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| Ausgabe 05/09 |
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Inhalt |
EDITORIAL HERBARIUM AMORIS Ronald Düker Staub und Stempel Vom bunten Treiben der Blumen: Der Schwede Edvard Koinberg züchtet und fotografiert die Sexualorgane der Pflanzen SCHWERPUNKT JAHRESTAGE. RÜCKWÄRTS IN DIE ZUKUNFT 1989 fiel die Mauer, 1949 wurden Bundesrepublik und DDR gegründet: 2009 ist ein Supergedenkjahr. Wie aber steht es um das Verhältnis zur Geschichte, wenn die Gegenwart vom Zufall des Kalenders beherrscht wird? Hans Ulrich Gumbrecht Die Gegenwart wird immer breiter Niemand kann sich dem Gedenk-Kalender entziehen. Doch die «Memoria-Kultur» verstellt den Blick auf die Zukunft. Ein Essay || Stephan Schlak Die Flagge der Revolution Was geschieht, wenn der Moment des Mauerfalls Jahresringe ansetzt? Ein Streifzug durch aktuelle Bücher zur jüngsten deutschen Geschichte || Frauke Meyer-Gosau «Wir sind zu früh» In Julia Schochs neuem Roman bildet die «Wende» ein Scharnier zwischen Nichts und Nichts. Letzte Nachrichten aus einem aufgegebenen Lebensraum. Ein Porträt |
DAS KRIMINAL Laurenti, hilf! Bei Veit Heinichen sind die Global Players Verbrecher – aber warum, fragt Frauke Meyer-Gosau, spricht hier ein Hund? BÜCHER DES MONATS Patrick Bahners Werner Busch: Das unklassische Bild Verena Auffermann Péter Esterházy: Keine Kunst Michael Jeismann György Dalos: Der Vorhang geht auf Kurt Darsow Paul Krugman: Die neue Weltwirtschaftskrise Helmut Böttiger Reinhard Jirgl: Die Stille Daniela Strigl Michael Stavaric: Böse Spiele LITERATUREN-GESPRÄCH «Die glauben, demnächst können sie fliegen» Die Hotline zum Unmöglichen – Peter Sloterdijk über Schönheit, Sport, Religion und sein Buch «Du mußt dein Leben ändern» GESELLSCHAFT Jutta Person Die Couch, auf der wir lieben Verhaltenslehren der Wärme: Wie kontrollieren wir unsere Gefühle, im Bett und am Konferenztisch? Eine Begegnung mit der Soziologin Eva Illouz KINDERBÜCHER Fridtjof Küchemann Nach uns die Sintflut Die Geheimnisse der Mülltrennung, des Strom- und Wassersparens – davon handeln schon Bücher für Dreijährige DAS JOURNAL Rezensionen neuer Bücher von Ralf Rothmann || Peter Arens, Tillmann Bendikowski, Dirk Husemann, Ralf-Peter Märtin, Günther Moosbauer, Christian Pantle, Reinhard Wolters || Thomas Klupp || GoloMann, Tilmann Lahme || John Griesemer || Rayk Wieland || Alexander von Humboldt, Manfred Geier, Ottmar Ette Bildbände von Stephan Kemperdick, Jochen Sander (Hg.) || Kulturhuset, Stockholm u.a. (Hg.) || Robert Goff, Cassie Rosenthal (Hg.) MIGRANTEN-LITERATUR Jörg Magenau Mit der Green Card in ein neues Jahrhundert Die jüngere amerikanische Literatur hat die ganze Welt im Gepäck. Über Romane von Dinaw Mengestu, Junot Diaz, Ha Jin und Joseph O’Neill DIE BEISEITE Peter Licht Mittlere Wänste in mittleren