagen auch
Parallel dazu erschienen von Márai in den dreißiger Jahren unzählige journalistische Beiträge, Kolumnen, Rezensionen, Essays, Reiseskizzen und Feuilletons, in Budapester Zeitungen wie «Újság» und «Pestí Hírlap».Für seine allsonntägliche Kolumne im «Pestí Hírlap» erhielt Márai ein singulär hohes Honorar. Da sein Vorgänger, der Dichter-Doyen Ferenc Herczeg, 1000 Pengö pro Artikel erhalten hatte, verlangte Márai ein höheres Honorar und erhielt 1001 Pengö – das entsprach drei Monatslöhnen eines qualifizierten Fabrikarbeiters.
Doch gleichzeitig mit seinem Ansehen und seinem Wohlstand stieg auch sein Unbehagen an Qualität und Anzahl der eigenen Texte. Diese Unzufriedenheit und Skepsis gegenüber dem eigenen Werk kündigt sich schon früh an in seinem Tagebuch, das er 1943 zu schreiben begann und fast fünfzig Jahre lang, bis zu seinem Tod, fortsetzen sollte. Er erwähnt darin «die erste große Krise meines Lebens, die Krise des verlorenen Glaubens an meine Arbeit». Kurz danach liest man: «Ich habe beschlossen, mit dem Journalismus zu brechen. Dieses niveaulose, hingestotterte Kommentieren von Begebenheiten und Ereignissen ist für jeden Schriftsteller zutiefst erniedrigend und korrumpierend. Jetzt muss ich verstummen, mich in dieses Tagebuch, in meinen Roman, ins Schreiben zurückziehen.»
Fortan schrieb Márai seine Romane nur noch für die Schublade: Bei Kriegsende warteten bereits sieben fertige Bücher darauf, publiziert zu werden. Sein wichtigstes Reflexions- und Selbstverständigungsmedium jedoch wurde sein Tagebuch, das ihn zu einemder bedeutendsten Diaristendes Jahrhunderts machen sollte, neben Franz Kafka, Thomas Mann und Julien Green. Darin rechnet er selbstkritisch auch mit den eigenen Glanzzeiten als Lieblingsautor der Ungarn ab: «Wie viel Überflüssiges ich geschrieben habe, nur damit wir uns die Wohnung und den Lebensstil leisten konnten, der zu den zwei Dienstboten passte!»
Mehr noch: er räumt ein, «dass mir in den letzten Jahren das Schreiben schon zu leicht gefallen ist, der Widerstand in dem, was ich sagen wollte, zu gering war, alles war zu musikalisch». In Momenten schonungsloser Ehrlichkeit mit sich selbst bekennt er, dass die eigene Stimme ihm «Brechreiz» bereite, diese «melodiöse Márai-Stimme, die zuletzt schon wirklich etwas Drehorgelartiges hatte, eine knarrende Melodie. Ich hasse diese Stimme». Und für die Nachkriegszeit schwört er sich: «Wenn ich am Leben bleibe, wird meine einzige Lebensaufgabe sein: Ich muss zehn Bände lang schweigen.»

