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| Ausgabe 03/09 - Literaturen - Literatur |
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Mitten aus… |
Washington VON SEBASTIAN MOLL Selten waren die Erwartungen an einen neuen US-Präsidenten so groß. Schließlich ist Barack Obama nahezu ausschließlich aufgrund seines beachtlichen rhetorischen Talents gewählt worden. In seiner von Nüchternheit geprägten Antrittsrede enttäuschte er dann aber gezielt die zuvor befeuerten Hoffnungen. Er widerstand auch der Versuchung, sich allzu sehr an sein großes politisches Vorbild Abraham Lincoln anzulehnen. Dabei hatte man genau das eigentlich erwartet.Schließlich stand die gesamte Inaugurations-Feier im Zeichen von Obamas vielleicht bedeutendstem Vorgänger, dessen Geburtstag sich am 12. Februar zum zweihundertsten Mal jährte. DasMotto «A New Birth of Freedom» war ein Zitat aus Lincolns berühmtester Rede, der Gettysburg Address, in der er auf einem der grauenhaftesten Schlachtfelder des Bürgerkrieges die Nation zur Einheit aufrief. Wie einst Lincoln fuhr Obama mit dem Zug zum Amtsantritt und schwor seinen Amtseid auf die gleiche Bibel wie 1860 sein Vorgänger. In seiner Rede aber beschränkte er sich auf eine nur vage lincoln hafte Beschwörung der Einheit Amerikas: das Versprechen nämlich, all das zu reparieren, was «Amerika zusammenhält» – ein Echo von Lincolns Aufruf zum Wiederaufbau nach dem Bürgerkrieg.  | Der Übervater als Schatten im Hintergrund: US-Präsident BARACK OBAMA vor dem LINCOLN-MEMORIAL in Washington | Obamas Zurückhaltung war wohl auch eine Reaktion auf den Hybris-Vorwurf, der ihm seit einiger Zeit gemacht wird, weil er sich ein wenig zu oft mit Lincoln verglichen hat. Als er 2005 im Time Magazine in einem Editorial auf die Parallelen zwischen Lincolns Werdegang und seinem eigenen hinwies, schrieb das Wall Street Journal schnippisch: «Obama schreibt, er habe ein Porträt von Lincoln in seinem Büro hängen, das ihm jeden Tag Fragen stelle. Das glaube ich gern – vor allem wohl die Frage, warum er denn ein solcher Egomane ist.» Und der Historiker Sean Wilentz kommentierte in der «New Republic» den seiner Meinung nach hinkenden Vergleich: «Man schreibt keine Geschichte, in dem man schlechte Geschichtsschreibung verbreitet.» Wilentz ist eine der zahlreichen Stimmen in einer leidenschaftlichen Diskussion, die mit dem Näherrücken des Lincoln-Jubiläums in Amerika immer heftiger wurde. Obwohl die Bücher zu Lincoln schon Bibliotheken füllen, sind allein im vergangenen Jahr 38 neue Monografien zu Lincoln auf den Markt gekommen. Und in den Rezensionen sowie den daran aufgehängten Diskussionen um die Bedeutung des 16. Präsidenten dominiert die Frage, wie legitim die Parallelen zu Lincoln sind, die Obama so gerne zieht. Auf den ersten Blick scheint sich die Verbindung geradezu aufzudrängen. Sowohl Obama als auch Lincoln waren Senatoren aus Illinois und wurden mit wenig Erfahrung auf der nationalen Bühne ins Amt gewählt. Auch die historische Linie vom Sklavenbefreier Lincoln zum ersten schwarzen Präsidenten Obama ist für die Anschauung unwiderstehlich. Der prominentesteAfro-Amerika-Gelehrte des Landes, Henry Louis Gates, warnte in diesem Zusammenhang allerdings kürzlich davor, diese Affinität allzu sehr zustrapazieren.Lincoln sei zwar schon als junger Rechtsanwalt vehement gegen die Sklaverei eingetreten,privat sei er jedoch ein Kind seiner Zeit gewesen und