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Ausgabe 03/09 - Literaturen - Literatur
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Inhalt
Titel 03/09
EDITORIAL

SCHWERPUNKT:
GENOSSE SCHRIFTSTELLER. UWE JOHNSON

DDR-Bürger aus Mecklenburg, West-Berliner, New Yorker und «Dichter beider Deutschland» – LITERATUREN begibt sich auf die Spur von Uwe Johnson. 25 Jahre nach seinem Tod hat Frauke Meyer-Gosau seine Romane noch einmal gelesen, Jörg Magenau ist zum Johnson-Archiv nach Frankfurt gereist, zwölf Schriftsteller er nachfolgenden Generation beteiligten sich an einer LITERATUREN-Umfrage. Und hinter Lützel Jeman, dem Autor eines Fotostrips von 1965, verbirgt sich ein anderer berühmter Dichter

DAS KRIMINAL
Maniküre à la Hussein
Frauke Meyer-Gosau folgt Matt Beynon Rees in den Gaza- Streifen und erfährt: Die Wahrheit liegt unter der Oberfläche

BÜCHER DES MONATS
Sibylle Lewitscharoff
Apostoloff

Friedrich Wilhelm Graf:
Missbrauchte Götter

Bernhard Echte:
Robert Walser in Bildern und Texten

Tobias Rapp:
Lost and Sound

Philipp Sarasin:
Darwin und Foucault

Daniel Kehlmann:
Ruhm

LITTELL REVISITED
Ronald Düker Man konnte auf mich schießen, man traf mich nicht.
Ein Jahr nach «Die Wohlgesinnten» seziert Jonathan Littell die Psyche faschistischer Täter und legt die Quellen seines Romans offen

PORTRÄT KARL SCHLÖGEL
Stefanie Peter «Der Osten ist eine Art Pompeji»
Der forschende Flaneur Karl Schlögel feiert den Transit über die Grenze und beschwört die Rückkehr des Bürgertums. Nun bekommt er den Leipziger Buchpreis

KINDERBÜCHER
Fridtjof Küchemann
Zum Mond, zum Mond! Und einmal drumherum
Neue Kinder-Sachbücher zeigen Himmelsguckern und künftigen Mondfahrern, was es da oben alles zu entdecken gibt

DAS JOURNAL
Rezensionen neuer Bücher von Wilhelm Genazino || Thomas L. Friedman || Thomas Meinecke || Thomas Bernhard || Christoph Türcke, Petra Gehring || Joachim Zeller,Ulrich van der Heyden, Robert Aldrich || Philip Roth || Jean-Yves Tadié Bildbände von Izima Kaoru || Judith Nesbitt (Hg.) || Christian Brändle (Hg.)

DIE BEISEITE
Sibylle Berg Ich möchte nicht, dass Männer für mich denken!
Aber Gott sei dank tut das auch schon längst keiner mehr:
Die Intellektuellen haben nicht nur nichts mehr zu sagen –sie sind einfach ganz verschwunden

VON OBEN
Andreas Rosenfelder Wo Land und Meer verschmelzen
Claudius Diemer setzt Satellitenbilder wie Mosaike zusammen –
und stellt so unseren utopischen Blick auf die Küsten der Ozeane scharf

KURZ & BÜNDIG

Bücher von Andreas Maier || John Rawls || Adam Zagajewski || Anna Pavord || Björn Bicker || James Boswell
Bildbände von Isolde Ohlbaum || Gunner Byskov, Bodo von Dewitz (Hg.)

DAS MAGAZIN
Mitten aus Washington || Kalender || Literatur im Kino || Hörbücher || Was liest Kerstin Hensel? || Netzkarte || Jetzt als Taschenbuch

IMPRESSUM

VORSCHAU, P.S., REGISTER

Editorial
Editorial 03/09
Quer über die Gleise, liebe Leserin, lieber Leser,

ist er immer gegangen, der Reichsbahner Jakob Abs aus Uwe Johnsons Roman «Mutmassungen über Jakob». Quer über die Gleise gehen wir nicht.Aber wenn wir Uwe Johnson zum Schwerpunktthema machen, liegen wir schon damit quer zu dem auf Neuerscheinungen fixierten Literaturbetrieb. 25 Jahre nach seinem Tod ist von Uwe Johnson nur noch selten die Rede.Dabei liegt seine Aktualität auf der Hand im Jahr 2009, in dem der 20. Jahrestag des Mauerfalls mit den üblichen Gedenk-Aktivitäten bevorsteht. Kein anderer deutscher Schriftsteller verkörpert wie Uwe Johnson die deutsche Teilung; kein anderer steht so mit seinem Werk für ihre Überwindung. Thematisch blieb er Mecklenburg und der DDR auch im Westen verbunden; ästhetisch hatte er die DDR 1959 schon mit seinem Debütroman hinter sich gelassen.Welche Wirkung er auf die Schreibenden von heute immer noch hat, belegt unsere Umfrage unter Schriftstellern der nachfolgenden Generationen (Seite 4).