Jahren Typologien zur Literatur (1): Der «Schriftsteller» KURZ & BÜNDIG Bücher von Joachim Gaertner || Susanne Heinrich || Kingsley Amis || Dan Lungu || Ingke Brodersen, Rüdiger Dammann || Karin Reschke ||Melitta Breznik Bildbände von Mirko Hecktor (Hg.) || Helmut Reuter, Birgit Schulte (Hg.) DAS MAGAZIN Mitten aus Reykjavik || Kalender || Netzkarte || Literatur im Kino || Jetzt als Taschenbuch || Hörbücher || Was liest Lutz Seiler? || Leserbriefe IMPRESSUM VORSCHAU, REGISTER
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Editorial |
Als Thomas Mann, liebe Leserin, lieber Leser, im Sommer 1949 zu den Feiern zu Goethes 200. Geburtstag nach Frankfurt und Weimar reiste, war die Botschaft klar: Der Eiserne Vorhang teilte Europa, und der Nobelpreisträger beschwor in Ost und West die Einheit der deutschen Kultur. In diesem Mai feiert die Bundesrepublik den 60. Jahrestag ihres Bestehens und im November den Fall der Berliner Mauer von 1989. Berge von neuen Sachbüchern und Romanen landen dazu in den Buchhandlungen. Und das Gleiche gilt für all die anderen Jahrestage 2009: Golo Mann, Heinz Erhardt und das futuristische Manifest Marinettis werden 100, Wilhelm II. und der Kölner Hauptbahnhof werden 150, Darwin, Gogol, Mendelssohn Bartholdy, Lincoln und Edgar Allan Poe erreichen die 200, vor 250 Jahren starb Händel, und Schiller wurde geboren. Wir feiern 10 Jahre Euro, erinnern an Kurt Cobain (15. Todestag) und die Mondlandung (vor 40 Jahren) und spielen die Varusschlacht im Teutoburger Wald nach (vor 2000 Jahren). Nur ist nicht immer klar, was genau uns Heutige an all den Vergangenheiten interessiert. Wer im Schwindel der Jahrestage das Karussell anhalten will, findet Orientierung im Schwerpunkt dieses Heftes: Hans Ulrich Gumbrecht entschlüsselt den neuen Hyper-Historismus, die Faszination am Zufall der runden Zahl (S. 14). «Erinnerungsereignisse» statt tatsächlicher Ereignisse hat der Philosoph Peter Sloterdijk in unserer Jubiläumskultur einmal erkannt. Im LITERATUREN-Interview spricht er über sein neues Buch «Dumußt dein Leben ändern», über den Versuch, alles anders zu machen, über Schönheitsoperationen und über Sport (S. 50). Leibesübungen treiben auch andere in diesem Heft: Mit Cricket dringt der irisch-türkisch-amerikanische Schriftsteller Joseph O’Neill literarisch bis an die Ränder der US-Gesellschaft vor (S. 76). Der ungarische Fußballgott der fünfziger Jahre, Ferenc Puskás, spielt eine nicht unwesentliche Rolle in Péter Esterházys neuem Roman (S. 37). Und zu den Jubilaren dieses Jahres zählt nicht zuletzt der Dortmunder Ballspielverein Borussia 09. Einen schönen Lese-Mai wünscht Ihre LITERATUREN-Redaktion P. S.: Seit September 2007 hat Sibylle Berg die «Beiseite» geschrieben; dafür danken wir ihr. Jetzt übernimmt der Schriftsteller und Musiker PeterLicht die Kolumne (S. 83).