alles andere als frei von Rassismus. Schwarze wirklich als seinesgleichen anzuerkennen, sei ihm schwer gefallen. Der einzige Grund,weshalb Lincoln Obama dennoch hätte akzeptieren können, so Gates, sei ihre intellektuelle Affinität. Die Ähnlichkeit in der Sensibilität der beiden Männer manifestiere sich vor allem in ihrer Wertschätzung der Sprache – ein Faktum, auf das auch immer wieder Fred Kaplan hinweist, der sich in seinem neuen Lincoln-Buch mit dem16.Präsidenten als Schriftsteller beschäftigt. Dem Hinterwäldler Lincoln, berichtet Kaplan, war in den Kleinstädten des Mittleren Westens, in denen er aufwuchs und lebte, zwar nur ein kleiner Literaturkanon zugänglich. Diesen studierte er jedoch umso intensiver. Zu seinen Lieblingswerken gehörten vor allem die Bibel und die Dramen Shakespeares. Aus dieser Lektüre entstand eine außergewöhnliche rhetorische Gewandtheit, die seine Reden zu den besten der reichen amerikanischen Rede-Tradition machte und sie in den Kanon der großen amerikanischen Literatur erhob. Lincolns Liebe zum wohlgesetzten Wort teilt Obama offensichtlich. Er schreibt die Entwürfe seiner wichtigen Texte selbst, das gilt auch für seine beiden viel gelobten Bücher. Die wichtigste intellektuelle Parallele liegt jedoch in ihrer Auffassung vom Projekt Amerika. Sie ist optimistisch, ohne naiv zu sein, und wurzelt in der Überzeugung, dass Pragmatismus und Idealismus einander nicht ausschließen. In seiner schon jetzt kanonischen Rede zum Thema «Rasse» sagte Obama: «Diese Union mag niemals perfekt sein, aber jedeGeneration von Amerikanern hat aufs Neue gezeigt, dass sie weiter perfektioniert werden kann.» Und in seiner Inaugurationsrede beschwor er «unsere bessere Geschichte» als den «Ruf, einem ungewissen Schicksal Gestalt zu verleihen».Amerika ist für ObamaVersprechen und Verpflichtung zugleich, ein Ideal, das womöglich nie erreicht wird, das aufzugeben jedoch ebenfalls nicht in frage kommt. Dieser Gedanke hat eine lange Tradition in der amerikanischen Geistesgeschichte, derer sich Obama zweifelsohne bewusst ist. Schon Ralph Waldo Emerson forderte, jede Generation müsse ihre eigenen Bücher schreiben,und noch der zeitgenössische Philosoph Stanley Cavell spricht vom «New Yet Unapproachable America» – vomimmer neuen und ewig unerreichbaren Amerika. Auch Lincoln artikulierte diese Idee immer wieder. Im Jahr 1858 sagte er in einer Rede in Chicago, in der er wieder einmal für die Abschaffung der Sklaverei warb: «Wenn der Heiland sagt, ihr sollt perfekt sein, weiß er, dass wir nie perfekt sein werden. Aber er setzt einen Standard, und der,der am meisten tut, diesen Standard zuerreichen, wird den höchsten Grad an moralischer Perfektion erlangen.» Die derzeitigen Debatten darüber, ob das Anschmiegen Obamas an Lincoln Hybris ist oder nicht, können wohl erst in den kommenden Jahren aufgelöst werden. Henry Louis Gates hofft sogar, dass Obama nicht die gleiche Gelegenheit zur Größe haben möge wie Lincoln, weil dessen Größe in einem grausamen Krieg geschmiedet wurde. Zunächst einmal kann sich Amerika jedoch freuen, dass es überhaupt wieder einen Präsidenten mit ehrgeizigen politischen Zielen hat,der sich in einer geistigen Tradition verankert sieht. «In der Bush-Ära», sagte vor kurzemder Schriftsteller Rick Moody, «wurde dem Anti-Intellektualismus viel Vorschub geleistet. Jetzt haben wir guten Grund, daran zu glauben, dass eine bessere Zeit angebrochen ist.»