Von Johnsons «Jahrestagen» aus lassen sich auch weitere Themen dieses Heftes lesen. Seine Schilderung des deutschen Alltags in der Zeit des Nationalsozialismus führt zu Jonathan Littells Auseinandersetzung mit dem Faschismus, der in einem neuen Buch seine Quellen für den Roman «Die Wohlgesinnten» offenlegt (Seite 44). Und die Satellitenbilder von Claudius Diemer (Seite 78) könnten eine Illustration der Arbeitsweise Johnsons sein: Aus einer Vielzahl von detailgenau wiedergegebenen Küstenlinien setzt Diemer neue Weltbilder zusammen, wie man sie nirgendwo sonst zu sehen bekommt; ähnlich hat Uwe Johnson aus Archivmaterial, Kalendern
und Zeitungen seine fiktive Erzählwelt geschaffen.Vielleicht ist auf Diemers Bildern ja auch Johnsons Jerichow zu finden, das, so viel ist sicher, irgendwo in Mecklenburg zu verorten wäre.Und falls Ihnen derSinn nach einem ganz anderen Johnson stehen sollte, dann haben wir –neben vielen aktuellen Buchbesprechungen– auch noch eine Würdigung der Neuausgabe von James Boswells «Dr. Samuel Johnson» im Heft (Seite 87).

Viel Spaß beim Lesen dieser Ausgabe wünscht Ihnen
Ihre LITERATUREN-Redaktion

Ich kontrolliere die Abweichung
Uwe Johnson
Dichtung und Wahrheit:
Ein Besuch bei Uwe Johnson in seinem Archiv in Frankfurt am Main

VON JÖRG MAGENAU

Die große Bahnhofsuhr über der Tür stammt aus dem Pub in Sheerness-on-Sea. Johnson hat sie ersteigert, als die täglich aufgesuchte Stammkneipe renovier wurde. Eine schwere Schreibmaschine steht gebrauchsbereit im Eck: Zeugnis einer Epoche, in der Schreiben mechanische Arbeit war. Auf einem Stuhl, auf dem er einst saß, sitzt auch der Besucher vor einem langen Tisch, der sein Arbeitstisch war. Die Bilder seiner Schriftstellerfreunde hängen an der Wand: Frisch, Eich, Bachmann. Dazu:Brecht und Faulkner,Verleger Siegfried Unseld, die Grassens und die Walsers als Familienidyll. Ihnen gegenüber die starken alten Damen, die ihn beeindruckten: Hannah Arendt, Margret Boveri und die New Yorker Verlegerin Helen Wolff. Eine Tasche mit dem Logo der «NewYork Times» baumelt am Fenstergriff. Nur die Rotweinvorräte und die Pfeifensammlung fehlen. «Die Pfeifen sind im Keller», sagt Archiv-Leiter Eberhard Fahlke.«Schließlich sind wir kein Museum.» Er sagt aber auch: «Das Archiv war Unselds liebstes Spielzeug.»

Einmal, als Wolfgang Hildesheimer zu Besuch kam und fragte: «Haben Sie die Pfeifen?», hat Fahlke sie heraufgeholt. Sie stammen aus der Zeit, als Tabakpfeifen zur unverzichtbaren Grundausstattung der Dichter gehörten. Wie Werkzeuge steckten sie in den Gesichtern.«Die Meerschaumpfeife– die da!–,die habe ich ihm geschenkt», habe Hildesheimer gesagt und eine zarte Ergriffenheit entstehen lassen. Wolfgang Koeppen interessierte sich bei seinem Besuch dagegen mehr für Johnsons Kochbücher und stellte befriedigt fest: «Meine Sammlung ist größer.»Günter Grass ist mit einem Johnson gewidmeten Selbstporträt mit 16 Kochmütze vertreten.


Bauerhof




Unter dieses Bild hatte Johnson einst einen kaputtenStuhl gestellt, dessen gebrochene Lehne er als Mahnmal der zerbrochenen Freundschaft zum Kreuz drapierte.