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Die Beiseite |
Mittlere Wänste in mittleren Jahren Typologien zur Literatur (1): Der «Schriftsteller» VON PETERLICHT (SCHRIFTSTELLER) Der Schriftsteller lebt von seinem Scheitern. Davon legt er Akten an und führt darüber Buch. Er macht eine Kultur aus sich. Die Produktion portioniert er und vertickt sie scheiblettenweise. Wir entcellophanieren sie und legen uns die Scheiblette auf die Zunge unserer Neugier. Wir lassen sie hintenrunterrutschen, wo sie dann ein Eigenleben führt in unseren Innereien. Oder die Scheiblette zergeht. Oder verlässt unverdaut das System. Wir wissen es nicht. Der Schriftsteller legt eine Kultur an. Betrachtet man ihn als einen Wald, dann ritzt er überall die Bäume an und schraubt Kübelchen unter die Ritzen, damit die Kübel das Kautschuk seiner Depression fangen mögen oder das Harz der Vergeblichkeit oder der Melancholie. Oder was auch immer. Er läuft umher von Baum zu Baum und melkt dessen Ritzen, aus denen es, wenn es gut läuft, ständig quillt. Am Ende eines langen Tages steht er verklebt und verschmiert von seinem Schreibtisch auf. Und es ist ihm zäh. Das Harz klebt ihm den Arm an die Platte, und er muss daran zerren. Er hat sich oft gedreht und gewendet bei der Ernte im Wald. Es zogen sich Fäden, wenn die Tropfen die geritzte Rinde verließen. Und er griff tapsig dazwischen, an Händen und Armen das Harz. Denn geschickt ist er nicht, wenn es darum geht, eine unbezähmbare Substanz von einem Gefäß in ein anderes umzuschütten, ohne dass Tropfen und Schlieren danebengehen. Es bildet sich Schmier und Gekröse an allen Töpfen und Kübeln, die er fasst. Die Ärmel sind voll. Wie Dotter hat er Batzen im Bart. Und er kriegt das Harz nicht aus den Haaren, es gibt kein Shampoo, das das macht. Wir sehen einen wunderlich müffelnden Otter vorbeiziehen mit seiner Scheiblettenernte auf dem Handwagen. Er kaut verloren in Gedanken auf einem rundgelutschten Stück Gummi und nach jedem Biss schnellt ihm der Kiefer zurück. Aber es kommt drauf an. Mitunter ist der Schriftsteller eine Schriftstellerin, und sie hat schon viel gesehen. Sie hat in vieles hineingelinst. Als ob alldas Schauen und Linsen ein Feedback ergäbe, so schaut alldas Schauen auf sie zurück, so scheint es. Und es ergibt sich dann am Ende ein Mehr, ein erhöhtes Maß an Ausschauen. Schlussendlich sieht sie super aus. Das ist auch angemessen, denn beim Setzen ihrer Schriften setzt sie eine neue Welt. Und diese Setzung ist aus sich heraus – wie jede Schöpfung – schön. Die Schriftstellerin fliegt also umher über ihre Blumenwiese und streicht den Pollen aus den Dolden. Sie trinkt mal aus diesem Kelch und mal aus jenem. Sie fliegt umher im Schwänzeltanz. Und im Gegenlicht schillern die Farben der Blüten ihres Reiches. Hat die Schriftstellerin erst einmal die Waben gefüllt mit dem süßen Zeugs, dann geht die Sache richtig los, und es sieht super aus, wenn sie die Zentrifuge ihres gesellschaftlichen Auftrages anwirft und die Waben sich vom Honig entleeren. Sie füllt ihn in die Gläser und radelt los, um auf dem Markt einen Preis zu erzielen. Dort sieht sie den müffelnden Scheiblettenotter, der ebenfalls der Preise wegen mit seinen Scheibletten daherkommt. Die beiden halten ein Profischwätzchen. Und egal, wie es mit den Preisen gelaufen ist, ziehen der Schriftsteller und die Schriftstellerin danach total frustriert und erschöpft ihrer Wege. («Ohje.») Denn das Schlimmste, was einem Schriftsteller passieren kann, ist die Begegnung mit einem anderen Schriftsteller. So was ist furchtbar. Im Herzen mögen sie sich ja. Aber sie wissen beide, in welchem Schlamassel der andere so