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Literatur im Kino |
Deutscher Export Hollywood macht aus Bernhard Schlinks Weltbestseller «Der Vorleser» einen nostalgischen Film VON DANIEL KOTHENSCHULTE Literarische Erfolge sind wie die von Kinofilmen unvorhersehbar. Sobald sie sich aber einmal eingestellt haben, hat plötzlich jeder in der Branche eine Erklärung parat. Bernhard Schlinks Roman «Der Vorleser» (1995) wurde in 39 Sprachen übersetzt und erreichte als erstes Buch aus Deutschland den Spitzenplatz der «NewYork Times»-Bestsellerliste: ein Wunder.Und doch vielleicht: kein Wunder, dass diesem Werk das Wunder gelang. Schlink bearbeitet ein Thema der deutschen Geschichte, das nicht aufhört, die Welt zu interessieren: den Holocaust und den späteren Umgang mit den Tätern.Wie stellt man sich aus juristischer,moralischer oder einfach mitmenschlicher Sicht die Sühne für solche Taten vor? Der fiktive Fall aus der Erinnerung eines Protagonisten wird aufgerollt – in einer einfachen, über weite Strecken geradezu unpersönlichen Sprache, ja, das Buch könnte aus einer fremden Sprache ins Deutsche übersetzt worden sein; und ebenso Widerstandslos mag es sich wiederum ins Englische gefügt haben. Sujet und Form stünden einem Erfolg also kaum im Weg. Unverwechselbar aber wird das Buch durch einen Kniff, der es von den meisten Fiktionalisierungen der Shoa unterscheidet. Vielleicht ist dies der entscheidende Faktor: Es gibt keine Opfer perspektive, aber auch die Täterin offenbart sich nicht. Aus einem guten melodramatischen Grund, der sich erst spät erschließt, aber sehr früh erahnen lässt, schweigt sie vor Gericht, obwohl die näheren Umstände ihre Strafe mildern könnten – ganz so, wie man es aus Kriminalromanen kennt. Erzählt wird das Buch stattdessen pikanterweise aus der Sicht eines Mannes, der die Frau in Unkenntnis ihres ihres Verbrechens in positiver Erinnerung behalten hat,wegen früher erotischer Begegnungen. «Kulturpornografie» nannte der Kritiker Jeremy Adler dieses Verfahren in der «Süddeutschen Zeitung».Ob dies zutrifft, sei dahingestellt; in die Sprache der Filmproduzenten übertragen, heißt es schlicht: Sex sells. Vom erotischen Element einmal abgesehen, ähnelt diese Erfolgsgeschichte einem der wenigen jüngeren Export-Erfolge des deutschen Films: «Das Leben der anderen» betrachtet die DDR-Geschichte an einem fiktiven, aber exemplarischen Fall und stellt Fragen nach dem gesellschaftlichen Umgang mit der Schuld der Täter. Man muss die Verfilmung von «Der Vorleser» im Zusammenhang mit diesem Oscar- Gewinner von 2007 verstehen. Der inzwischen verstorbene Hollywood- Produzent Sydney Pollack hatte sich als Erster für ein Hollywood-Remake des Stasi-Dramas eingesetzt. Dazu kam es nicht, stattdessen produzierte er die Filmversion von «Der Vorleser».Das Drehbuch gab er beim bekannten britischen Dramatiker David Hare in Auftrag, die Regie übernahm dessen Landsmann Stephen Daldry, der mit Hare schon beim Oscar-Gewinner «The Hours» zusammenarbeitete. Bernhard Schlinks faktenorientierter, linearer Erzählstil stellt einer Verfilmung keine Widerstände entgegen.Der Protagonist beschreibt seine Beziehung zu der Frau, die ihm in mancherlei Hinsicht die Unschuld raubte, wie einen Erinnerungsfilm, den er sich oft genug angesehen hat, um eine geradezu klinische Distanz dazu zu entwickeln.