Solche Anekdoten bietet Eberhard Fahlke als Aperitif. Fahlke ist so etwas wie Johnsons Stellvertreter auf Erden oder zumindest in Frankfurt am Main. Er weiß alles über ihn oder zumindest über dessen Hinterlassenschaften nach seinem einsamen Tod, als er beim Entkorken der dritten Rotweinflasche zusammenbrach und erst drei Wochen später gefunden wurde. Fahlke weiß alles, und was noch schöner ist: Er hortet sein Wissen nicht, er teilt es gerne aus. So wie Johnson als notorischer Zuhörer sich von anderen Geschichten «schenken» ließ, um sie dann zu erzählen, so verschenkt Fahlke seine Johnson Geschichten. Im September wird er in den Ruhestand gehen.Dann hat das Archiv ein Problem.

«Karsch ist umgezogen»
Fahlke hat ihn noch persönlich gekannt. 1979, als Johnson die Poetik-Vorlesungen in Frankfurt hielt, schrieb er an einer Dissertation zu den «Mutmassungen über Jakob» und bot ein begleitendes Seminar an – zusammen mit Johnson. Dabei muss der misstrauische Mecklenburger Vertrauen zu dem jungen Wissenschaftler gefasst haben, denn sie blieben in Kontakt, und Johnson ließ sich immer wieder Bücher von ihm schicken. Das Attribut «schwierig », das Johnson anhaftet, dürfte allerdings noch untertrieben sein. Wenn er um die Erstausgabe eines abgelegenen Werkes aus den dreißiger Jahren bat,war er keineswegs mit der unveränderten zweiten Auflage zufrieden, auch dann nicht, wenn Fahlke ihn auf das «unverändert» hinwies. «Ich wollte die Erstausgabe», schrieb er grollend zurück, denn eine geringere Genauigkeit hätte er als Betrug empfunden: «Da leidet die Würde des Textes», pflegte er zu sagen.

Man musste, um mit ihm zu kommunizieren, in seiner Gedankenwelt zu Hause sein.«Wo wohnt Karsch?»,wollte er einmal von Fahlke wissen, der sofort die MailänderAdresse dieser Romanfigur nannte. «Karsch ist umgezogen, wissen Sie das nicht?»,bellte Johnson zurück. Oder er baute sich im Café vor dem Tisch auf, in all seiner Größe, und wiederholte mehrmals dröhnend die Frage: «Wissen Sie,was heute für ein Tag ist?» Sein Gesprächspartner verneinte. Darauf Johnson, missbilligend: «Heute ist Stalins Geburtstag.»

Im Sommer 1984 gehörte Fahlke zu denen,die mit halfen, das Haus in Sheerness-on-Sea zu räumen. Johnson hatte sein Testament nach der Trennung von seiner Frau geändert. In paranoidem Wahn glaubte er, sie habe ein Liebesverhältnis mit einem tschechischen Geheimdienstmann gehabt und ihn an seine Feinde verraten. Sie erhielt das mi tHypotheken belastete Haus und die «Encyclopædia Britannica». Die gemeinsame Tochter, von der Johnson plötzlich behauptete, sie sei nicht von ihm, ging leer aus.Alles, was sich im Inneren des Haus befand, sollte Siegfried Unseld bekommen, der Herr und Meister, der Verleger, der schwierige Freund.

Der Autor gehört dem Verleger
Jahrelang, während der Zeit seiner Schreibblockade, in der es mit dem vierten Band der «Jahrestage» nicht vorwärts ging, hatte er von Unseld einen monatlichen Scheck über 3000 Mark erhalten und war schließlich mit 230.094,89 Mark ins Minus geraten, wie Unseld ihm im Dezember 1982 vorrechnete. «Lieber Uwe, wir müssen über Deine Finanzen reden», schrieb der Verleger und drohte damit, die Zahlungen einzustellen, wenn der Rest der «Jahrestage» nicht bald geliefert werde. Johnson dachte verzweifelt darüber nach, Typoskripte zu verkaufen, um an Geld zu kommen. Er schrieb seine Lebensversicherung um und machte statt seiner Frau Siegfried Unseld zum Begünstigten. Und schließlich hinterließ er ihm den schriftstellerischen Nachlass. Das sah aus wie ein Teufelspakt: Der Verleger finanziert dem Autor sein Leben, aber nach dem Tod gehört er ihm ganz und gar.

Nicht nur Günter Grass empfand dieses Testament als ungehörig .Martin Walser, den Johnson sich als Testamentsvollstrecker gewünscht hatte, obwohl doch auch diese Freundschaft wie alle Freundschaften Johnsons grandios in die Brüche gegangen war, lehnte das Amt ab. Mit der Enterbung von Frau und Tochter wollte er nichts zu tun haben.Ein langer Rechtsstreit schloss sich an.Unseld, um sich abzusichern, suchte nach einem Kooperationspartner und fand ihn in der Universität Frankfurt. Die Peter-Suhrkamp-Stiftung als Eigentümer in des Nachlasses stellte ihn der Universität als Dauerleihgabe zur Verfügung. So entstand das Johnson-Archiv als direkte Folge Johnson’scher Kompliziertheit, als Verlängerung seiner Ehetragödie und seiner Verleger abhängigkeit. Schon einknappes Jahr nach seinem Tod war es nutzbar. Ein einzigartiger Vorgang.