steckt. Und der eigene Schlamassel reicht. «Oh je», denkt sich die Schriftstellerin, denkt sie über den Schriftsteller. «Oh je», denkt sich der Schriftsteller, denkt er über die Schriftstellerin. Ist der Kontakt mit einem normalen Menschen aus der Menschenhorde eine Zumutung, so ist die Begegnung mit einem anderen Schriftsteller ein Angriff. («Ich lösche dich aus mit meinem Ritzengequill!») («Ich zentrifugiere dich!») Der Schriftsteller ist kein Teil der Horde. Er gehört nicht dazu. Sitzt lieber in einer seiner Baumkronen auf Hockposten und guckt und schreibt sich seinen Teil. Mit jedem Wort schreibt er sich einen Zentimeter weg von den Menschen, und nach einem ganzen Roman oder einer Trilogie sogar bemerkt man von ihmnur noch ein fernes Winken am Ende des Feldes oder ein schmales Zwitschern. Eine Autobiografie später dann ist er verschwunden. Er leidet ein Schriftsteller die Begegnung mit einem Normalmenschen, so ist das nicht angenehm für ihn. Denn die Begegnung mit irgendeinem Menschen oder gesellschaftlichen Phänomen oder «Thema» zwingt ihn reflexhaft dazu, eine Haltung einzunehmen. Insofern ist der Schriftsteller einem Turner oder Bodybuilder ähnlich. Der Schriftsteller läuft durch sein Leben und denkt bei allem und jedem, was ihm über den Weg läuft, «mjam mjam mjam, Arbeit». Feierabend gibt es für den Schriftsteller erst, wenn die Haltung sich wieder aufgelöst hat. Da ist er auf Hilfe angewiesen. Und so steht hinter jedem großen Schriftsteller immer ein starker Chiropraktiker. Trifft ein Schriftsteller einen Normalmenschen, stülpt er sich diesem ein. Macht sich dessen Eigenleben zu eigen und pflückt sich wie die Kirschen im Sommer dessen Existenz vom Baume, dessen Gestalt, Charakter oder Neurosen. Schlendert durch ihn hindurch und nimmt sich, was er für seinen Plot braucht. Man hat ihn versehentlich im Kaufhaus eingeschlossen. Und wenn er dort schon die Nacht verbringen muss, stolpert er eben runter in die Delikatessabteilung, um zu schauen, was da so rumliegt. Mjammjammjam. Wir schauen auf der Schreiber mittlere Wänste in mittleren Jahren.
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Mitten aus... |
Mitten aus Reykjavik Mitten aus Reykjavik Reykjavik, am 7.Oktober 2008. Zwei der drei großen isländischen Banken sind kollabiert, die dritte schwankt bedrohlich. Das Telefon von Finanzminister Mathiesen klingelt. Es ist sein britischer Amtskollege Alistair Darling. Mathiesen: Hier spricht Árni Mathiesen, der Finanzminister. Darling: Hallo, wir haben uns mal kennengelernt, vor ein paar Monaten… Wochen. M: Nein, wir haben uns nicht kennengelernt. Sie haben den Wirtschaftsminister kennengelernt. D: Achso, Entschuldigung. M: Kein Problem. D: Danke, dass Sie den Anruf angenommen haben. Wie Sie wissen, haben wir ein großes Problem mit Landsbanki… Im weiteren Verlauf des Gesprächs, dessen Transkript vom isländischen Rundfunk veröffentlicht wurde, erkundigt sich Darling, was mit den vier Milliarden Pfund sei, die seine Landsleute bei der zahlungsunfähigen Landsbanki angelegt haben. Mathiesen schlägt vor, dass die britische und isländische Finanzaufsicht sich mit dem Problem befassen. Doch Darling will nicht delegieren. Er bohrt so lange nach, bis Mathiesen erklärt, dass er zwar nichts versprechen könne, aber hoffe, dass alles gut wird. Am nächsten Morgen friert Darling alle isländischen Guthaben in Großbritannien ein und zieht dafür ein Gesetz zum Kampf gegen den Terrorismus heran. Dann fallen die zwei Länder, die zuvor beste Beziehungen unterhielten, verbal übereinander her. Die Briten wettern über die brandschatzenden Wikinger, die diesmal gleich das ganze Finanzsystem abgefackelt