Über die Bilder, die ihm von dieser Frau namens Hanna geblieben sind, sagt der Erzähler einmal: «Ich habe sie gespeichert, kann sie auf eine innere Leinwand projizieren und auf ihr betrachten, unverändert, unverbraucht.» Der Film, der zu diesen Sätzen passen würde, wäre nüchtern wie ein Dokumentarfilm, vielleicht lückenhaft und knapp geschnitten, aber in jedem Moment gestochen scharf. Stephen Daldry hat ihn nicht gedreht. Sein Drama ist das genaue Gegenteil. Es ist elegisch, geradezu übersättigt von Filmmusik, und natürlich ist es in jenen warmen und manchmal etwas bräunlichen Bildern gehalten,mit denen uns das Kino oft die Vergangenheit ans Herz legt. Eine leere, höchst befremdliche Nostalgie entwickelt dieser Film, die bemüht ist, alles Exemplarische und Symbolische des Plots zu glätten. Doch gerade diese Schauwerte machen die Fiktion noch irrealer. Jede Nebenfigur dieses Hollywoodfilms ist mit deutschen Stars besetzt, man erlebt eine Nummernrevue mit Bruno Ganz, Jürgen Tarrach,Hannah Herzsprung, Fabian Busch,Alexandra Maria Lara. Vorn an der Rampe stehen ein unterforderter Ralph Fiennes und eine stark geforderte Kate Winslet – die aber bei aller Ausstrahlung nicht vermitteln kann,wie eine allein in Ordnungssystemen denkende, fremdbestimmte Frau eine derartige sexuelle Aktivität entwickeln könnte. Schlinks Erzähler konnte man das wegen dessen Teenagersicht ganz einfach glauben. Das ist der Unterschied zwischen Filmund Literatur:Während sich der Roman auf die individuelle Färbung einer Faszination zurückziehen kann, verlangt der Film nach einer Objektivierbarkeit.Doch statt in die Geschichte hineingezogen zu werden, wächst die Distanz. Unfreiwillig wird das literarische Konstrukt entlarvt. Der Vorleser USA, Deutschland 2008. 123 Min. Regie: Stephen Daldry Drehbuch: David Hare Musik: Nico Muhly Mit Kate Winslet, Ralph Fiennes, Bruno Ganz, Hannah Herzsprung, Alexandra Maria Lara u.a. -------------------------------------------- BERNHARD SCHLINK Der Vorleser. Roman Diogenes TB, Zürich 2000. 206 S., 14,90 €
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Hörbücher |
Unberechenbare Bacchantin mit Zwergpudeln Drei Frauenlebensgeschichten: Wie Maria Callas sang, woran Romy Schneider litt und wie Lizzie Borden im wirklichen Leben Stoff für einen klassischen Krimi lieferte VON ANNETTE ZERPNER Überempfindlich,nachtragend, egozentrisch, eine unberechenbare Bacchantin mit Zwergpudeln – die legendäre Opernsängerin Maria Callas (1923–1977) hat allen erdenklichen Vorstellungen von einer Diva entsprochen. Glücklicherweise ist kein Klatschkolumnist unter jenen Zeugen, die Claudia Wolff in ihrem eleganten, Sprach- und Musikpassagen dramaturgisch geschickt kombinierenden Hörfeature «Maria Callas: Mythos und Leidenschaft» zu Wort kommen lässt. Hier spricht eine «Enthusiastin», der im dezenten «Skeptiker» ein imaginäres Korrektiv zur Seite steht; auch Ingeborg Bachmann ist mit eindringlich- gebieterischen Sätzen über die bewunderte Sängerin zu hören: «Ein Geschöpf, über das die Boulevardpresse zuschweigen hat.» Die überwiegend weibliche Perspektive bildet eine erfreuliche Abwechslung gegenüber dem klassisch männlichen