Johnsons Orte und die Ordnung der Welt
Für die Nachwelt ist das ein Glücksfall. Selbst im Deutschen Literaturarchiv in Marbach,wo derartige Nachlässe normalerweise landen, wäre eine so gründliche wissenschaftliche Erfassung und museale Präsentation wohl kaum möglich. Allerdings stellt sich die Frage, wie der Bestand in Zukunft gesichert werden kann. Das finanzielle Engagement des Suhrkamp Verlages – zu Unselds Zeit rund 20.000 Mark im Jahr – hat spürbar nach gelassen, wie Fahlke beklagt. Freundschaftliche Verbundenheit wirkt eben doch gründlicher als bloße Eigentumsverpflichtung.

Das Archiv musste nicht neu geschaffen, sondern einfach nur übernommen werden. Johnson selbst war der erste Archivar. Er legte sich die Welt in Druckerzeugnissen zurecht. Sammelleidenschaft, bürokratenhafte Genauigkeit und eine pedantische Faktentreue waren die Voraussetzungen seines Schreibens und sind zugleich die Grundlagen eines brauchbaren Archivs.Deshalb ist er hier so gut aufgehoben. Deshalb ist dieses Archiv vielmehr als nur ein Archiv.

Die rund 8000 Bücher seiner Bibliothek wurden genauso wieder aufgebaut, wie sie bei Johnson im Regal standen. Auffallend: die Wand mit den rot gebundenen Bänden des «Spiegel» – vollständig von 1949 bis 1983 – und die blau gebundenen Bände des Magazins «Time» von 1965 bis 1983. Daneben: Lexika und Nachschlagewerke wie das «Handwörterbuch des Kaufmanns» von 1925 oder das «Oxford Dictionary». Ein ganzes Regal ist mit Büchern über Mecklenburg gefüllt,wo auch ein Kirchengesangbuch von 1791 zu finden ist oder der volkstümliche «Voß un Haas-Kalender» von1881 bis 1925. Aus solchen Quellen hat Johnson sein Wissen über das fiktive Jerichow herausdestilliert. Wenn eine Romanfigur in den 20er Jahren in Lübeck ins Kino ging, dann musste er auch wissen, was an diesem Tag dort im Kino lief. Und wenn seine Bibliothek das nicht hergab, reiste er hin, um im Stadtarchiv zu recherchieren.

Auch Berlin, New York und Kent sind eigene Sammelgebiete. Weil alle Lebensorte zu literarischen Landschaften geworden sind, musste er sie greifbar haben. Eine riesige Landkarte Mecklenburgs hängt an der Wand;



Johnson hat sie aus detail genauen topografischen Karten zusammengesetzt. Hier lassen sich das fiktive Gneetz, Johnsons Jerichow, sein Wendisch Burg in der Reallandschaft verorten. Eberhard Fahlke nennt ihn einen «Landvermesser». Johnson habe darauf gesetzt, dass die schiere Quantität der Daten und Fakten, die er verarbeitete, in eine neue Qualität der Fiktonumschlüge. Erwollte derWelt, so wie sie war, eine eigene, literarische entgegenhalten. Das war ein moralischer Ansatz, denn darin steckt die Frage, ob dieWelt nicht auch ganz anders sein könnte als so, wie sie ist. Doch um ihr eine andere entgegenzusetzen, muss sie erst einmal genauestens vermessen werden. Moral ist eine Frage der Präzision.

Informelle Arbeit im eigenen Auftrag.
Mit seiner Eigenart, alles mit zuschreiben und zu sammeln, machte Johnson auch die vertrautesten Freunde verrückt. So wusste ernoch Jahre später, was Martin Walser einmal an einemAbend mit Max Frisch in Zürich zu ihmgesagt habe: «Simpel / Du mit deiner Genie-Überzeugung / Deine enttäuschende Wahlhilfe für die S.P.D.
/ Ich arbeite dreimal so viel wie du! / Das Akzidentielle ist deine Stärke, und daraus machst du deine Substanz. / Schwein / Dackel / Schatz / Du Gedächtniskirche der westdt. Literatur / Dumit deiner Edelfäule des dt. Dichters im Gehirn». Johnson konservierte die Kränkung auf einem Notizzettel, den er in der Mappe mit dem Briefwechsel abheftete. Auch Artikel über Walser und vor allem Verrisse hat er genüsslich gesammelt, so dass aus solchen Mappen regelrechte Dossiers geworden sind.