Handbuch zur Pflege des bürgerlichen Hundes
Der radikale Bruch mit seinem Leben als bürgerlicher Großschriftsteller, den der Weltkrieg dann erzwang, hatte sich also in Márais Innern schon seit längerem vorbereitet. Dennoch übertraf der Totalverlust seiner Lebenswelt, die ihm nach dem Einmarsch der Deutschen widerfuhr, seine düstersten Befürchtungen. Zunächst bedeutete das Leben auf dem Dorf eine gewisse Sicherheit vor den täglichen alliierten Bombenangriffen auf Budapest wie auch vor den Plünderungen und Mord-Exzessen, womit der Pfeilkreuzler-Mob die Hauptstadt terrorisierte. Doch die Menschenjagd der Deutschen und der Pfeilkreuzler auf die ungarischen Juden traf auch Márais Nächste – Sámuel Matzner, der Vater seiner Frau Lola, wurde in Kaschau verhaftet und deportiert und kam in Auschwitz ums Leben.
Während der Belagerung Budapests durch die Rote Armee im Spätherbst 1944 wurde Márais Wohnung in der Mikógasse mehrfach geplündert, beschossen und schließlich zerbombt. Aus dem Schutt der Hausruine konnte der Autor später nur seinen Schreibtisch, zwei französische Armsessel, eine Fotografie von Tolstoj und Gorkij im Garten von Jasnaja Poljana sowie eine Handvoll Bücher retten, darunter einWerk, dessen kuriose Symbolkraft ihm nicht entging: «Vom Regal lächelt mich noch ein Buchtitel an: Das ‹Handbuch für die Pflege des bürgerlichen Hundes›. Ein zeitgemäßes Buch.»
Wegen des wochenlangen sinnlosen Widerstands der Deutschen, die sich im Burgberg eingebunkert hatten, fiel ganz Budapest in Trümmer, die Donaubrücken zwischen Buda und Pest wurden gesprengt. In der Stadt herrschten Chaos und Anarchie und bald auch Hungersnot. Schließlich, Anfang Januar 1945, erreichte und überrollte die Front auch das Dorf Leányfalu, die sowjetische Armee quartierte sich mit zwei Dutzend kirgisischen, ukrainischen, usbekischen, tatarischen und russischen Automechanikern in Márais Haus ein und verwandelte seinen Garten in eine Reparaturwerkstätte für ihre Fahrzeuge. Márai, durch diese buntscheckige Leibwache immerhin vor Plünderern und Gewalttätern aus dem Dorf geschützt, zog sich mit seiner Frau, deren Schwester und kleiner Tochter (die er monatelang vor den Juden-Razzienversteckt gehalten hatte) in ein winziges Kabinett zurück und lernte in dieser Ausnahmesituation die Sowjetmenschen aus nächster Nähe kennen – und wertschätzen.

Die Russen, der Menschentyp der Zukunft
Verglichen mit der reaktionären, ungebildeten, nazihörigen und zutiefst judenfeindlichen ungarischen Vorkriegsgesellschaft, die Márai wegen ihres Verhaltens im Kriegehassen und verachten gelernt hatte, erschienen ihm die Sowjetmenschen als tüchtig, vorurteilslos, dynamisch und zukunftsfroh, zwar rückständig und ungebildet, aber voll naiver Hochachtung vor Bildung und Kultur. Der gründlich desillusionierte, von der ungarischen Bourgeoisie angeekelte Bürger Márai erkannte, dass er hier den Menschentyp der Zukunft beherbergt hatte – und dieser missfiel ihm keineswegs. So manche seiner politischen Reflexionen lassen eine abstrakte Einsicht in die Notwendigkeit des Sozialismus erkennen und beschreiben, wie er sich selbst verortet: in der Mitte zwischen allen Stühlen sitzend, den Linken ein Krypto-Faschist und den Rechten ein Krypto-Kommunist.
Ohnehin hatte ihn die Lektüre von Kaiser Marc Aurels philosophischen «Selbstbetrachtungen» darin bestärkt, sich instoischem Gleichmut gegenüber der Feigheit und Niedertracht der Menschen zu üben. Sein Tagebuch strotzt von Vermaledeiungen und Verdammungstiraden über die moralische Verkommenheit des ungarischen Bürgertums. Er selbst verstand sich stolz und starrsinnig als «nach letzter Bürger», als ein Mann der Epochenverschleppung, der auf verlorenem Posten stand und die Fahne der bürgerlichen Tugenden hochhielt, nachdem das Bürgertum als bildungs- und traditionstragende Schicht längst zerfallen, verwahrlost und historisch ausgemustert worden war. Immer wieder betet er sich zur Selbstvergewisserung seinen literarischen Kanon vor. Dieser Hausgötter-Reigen ist von marmorner Klassizität: Homer. Dante. Shakespeare. Goethe. Balzac. Proust. Tolstoj. Dostojewskij.