Gestus der Musik-Geschichtsschreibung: Wenn große Sängerinnen verehrt werden, überwiegt dort ein erotisches Interesse nicht selten das künstlerische. Das Phänomen Maria Callas, dessen Gesangs-Intensität einem der O-Ton-Geber sogar einmal Nasenbluten verursacht haben soll,wird von Claudia Wolff mithilfe sachlicher Fragen eingekreist, wie sie jeder nicht-infizierte Hörer auch selbst gern stellen würde. Dass die Akustik der fünfzig Jahre alten Aufnahmen es nicht gerade erleichtert, die damalige Begeisterung nachzuvollziehen, gibt die «Enthusiastin» gleich selbst zu bedenken.Und doch:Diesen dunklen «Callas-Ton»–habe man den nicht auch gleich wahrgenommen ? Und dieses Atemholen, diese Aussprache, diese langen Atembögen? Der «Skeptiker» bleibt dennoch reserviert. Kultische Verehrung überkommt einen nicht per Anleitung, sondern aus heiterem Himmel. Oder eben nicht. Neben zahlreichen Ausschnitten aus Arien von Verdi, Bellini, Donizetti und Puccini sind auf dieser CD noch weitere schöne Dinge zu entdecken, etwa die Beschreibung eines perfekt gesungenen Legato: «…wie ein Telegrafen- oder Telefondraht, bei dem man die Linie wahrnimmt, während die Konsonanten wie Spatzenfüße darauf sitzen». Ob die Callas das selbst gesagt hat? Bilder sind jedenfalls hilfreich,wenn man sich ihrer Ausnahme-Begabung nähern will.Callas polarisierte. Während die einen davon schwärmten, wie sie «im Klang einen Gestus aufbaute», beklagten andere ihren «Mangel an klassizistischer Sänftigung».Hinter den «Schleifspuren sogenannter Skandale» drohte die später nachlassende Kunst schließlich ganz zu verschwinden.Über dreißig Jahre nach dem Tod der Künstlerin haben sich die Wogen der Erregung gelegt. Callas’ «Anschlag auf die Trägheit des Hörens» aber ist geblieben. Die «rattenhafte Neugier» von Reportern Boulevard und deutsches Publikum verübelten der Schauspielerin Romy Schneider (1938–1982) aufs Bösartigste,dass «Sissi» zum Filmen und Leben nach Frankreich ging; solcher Hader wäre heute kaum mehr vorstellbar. Fünfzehn Jahre jünger als Maria Callas, begann Romy ihre rasche Karriere in den 1950er Jahren, als diejenige der Sängerin schon im Zenit stand. Im Umgang mit der Welt und in der Intensität ihrer Kunst sind die beiden dennoch verwandt: Romy Schneider sei ohne Schutzengel geboren, schreibt die Sprecherin Katja Riemann im Booklet zu Thilo Wydras Hörbuch. Bei ihr ist das Leben der älteren Kollegin gut aufgehoben.Nasal gefärbt, lakonisch und ein wenig traurig, nie aber sentimental, erzählt sie die Lebensgeschichte.«Die absolute Wahrheitsfindung über die Person Romy Schneider ist unmöglich», hat der Autor Katja Riemann in den Mund gelegt. Davon auszugehen,man könne die ultimative, nämlich wahre Biografie schreiben, mutet anachronistisch an. Zum Glück hat Wydra dies auch gar nicht versucht, sondern nur Verschiedenes gerade gerückt. Dem hat das Hörbuch von Werner Sudendorf zum tragischen Leben der Schauspielerin – außer einer ganzen Reihe von Sprechern mit gewöhnungsbedürftigen Stimmen – nicht viel hinzuzufügen. Eine besondere Entdeckung auf dem Romy- Archipel ist dagegen Hildegard KnefsRomy-Schneider-Biografie (Sprecherin: Andrea Sawatzki). Von persönlichen Begegnungen in Westberlin ausgehend, findet Knef lebenskluge Worte über die junge Kollegin, auch über den Umgang mit Altern und Tod; überaus deutlich sind ihre Charakterisierungen der «rattenhaften Neugier» von Reportern. Lizzie Borden stand sicherlich ebenfalls mit Klatschkolumnisten auf Kriegsfuß. 