Als Grass sich einmal darüber beschwerte, dass Johnson in einer als geheim eingestuften Sitzung der Akademie der Künste alles mit schrieb, verließ der stumm verletzt den Raum. Und als er ein andermal darauf hingewiesen wurde, er bekomme doch die Protokolle der Sitzung, müsse also gar nicht alles mitschreiben, erwiderte er: «Ich kontrolliere die Abweichung.» Was für ein Satz: Mitarbeiter der Stasi hätten das nicht besser sagen können. Doch bei Johnson ereignete sich der andauernde Kontrollzwang im eigenen Inneren, dort,wo seine fiktive Welt mit der äußeren Wirklichkeit zusammentraf. Wenn man ihn so vor sich sieht in seiner Lederjacke, seiner massigen Statur, dem Kahlkopf, ist es nicht schwer, sich in ihm einen Agenten vorzustellen – so wie ja auch Jakob in den «Mutmassungen» eine Verpflichtungserklärung bei der Stasi unterschrieb und einzelne Abschnitte dieses Romans als Berichte für den Führungsoffizier lesbar sind. Der Geheimdienst war Johnsons Obsession. Sicher hat dies mit frühen, traumatischen Erfahrungen in der DDR zu tun. Paradoxerweise entsprach sein literarisches Verfahren dem staatlich betriebenen Anspruch auf Allwissenheit. «Aufklärung» ist ein Wort, zudem sich mit gleichem Recht Immanue lKant und Erich Mielke assoziieren lassen.

Auch «Ansichten» sind doppeldeutig: Es sind Bilder als Ansichtskarten, an denen Johnsons Schreiben sich entzündete,und es sind die Haltungen seiner Figuren, die eben ihre «Ansichten» haben. Bei Johnson geht es immer ums Ganze. Nicht um Kunst, sondern um Wahrheit. Das macht das Schreiben so anstrengend. Denn die Wahrheit ist gebunden an die Figuren und die Orte und setzt sich aus vielen kleinen Einzelteilen zusammen. Je mehr und je genauer, desto besser. Das ist in Stasi-Akten nicht anders, nur ist es bei Johnson von ganz anderer literarischer Qualität. Seine Vielstimmigkeit ist selbstgemacht. Er ist informeller Arbeiter im eigenen Auftrag. Anders geht es nicht beim Vermessen einer Welt, die sich in der Fiktion verdoppelt.

Ein Roman als Ort für Nachrichten
So penibel der Schreiber, so pedantisch der Leser. Selbst in Kriminalromanen pflegte Johnson Druckfehler zu verbessern. Seine Zeitungsausschnittsammlung der «New York Times» ist von einer staunenswerten, beängstigenden Akribie. Tag für Tag, von 1966 bis Sommer 1968 hat er Artikel durchgearbeitet, ausgeschnitten und aufgeklebt, das Motto der Zeitung «All The News That’s Fit To Print» immer obenan. Das war auch sein Motto. Er wollte «Romane schreiben wie andere Nachrichten verfassen» und bevorzugte die kühle, technische Berufsbezeichnung «Novellist».

Die Emphase, mit der da einer Zeitung las und daran glaubte, aus den Artikeln die Welt herausbuchstabieren zu können, mutet heute fast schon wunderlich an. Das Bewusstsein einer vergangenen Epoche drückt sich darin aus, in der auch Enzensberger seine kritischen Essays über den «Spiegel» und die «Bewusstseinsindustrie » publizierte. Johnson war kein naiver Zeitungsleser. Er wollte auch hier «die Abweichungen kontrollieren». Die schwankenden Todeszahlen aus Vietnam zum Beispiel nährten sein Misstrauen gegen die Berichterstattung. Dabei las und sah und sammelte er nicht für sich selbst, sondern für Gesine Cresspahl. Mit den «Jahrestagen» schrieb er das Protokoll ihres Bewusstseins. Deshalb musste er auch dann, wenn er Zeitung las, ihre Empfindungen und Gedanken produzieren.Oder war es umgekehrt: Sie gab ihm die ihren?