«Ich kann nicht bleiben, ich muss fortgehen»
In seinem bitteren Zorn über die Gemeinheit der Menschen neigt Márai im Tagebuch zu weltverachtenden Generalisierungen. Die Menschennatur sei unabänderlich, die Menschen seien unbelehrbar, unerziehbar und überhaupt hoffnungslos, schreibt er immer wieder. In scharfen – und anfechtbaren – Pauschalwendungen verurteilt der einsame, misanthropische Tagebuch-Schreiber in seinem Weltwinkel am Donauknie das «Menschenmaterial» Ungarns, das er für lern- und demokratie-unfähig hält. Voll Ingrimm erwartet (erhofft?) er nun nach Kriegsende von der russischen Besatzungsmacht das große Strafgericht über die «Menschenbrut», seine Landsleute, namentlich über den Mittelstand, diese unverbesserlichen Faschisten und «Judenfresser», wegen ihrer gemeinsam mit den Nazis begangenen Untaten. Seinem Entsetzen über die Verfolgung und Ermordung der Juden, die er hilflos mit ansehen musste, gelten viele Eintragungen im Tagebuch; allerdings finden sich auchmanche Notate, die seine eigene geringe Sympathie für Juden an sich verraten.
Doch dieses allgemeine Strafgericht seitens der Russen bleibt aus. Die Ungarn räumen die Trümmerweg, organisieren den Schwarzmarkt, flicken die Donaubrücken, gehen ins Kaffeehaus und arrangieren sich völlig reuelos mit den neuen Gegebenheiten. Grund genug für Márai, sein jahrelanges schroffes und hochmütiges Tagebuch-Mantra «Mir ist übel vorV erachtung, ich kann hier nicht bleiben, ich muss fortgehen» zu intensivieren – und schließlich, im September 1948, in die Tat umzusetzen. Sándor und LolaMárai verlassen, gemeinsam mit dem kleinen blonden Adoptivsohn János, der ihnen 1945 im Dorf irgendwie zugelaufen war, Ungarn für immer. Die restlichen vier Jahrzehnte seines Lebens verbringt der ungarische Schriftsteller Sándor Márai in der freiwilligen Emigration im fremdsprachigen Ausland, in Genf, in Italien, in New York, in Südkalifornien – als Ein-Mann-Sprachinsel und als hoffnungslos deplacierter Augenzeuge einer Welt von gestern, als Personifizierung und letztes Exemplar einer untergegangenen alteuropäischen Kultiviertheit.

Bücher des Monats - Anna Gavalda, Alles Glück kommt nie
Die Königin der Bobos
Warum Anna Gavalda ihre Leser in Gavaldamanie versetzt und auch mit ihrem neuen Roman die ganze Welt beglücken wird
VON MARTINA MEISTER