1892 wurde sie beschuldigt,Vater und Stiefmutter mit einem Beil erschlagen zu haben; aus Mangel an Beweisen wurde sie freigesprochen. In Erinnerung blieben ein berühmter ungeklärter Mordfall, ein böser Kinderreim und Stoff für einen Krimi von Walter Satterthwait: 1921 freundet sich die 13-jährige Amanda mit der skurrilen, aber reizenden älteren Dame im benachbarten Ferienhaus an. Als ihre unerträgliche Stiefmutter umgebracht wird, fällt der Polizei schlagartig auf,dass es sich bei der Nachbarin um Miss Lizzie Borden handelt… Sprecherin Janina Sachau charakterisiert die Figuren stimmlich nuanciert und unaufdringlich, abgesehen von einem irischen Polizisten, der unerklärlicherweise den breitesten amerikanischen Akzent abbekommt.Satterthwaits Geschichte hat «Arsen und Spitzenhäubchen »-Flair, ist aber auch ein richtig spannender, gut erzählter Whodunnit. ANNETTE ZERPNER CLAUDIA WOLFF Maria Callas: Mythos und Leidenschaft Feature. Der Audio Verlag, München 2008. 2 CDs, 118 Min., 19,99 € THILO WYDRA Romy Schneider Gelesen von Katja Riemann. Hoffmann und Campe, Hamburg 2008. 2 CDs, 88 Min., 16,95 € WERNER SUDENDORF Romy Schneider. Ein Leben Mit Christian Körner, Monika Praxmarer u.a. Argon, Berlin 2008. 1 CD, 55 Min., 9,95 € HILDEGARD KNEF Romy Schneider – Betrachtung eines Lebens Gelesen von Andrea Sawatzki. Roof Music/tacheles, Köln 2007. 2 CDs, 155 Min., 17,95 € WALTER SATTERTHWAIT Miss Lizzie Gekürzte Lesung. Gelesen von Janina Sachau. Hoffmann und Campe, Hamburg 2008. 2 CDs, 118 Min., 14,95 €
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Was liest ... |
Antonia S. Byatt Ich lese immer mehrere Bücher gleichzeitig. Ich liege im Bett und bin umgeben von Bücherhaufen. Ich beginne mit den Kunstbüchern. Ich habe Jackie Wullschlagers glänzende neue Chagall-Biografie besprochen. Das Aufregende daran sind nicht nur die Anmerkungen der Biografin zu Chagalls Werk, sondern auch die Geschichten aus dem alten Europa und Amerika vor dem Ersten Weltkrieg bis 1984–das Jahr, in dem der Maler hoch in den Neunzigern starb. Wullschlager ist eine ausgezeichnete Kunstkritikerin, sie hat aber auch eine ideenreiche Biografie über Hans Christian Andersen geschrieben. Außerdem lese ich «British Vision», den Katalog zu einer offenbar wundervollen Ausstellung in Gent über britische Malerei und Fotografie von 1750 bis 1950. Darin wird die Kunst der Beobachtung in Beziehung gesetzt zur Kunst des Ausmalens neuer Welten. Nebenbei habe ich Michael Frieds Buch «Why Photography Matters as Art as Never Before» zu lesen begonnen – und daraus eine Idee für eine Kurzgeschichte über einen Fotografen gewonnen, über die ich nachdenke. Überdies wurde mir ein interessantes Buch von Eric Karpeles zugeschickt, «Paintings in Proust». Der Autor hat alle Gemälde identifiziert, die Proust in «Auf der Suche nach der verlorenen Zeit» erwähnt. Ich blättere darin mit großem Vergnügen. Für meine Liste der besten Bücher des Jahres habe ich zwei Romane wiedergelesen. Michelle de Kretsers elegantes Buch «The