Die Materialberge, die Uwe Johnson damit produzierte, mögen aber auch dazu geeignet gewesen sein, sich wie Geröllhalden über das eigene Schreiben zu legen: Arbeit als Maßnahme, Arbeit zu verhindern. Fahlke und seine Germanisten im Johnson-Archiv versuchen, diese Prozesse im Detail zu rekonstruieren. Auf einer CD-ROM haben sie zu all den Zitaten aus der «New York Times» in den «Jahrestagen» die entsprechenden Artikel mit Johnsons Anstreichungen gestellt, die sich anklicken und vergrößern lassen. So lässt sich Handwerk sichtbar machen. Man kann nachvollziehen,wie es Johnson gelang, Nachrichten und Bilder ins Erzählerische zu übersetzen. Eine Veröffentlichung dieser Forschungsarbeit scheitert bisher jedoch aus Copyright-Gründen. Auch die Bücher, mit denen er gearbeitet hat, werden auf diese Weise durchforstet. Jede Anstreichung wird systematisch registriert. Jedes Detail ist von Bedeutung. Wie sinnvoll das ist, darüber lässt sich streiten; zu Johnson passt es allemal. Empirischer Wissenschaft sind keine natürlichen Grenzen gesetzt. Den Vorgang der Kreativität aber kann sie dennoch nur umkreisen. Johnsons Kunst besteht ja nicht nur im Abbilden, sondern in der Präzision der Beschreibungen und in der Lebendigkeit, die er erzeugt.

Das verborgene Ich und seine Stellvertreter
Johnson, der Zuhörer. Johnson, der Aufschreiber. Johnson, der Archivar. Johnson, der Novellist. Doch wo ist er selbst, wo ist die eigene Person? Im Mittelpunkt der Materialfülle ist eine Leerstelle. Es ist mehr als nur eine historische Arabeske, dass die «Mutmassungen über Jakob» zunächst unter Pseudonym erscheinen sollten – aus Sicherheitsgründen, um den noch in der DDR lebenden Autornicht zugefährden. Doch Johnsons bleibende Freude an Pseudonymenist bekannt.Die eigene Kindheit blieb unerzählt – lieber erforschte er die Familiengeschichten anderer. Tagebuch schrieb er nicht für sich (siehe LITERATUREN 1–2/2009), sondern im Auftrag von Gesine. Vielleicht war sie eine Frau, damit man sie nicht mit ihm verwechseln konnte. Er schickte seine Figuren als Stellvertreter in die Welt, um ihre Möglichkeiten zu erproben und um die Welt auf die Probe zu stellen. Also kam es auf ihn nicht mehr an. Er konnte in die Kneipe gehen und an der Selbstauslöschung im Alkohol arbeiten.

Auf das Wörtchen «ich» hätte Johnson gerne verzichtet, wie er in den Poetikvorlesungen ausführte. Da garantierte er seinen Zuhörern, ihnen alle «privaten Mitteilungen zur Person» zu ersparen. Das Private erlaube keine Rückschlüsse auf Schreibprozess und Literatur. Doch was ist privat? Ist sein Archiv der «New York Times» privat? Oder die Bibliothek? Vielleicht ist Uwe Johnson eben doch zu finden in seinen Büchern, seinen Dokumenten, seinen Landkarten.Vielleicht hat er sich dort in eine «Figur» verwandelt. Die Pfeifen nämlich liegen im Keller.
Und da sollen sie auch bleiben.
Bücher des Monats - Sibylle Lewitscharoff: Apostoloff
Der knisternde Trost von Engeln
Warum Sibylle Lewitscharoff sich in wüste Schmähreden auf Bulgarien hineinsteigert und was das mit der gefrorenen Leiche des Vaters zu tun hat

VON JUTTA PERSON


Amerikanische Battle-Rapper
wissen es schon lange: Dass Hohn etwas Hässliches sei, ist ein albernes Vorurteil. Guter Hohn ist eine große Kunst, die mit rhetorischem Regelwerk arbeitet,mit einer großen Schatulle vollerHohn-Schmuck und der Fähigkeit, im richtigen Moment sanft inne zuhalten, um das verhöhnte Objekt dann noch tiefer nach unten zu stoßen.Die Phantasie, mit deren Hilfe der Gegner niedergemacht wird,gießt dabei Sprachglanz vor allem über der eigenen Position aus – als mickriger Wadenbeißer dazustehen, wäre der Supergau im Hohnbetrieb.

Die Position, die sich die Ich- Erzählerin in Sibylle Lewitscharoffs Roman «Apostoloff» gewählt hat, ist nahezu perfekt. Sie sitzt im Fond eines Kleinwagens, der durch Bulgarien fährt, und verhöhnt Land und Leute mit einer Wortgewalt, in der Sadismus und Schmählust aufs Schönste zusammenfinden. Natürlich geht es dabei nicht nur um Bulgarien und die Bulgaren, sondern es gilt, eine alte Rechnung zu begleichen:mit dem bulgarischen Vater,der 1945 nach Deutschland
kam und sich später in Stuttgart-Degerloch als Gynäkologe niederließ. «Vaterhass und Landhass sind verquickt und werden auf vertrotzte Weise am Köcheln gehalten. Bulgarien? Vater? Ein Schnappmechanismus.»