Diese Frau scheint direkt einem ihrer Romane entstiegen. Anna Gavalda ist hübsch, wirkt ausgesprochen natürlich, legt keinerlei Wert auf Äußerlichkeiten. Sie leuchtet von innen. Sie müsste, wenn sie in einem ihrer Bücher auftauchen würde, nicht einmal ihren Namen ändern. Anna Gavalda, das klingt perfekt für einen Gavalda-Roman: schlicht, aberwie ein Versprechen. Ihr würde ganz klar die Rolle der Retterin zufallen. Sie müsste den Part derjenigen übernehmen, die weiß, worauf es ankommt im Leben.
Eins steht fest: Anna Gavalda schreibt nicht für die Kritiker. Es ist ihr gleichgültig, was sie sagen oder auszusetzen haben. Dass ihre Bücher schlicht, sentimental, womöglich kitschig sind. Dass es sich wirklich nicht um große Literatur handelt. Nein, sie schreibt nicht für die Anerkennung des Kulturbetriebs, sie schreibt für ihre Leser. Und davon hat sie so viele wie keine andere. Anna Gavalda ist die meistgelesene französische Schriftstellerin in Frankreich, in Deutschland und weltweit. Ein solches Phänomen hat es seit Françoise Sagan nicht mehr gegeben.
In Zahlen kann man ihren Erfolg so beschreiben: Ihre ersten drei Bücher, eine Novellensammlung und zwei Romane, haben sich im französischen Original 5,48 Millionen Mal verkauft. Mindestens so hoch ist weltweit die Auflage der Übersetzungen. In 38 Sprachen werden ihre Bücher mittlerweile übertragen. Kürzlich kamen Vietnamesisch und Isländisch dazu.
Natürlich ist Gavalda auch in Deutschland ein Star. «Zusammen ist man weniger allein», ihr vorletztes Buch, hat eine Hardcover-Auflage von 150.000 Exemplaren erreicht. Nach der Verfilmung mit Audrey Tautou in der Hauptrolle schnellte die Auflage der Taschenbuchausgabe auf 1,3 Millionen hoch. Ihr jüngstes Buch, «Alles Glück kommt nie», hat den Vorgänger bereits geschlagen: Mit einer Auflage von 200.000 ist der Hanser Verlag Anfang November an den Start gegangen. Nach zweiWochen war über die Hälfte bereits weg. Je krisenhafter, desto Gavalda Anna Gavalda ist eine Art Wunder. Ihre Bücher sind in Wahrheit so etwas wie Antidepressiva, die es im freien Verkauf gibt, ganz ohne Rezept. Bei vielen Menschen scheinen sie besser anzuschlagen als Prozac: Gavalda macht glücklich. Sie schreibt Erbauungsliteratur. Bücher zum Aufwärmen. Sie sind insofern Teil eines kleinen und absolut krisensicheren Segments. Man kann sogar sagen: Der Erfolg Gavaldas verhält sich umgekehrt proportional zur Weltlage. Je schlimmer die Krise, desto mehr Bedarf.
Insofern kommt ihr jüngstes Buch natürlichwie gerufen. «Alles Glück kommt nie» ist das, was man eine moderne Form des Trostbüchleins nennen könnte. «La Consolante», wie der Roman im Original heißt, bezeichnet die letzte Partie beim Boule,wenn es um nichts mehr geht,d as Spiel längst aus ist. Aber man nennt so auch, das unterschlägt Gavalda, die Flasche Wein, die man nach getaner Arbeit trinkt: Die große Trösterin ist das, womit man sich belohnt.
«Ich friere, ich habe Hunger, ich brauche Liebe», fährt es aus dem Protagonisten heraus – wer würde das nicht unterschreiben? Charles Balanda, Architekt, 47 Jahre alt, beruflich sehr erfolgreich, privat gescheitert, verliert seine Haare und irgendwie, so scheint es, auch seinen Verstand. Der Leser macht in dem Augenblick mit ihm Bekanntschaft, als Balanda begreift: Es gibt kein richtiges Leben im falschen. Er erfährt vom Tod der Mutter eines Schulkameraden, und schnell ahnt man, dass sie sehr vielmehr für ihn bedeutet hat.
Anouk war eine Frau, die sich für andere aufgeopfert und sich dabei selbst vergessen hat. Sie hat sich am Ende umgebracht. Charles Balanda aber erinnert sie, wie sie einst war: schön und jung und lustig und lebensfroh. Er hat sie geliebt, aber er ist vor seinen Gefühlen weggerannt. Vier Jahrzehnte später kehrt das Verdrängte zurück, die Erinnerungen an Glück, an das Gefühl von Nähe und Verlässlichkeit. Es geht um das, was bei Gavalda unter dem Begriff «le-ben» firmiert: mit einem Bindestrich, damit man ahnt, wie ihre Figuren es aussprechen. Mit dieser gewissen Betonung, voller Respekt und mit noch mehr Gier.