Lost Dog» gibt ein leichtfüßiges und doch einprägsames Bild vom Leben im heutigen Australien – jeder Satzmacht nachdenklich, ohne Beschwer. Der Roman gefiel mir so gut, dass ich auch ein früheres Buch dieser Autorin las, «Der Fall Hamilton», das genauso glänzend geschrieben ist, aber zur Kolonialzeit in Ceylon spielt und stilistisch und thematisch ganz anders wirkt als das australische Buch. Die britische Presse hat Nadeem Aslams Roman aus dem modernen Afghanistan, «The Wasted Vigil», nicht gut aufgenommen. Es ist ein schrecklich freudloses, aber doch farben- und detailreiches Buch voller Verständnis für die störrische Dickköpfigkeit der Menschen, für ihren verrückten Glauben und ihre hilflose Zärtlichkeit. In meinen Augen ist Aslam ein bedeutender Autor. Sein Buch bleibt mir im Gedächtnis. JedenAbend lese ich im Bett ein Buch auf Deutsch, mit Wörterbuch. Ich komme allmählich zurechtmit der deutschen Sprache, und sie macht mir großes Vergnügen. In der Schule hatte ich (schlechten) Deutsch-Unterricht; dem möchte ich nun abhelfen; ich erkunde die Literatur und das Denken der Deutschen. Stefan Zweigs «Meistererzählungen» und seinen Roman «Ungeduld des Herzens» lese ich mit Vergnügen, auch «Schachnovelle» ist großartig. Nach «Die Welt von gestern» habe ich auch Oliver Matuscheks Zweig-Biografie gelesen, mit großem Interesse. Und außerdem lese ich wieder einmal Thomas Mann, zum Teil für einen Vortrag vor einer neu gegründeten Deutsch-Englischen Kulturgesellschaft. Ich möchte dort über «Die Entstehung des Doktor Faustus» sprechen, denn dieser Text fasziniert mich seit langem als Bericht eines Schriftstellers über das Schreiben. Ich benütze ihn als Argument dafür, dass wir heute der Biografie von Autoren zuviel Aufmerksamkeit schenken, statt die Werke zu lesen, für die sie gelebt haben. Für diese Problematik ist Thomas Mann eine zentrale Beweisfigur. Was genau bedeutet der Untertitel: «Roman eines Romans»? Außerdem habe ich «Doktor Faustus» wiedergelesen, «Der Tod in Venedig» und «Tonio Kröger» (mein allererstes deutsches Buch). Demnächst kommt Nietzsches «Die Geburt der Tragödie» aufs Neue dran. Ich habe gerade einen umfangreichen Roman beendet, und jetzt schmökere ich herum, um Ideen für den nächsten zu sammeln. Eine Idee ist ein Roman über frühe Psychoanalytiker. Daher habe ich Peter Gays «Freud. Eine Biographie für unsere Zeit» neugelesen, dazu das eine und andere von Freud selbst. Die andere Idee, die ich hatte, kreist um die Surrealisten – ich hatte in einemg ewaltigen Buch von Werner Spies Max Ernst entdeckt – und um zwei Engländerinnen, um die Autorin und Malerin Leonora Carrington und um Eileen Agar, die gleichfalls mit der surrealistischen Bewegung verbunden war. Und das handliche Taschenbuch von Gallimard über Surrealismus trage ich mit mir herum. Der Roman,den ich gerade abgeschlossen habe, handelt von Keramiken, Ärztinnen, Märchen, dem Ersten Weltkrieg, der sozialistischen Fabian Society und der City von London. Eine ganze Bibliothek über diese Themen habe ich jetzt in Kisten weggepackt. Ich war entzückt, als ich in «Die Entstehung des Doktor Faustus» las, dass Thomas Mann das Gleiche getan hat. Das alles verdanke ich Amazon, das sich als glorreiche Katastrophe erweist. Denn inzwischen ist mein Haus mit Büchern zugepflastert, sogar auf dem Fußboden und auf der Treppe. (Übersetzung aus dem Englischen: die Redaktion)