Was aber gibt es zu schmähen in und an Bulgarien? Das bulgarische Essen: ein «in schlechtem Öl ersoffener Matsch». Die bulgarische Sprache: «die abscheulichste von der Welt». Die bulgarische Keramik: «unangenehm wulstig». Die Bulgaren: «sowjetische Kriechlinge». Ein bisschen erinnert das an «Pauvre Belgique», BaudelairesTotalverriss der Belgier, und auch Thomas Bernhards sich selbst immer weiter hochschaukelnde Österreich- Hassattacken liegen nicht
fern. Man könnte auch an ein literarisch hochgedrehtes Tourette-Syndrom denken und an den Vorzeige-Irren Daniel Paul Schreber,der einen winzigen Gastauftritt in
diesem Buch hat. Die verehrten Engel und Heiligen,die in Formvon bulgarischen Ikonen ständig herumschwirren, sind da passende, dringend benötigte Gegenfiguren.

Wie eine Motz-Königin thront die Wortgewaltige auf der Rückbank und schießt ihre Giftpfeile nach vorn, wo Schwester und Fahrer sitzen:die sanfte, gar nicht bulgarien feindliche Schwester bleibt namenlos, der Fahrer heißt Rumen Apostoloff und ist ein echter Bulgare, der die ungleichen Geschwister ein paar Tage lang zu den Sehenswürdigkeiten seiner Heimat chauffiert. Ganz allmählich enthüllt die Schmähschwester dabei auch den eigentlichen Anlass der Reise: Noch vor dem Rund-Trip mit Apostoloff waren die sterblichen Überreste des Vaters von Stuttgart nach Sofia transportiert worden – unter Umständen, die bizarrer kaum sein könnten.

Einer der alten Stuttgarter Bulgaren, Iwailo Tabakoff, hatte es sich in den Kopf gesetzt, seine längst verblichenen Freunde und Landsleute in Heimaterde zu bestatten, und deshalb rollen neunzehn zerbröselte Leichen mit ihrem lebenden Anhang in schwarzen Luxuslimousinen von Deutschland nach Bulgarien. Patriotismus, religiöse Orthodoxie oder nostalgische Reflexe gegenüber der Emigrantengruppe spielen dabei allerdings keine Rolle. Tabakoff ist ein knallharter Unternehmer, der ein neues Bestattungsverfahren in die Tat umsetzen will und dieses an den Körperresten der verstorbenen Bulgaren ausprobiert. Kryotechnik heißt das Zauberwort: die Leichen werden eingefroren und zerfallen zu Staub, ohne dass Verbrennungsöfen oder ähnlich hässliche Maschinen mit historischer Belastung zum Einsatz kämen. Eine durch und durch saubere, sogar klinisch reine Methode, die den menschlichen Körper dem Reich der Zersetzung und des Ungeziefers entzieht.

Seelenmolluske und ML-Gruppe
Für die Schwestern allerdings wird der Vater, der jahrzehntelang auf einem Stuttgarter Friedhof weste, dadurch wieder in die Gegenwart katapultiert. Was ist so hassenswert an diesem Mann? Nicht nur, dass er sich umgebracht hat, als die Mädchen elf und dreizehn Jahre alt waren. Seinen Strick hinter sich herschleifend, erscheint er in den Träumen der Ich-Erzählerin,die sich wehrt, indem sie den Charakter des Melancholikers zerpflückt: Das «Aas von Vater» war «ein Finsterling, der die Herzen seiner Kinder verdüsterte», eine «weichliche,selbstische Seelenmolluske» und ein «Empfindlichkeitsapostel» – nahe liegend,dass man am besten zur Verbalschlägerin wird, wenn die Stelle der verletzlich-schwermütigen Diva schon vergeben ist.