Mann, Haus, Kind, Hund – gerettet!
In «Alles Glück kommt nie» gilt das gesprochene Wort. Anders gesagt: Der Roman ist dialoglastig, luftig geschrieben, aber es wirkt, als habe Gavalda den Menschen einfach nur gut zugehört und dabei Protokoll geführt. Das ist ein Verdienst. Nur versucht sie auch dann, wenn sie beschreibt, sämtlichen Ballast abzuwerfen und lässt beispielsweise die persönlichen Fürwörter gerne weg: Trinkt, wartet, versucht zu lesen, verzweifelt, rappelt sich wieder auf, sucht. Es geht um Charles Balanda, natürlich. Eher ungewohnt für Gavalda-Fans wird sie ihren Helden abrutschen lassen, tief wird er in die Depression hineingeraten. Es werden einige Menschen sterben, auch ein großer, alter Hund, aber am Ende werden die Engel singen: Ist gerettet!
Balanda wird gerettet von der Reinkarnation seiner ersten Liebe, von einer Frau mit Namen Kate. Er wird die Stadt gegen die Natur, das Jet-Set-Leben gegen ein Zuhause mit Kaminfeuer, die erkaltete Liebe zu einer gelangweilten Chanel-Schickse gegen die frisch erblühte Leidenschaft eintauschen. Kurz: er wird das falsche Leben durch das richtige ersetzen. Es wird in diesem neuen Leben viele Kinder geben und nochmehr Tiere, und amEnde könnte stehen: Und wenn sie nicht gestorben sind…
Dann leben sie noch heute. Glücklich und zufrieden wie Anna Gavalda in ihrem verwunschenen Haus in Melun, bei Paris, mit ihren beiden Kindern und ihrem Hund. Und wie umzu beweisen, dass sie ihren Protagonisten tatsächlich zum Verwechseln ähnelt, hat Gavalda trotz ihres spektakulären Erfolgs nicht den Kopf verloren: «Weder der Ruhm noch das Geld», sagt sie, «haben Macht über mich.» Sie nimmt keine Verlags-Vorschüsse an und hält dem kleinen Pariser Verlagshaus «La Dilettante» die Treue, wo sie die Umschläge ihrer Bücher selbst zeichnen darf.

Kein Stil, aber ein Händchen
Alles Glück kommt nie. Die ganze Lebenskunst besteht darin, es zu suchen, es zu erkennen und zuzulassen. Ein Klischee? Natürlich. Ein dickes. Aber dazu steht Gavalda. «Meine Bücher», sagt sie, «sind voll von Klischees.» Aber sie funktionieren. Gavalda versteht es, ihre Leser hineinzuziehen, sie aufzuwühlen, anzurühren. Sie hat keinen Stil, aber ein Händchen; keine literarischen Ambitionen, aber ein Ziel: die Menschen zu beglücken.
Mit seinem Plädoyer für den Antimaterialismus und die wahren Gefühle ist «Alles Glück kommt nie» ein Manifest des Anti-Bling-Bling, das man Frankreichs Präsident Nicolas Sarkozy zur Lektüre empfehlen sollte. Bei Gavalda erfährt man nämlich, wie das Volk tickt. Deswegen erzählt der Erfolg ihrer Bücher auch etwas über den Zustand einer Gesellschaft, die nach Seelentrost verlangt. Das einsame Geschäft des Selbstmitleids wird durch die «Gavaldamanie» zu einer Art kollektiven Gottesdienstes.
Aber sogar anspruchsvolle Leser kommen auf ihre Kosten, weil Gavalda eine intelligente und überaus genaue Beobachterin ist. Sie ist die Autorin der Bobos, der Bourgeois-Bohemiens, die sie in wenigen Strichen entblößt. Sie ist streng mit ihnen. Aber das scheinen sie gerade an ihr zumögen. Im Gegenzug bietet sich die Aussicht auf Erlösung. Liebe. Rettung. Glück.

ANNA GAVALDA
Alles Glück kommt nie. Roman

Aus dem Französischen von Ina Kronenberger.
Hanser, München 2008. 605 S., 24,90 ¤

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