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Ich zähle, also bin ich When will I be famous: Das Internet bietet verschiedene Gelegenheiten, die eigene Gesellschaftsfähigkeit zu verfeinern VON ARAM LINTZEL «Bald gibt es keine Beziehung mehr, die es nicht auf Beziehungen abgesehen hätte», wusste der bestens vernetzte Strippenzieher Teddie Adorno schon vor langer Zeit. Besonders intensiv umgarnen uns diese Beziehungsbeziehungen heute bei www.famegame.com. Die Seite will Licht in die New Yorker Privat und Geschäftsbeziehungen bringen. Zum Beispiel mit einem schicken Button mit der Aufschrift «Connect!». So lässt sich schnell herausfinden, «who knows who from where and why». Künstler, Geschäftsleute, «Fashionistas» und viele andere sub prominente Partypeople sind am Start. Doch nicht jeder darf beim Fame Game mitmachen, potentielle Mitglieder werden ausgewählt. Ein eigens entwickelter Algorithmus errechnet, wer hinreichend famous ist. Aufgabe dieses Programms ist es, die wachstumsträchtigsten Personen aus Kultur und Medien zu identifizieren und nach Bedeutungsgrad zu rangieren. Das Programm trägt übrigens den Namen Andy – nach Andy Warhol, der ja einst prophezeite, dass künftig jeder Mensch seine 15 Minuten Ruhm haben würde. Komisch nur,dass die Selektion des Algorithmus das Gegenteil beweist: Ruhm ist doch nicht demokratisch verteilt. Das Logo von Fame Game ist eine Art Börsenkurve. Oben läuft ein Börsenticker durchs Bild, der den Pegelstand sozialer Wichtigkeit anzeigt: Holly Lang +3,23%, Malcolm McLaren +2,85%, Julie Luchs Smigel +2,34%, Cindy Sherman +10,9%, Harry Belafonte +4,56% … Unbekümmert zerstört www.famegame. com so die Hoffnungen all jener Humanisten, die nach dem Ausbruch der Finanzkrise frohlockten, nun würden endlich wieder «die Menschen» im Mittelpunkt stehen und nicht mehr die abstraktenZahlen. DassMenschseinundZahlsein einander aber nicht unbedingt ausschließen, zeigt das Fame Game mit Genuss – vor allem durch das sogenannte «Head to Head»-Duell:Hier lassen sich Einfluss und Bedeutung zweier Personen direkt numerisch miteinander vergleichen. Die Daten sorgen für Durchblick auf dem Markt desHumankapitals:Ziel der Seite ist nämlich, so heißt es da, «mehr Transparenz über die Produktion und Proliferation von Aufmerksamkeit herzustellen». Doch was verstehe ich über die Gesellschaft – über die Society ,wenn ich weiß, wessen Aktien steigen oder abstürzen? Was genaubesagt der Unterschied zwischen Rang 113 und Rang 97? Vielleicht sollte man, anstatt sich an dieser Börse zu verlieren, besser an einem anderen Aspekt seiner Gesellschaftsfähigkeit feilen. Empfohlen sei hierzu die Website www.namenmerken.de. Hier wird, ganz old school, ein Trainingsprogramm zur Verbesserung des Namensgedächtnisses angeboten. «Wer weiß, vielleicht können Sie ja schonbei der nächsten Party mit Ihrem guten Namensgedächtnis glänzen? »Auch hier geht es darum, sich als Fisch im Wasser des Sozialen zu bewegen. Und doch klingt diese Frage nach dem harten Realismus von Fame Game sanft, fast unschuldig. ARAM LINTZEL
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