Sibylle Lewitscharoff, geboren 1954 in Stuttgart, ist die Tochter eines bulgarischen Vaters und einer deutschen Mutter. Ihr erstes – politisches – Erweckungserlebnis hat sie als Mitglied einer Stuttgarter marxistisch-leninistischen Splittergruppe, die sie, auf der Suche nach dem wahren Glauben, in den späten Sechzigern frequentierte und bald wieder verließ. Damit teilt sich die Autorin einige Merkmale mit ihrer Hauptfigur – um klassisch-romaneske Familienaufstellungen
geht es in «Apostoloff» aber kaum. Im Gegenteil, von therapeutischer Bewältigungsprosa könnten diese hochartifiziellen Tourette-Systeme nicht weiter entfernt sein. Für ihre Exzentriker, Jenseits-Ausflügler und Sprachwitzler ist Sibylle Lewitscharoff bekannt geworden: In ihrem Roman- Erstling «Pong» von 1998 wütete in verrückter Weltverbesserer, in «Montgomery» stirbt ein sonderbarer schwäbischer Filmproduzent, und in «Consummatus» trauert ein Stuttgarter Lehrer um seine Geliebte, die der «Velvet-Underground»- Ikone Nico verdächtig ähnlich ist.

Aber der todessüchtige Untergrund, der sich von ungeziefer verseuchten Hotels über den Dreck und Müll der bulgarischen Küste bis in die schwäbische Kindheit erstreckt, wird in «Apostoloff» überwölbt von einer Engellehre,die sich gewaschen hat. Bei den Engeln herrschen Reinheit, Übersichtlichkeit und jener Ordnungszwang, der uns auf mittelalterlichen Heiligendarstellungen sooft begegnet, und zu solchen Engeln flüchtet die gallige Rücksitzlerin immer dann, wenn Schmutz und Hässlichkeit sie allzu aufdringlich anschreien: «Ich entweiche in einen konsequent durchorganisierten Himmel, einen schwäbischen Ingenieurhimmel.
»Gleichzeitig hält auch der Himmel eine Art Gegen-Gewimmel bereit,denn er ist «stopf voll mit Engeln», die dicht an dicht mit ihren großen Flügeln stehen. Als Religionswissenschaftlerin weiß Sibylle Lewitscharoff über solche transzendentalen Wunderkammern bestens Bescheid.

Thomas von Aquin scheint ebenso durch wie Augustinus und dessen Masse der Verdammten. Die Engelfixierung, mit der sie ihre Ich-Erzählerin
ausstattet, schließt dabei sehr elegant anverschiedene Zwangssysteme an: Neben dem Reinheitszwang, der sich in akribischem Putzen und im Ekel vor der «Fußpilzhölle» bulgarischer Hotelteppichböden äußert, gibt es auch noch eine Art Geräuschzwang, der von brüllender Discobeschallung bis zum Knistern und Knacken der Engelsflügel reicht. Das Brüllwunder des Senatspräsidenten Schreber ist auch hier nicht weit.

Ein Chauffeur als Erlöser
Schade allerdings, dass Lewitscharoff die vielversprechende Geschichte rund um die schockgefrorenen toten Bulgaren im Sande verlaufen lässt.Wie gut hätte die Kältetechnik als modernes Auferstehungs-Phantasma zu den Engelgeschwadern gepasst! Dies und vieles andere wird allerdings nur angedeutet, überhaupt ist «Apostoloff» als Roman ein wenig verflattert, unentschieden hin und her driftend zwischen Anti- Reisebericht, Kindheitsepisoden, Stuttgarter Bulgaren-
Geschichten, der kommunistischen Vergangenheit des Landes, ironischen Selbstbeobachtungen, theologischen Schachzügen und den geheimen Schönheiten, die Bulgarien dann doch zu bieten hat. Wichtigstes Bindeglied zwischen Vergangenheit und Gegenwart ist der Chauffeur Rumen Apostoloff, ein überaus duldsamer bulgarischer Apostel, und im Namen des Fahrers findet schließlich auch so etwas wie eine Öffnung für die angenehmen Seiten des Landes statt. Apostoloff könnte der heimliche Erlöser sein: vielleicht weil er, anders als der Vater, der zu allem Unglück auch noch Kristos heißt, am Boden bleibt und sich keine Himmelfahrten auf anderer Leute Kosten erlaubt.

Die großartigen Momente des Romans aber kommen durch seinen gnadenlosen Sprachwitz zustande. Von den mal belfernden, mal spitzigen, mal theatralisch fuchtelnden Tiraden dieser reisenden Schlechtelaune tyrannin kann man gar nicht genug bekommen. Sibylle Lewitscharoff gelingt es, ein überfettes Gesicht auf eine Weise mit einem Euter zu vergleichen, dass man sie auf der Stelle zu den avanciertesten Battle-Rapperinnen deutscher Zunge zählen muss. Von derLärmkanaille bis zum Blutsprudelbrunnen – wer braucht schon Schönheit, wenn die vor sich hin rottende Welt solche phantastischen Wortmonster gebiert?

SIBYLLE LEWITSCHAROFF
Apostoloff. Roman
Suhrkamp, Frankfurt a.M. 2009. 252 S., 19,80 €

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