haben. Die Isländer sehen sich als die neuen Falkland-Inseln, ein Fleckchen Erde, das Großbritannien in bester Kolonialherrenart zum Sündenbock für eigene Probleme macht. Engländerinnen lassen sich mit «Bomb Iceland»-T-Shirts fotografieren, die Isländer gründen eine Facebook-Gruppe namens «Icelanders are NOT terrorists». Zur selben Zeit fliegt Yoko Ono nach Island, um ihren Imagine Peace Tower einzuschalten, eine riesige Lichtsäule, die aus dem Wasser des Hafens aufstrahlt und den Nachthimmel von Reykjavik erleuchtet. Ein Symbol für den Weltfrieden sollte sie eigentlich sein, erinnert jetzt jedoch eher an ein Lichtschwert aus dem «Krieg der Sterne», mit dem die dunkle Seite des Geldes zu einem tödlichen Schlag auf das Land am Polarkreis ausholt. Nun ist Frühling in Reykjavik. Yoko Onos Lichtsäule ist ausgeknipst, und auch in der Regierung sieht alles anders aus als im Herbst. Die Männer, die jahrelang von Posten zu Posten rückten, sind verschwunden: Finanzminister Mathiesen (Ex-Fischereiminister) hat ebenso aufgegeben wie Ministerpräsident Haarde (Ex-Finanz und Außenminister). Sogar Daví Oddson ist gegangen, der Notenbankchef (Ex-Außenminister und Ministerpräsident), der im letzten Herbst eine Bankenverstaatlichung nach der nächsten verkündete und dabei dem melancholischen Komiker-Bären Fozzie aus der «Muppet Show» immer ähnlicher geworden war. Island wird übergangsweise von Jóhanna Sigurdardóttir geführt, einer Mittsechzigerin mit langem weißem Haar und rotem Lippenstift. Sie ist Sozialdemokratin, ehemalige Sozialministerin, und lebt mit einer Frau zusammen. In normalen Zeiten wäre eine lesbische Ministerpräsidentin – ähnlich wie geheizte Bürgersteige und die höchste Pro-Kopf-Anzahl an Buchveröffentlichungen – eine der netten Nachrichten gewesen, die beweisen, wie fortschrittlich Island ist. In dieser Krise jedoch sehen viele die bewusste Abkehr von den Kumpelklüngeln der rechtskonservativen Unabhängigkeitspartei, die den Ausflug in die Welt des Investmentbankings förderte. Der war nämlich eine exklusive Veranstaltung heterosexueller isländischer Männer, die den Jungs in NewYork und der City of London zeigen wollten, dass sie nicht nur Fische fangen konnten, sondern auch mit geliehenem Kapital Firmen kaufen. Natürlich war das riskant, doch was war das schonfür ein Risiko im Vergleich dazu, was die Vorfahren gewagt hatten? Die norwegischen Outlaws, die sich vor 1000 Jahren mit offenen Booten auf den Weg machten, um auf einer obskuren Insel langen Wintern und Vulkanausbrüchen zu trotzen, nur um ein Leben in Freiheit zu führen! Wenn man sich von Obrigkeiten reinreden lassen wollte, hätte man ja gleich in Norwegen bleiben können. So wundert es nicht, dass in der Londoner Filiale des isländischen Konzerns Baugur, der sich innerhalb weniger Jahre ein Imperium an britischen Einzelhandelsketten zusammenkaufte, die Statue eines Wikingers stand. Mit Schwert in der Hand und einer E-Gitarre auf dem Rücken. Sicher hat Baugur-Chef Jón Ásgeir Jóhannesson in diesem Wikinger auch sich selbst und seine Mitstreiter gesehen. Männer, die um die Welt reisten. Alle unter den Tisch tranken und doch am nächsten Morgen wieder am Schreibtisch saßen, die nächste Firmenübernahme im Blick. Hohes Risiko. Schnelle Entscheidungen. Yacht in Miami. Für diese Männer hat Island vorerst keine Verwendung mehr. Vielleicht melden sie sich ja beim Massachusetts Institute of Technology, wo der Zusammenhang zwischen Selbstüberschätzung, Gender und Anlageverhalten untersucht wird. In Island ist derweil nicht nur die Regierung in weiblicher Hand: Zwei der drei Pleitebanken werden von Frauen geführt, der Chef der dritten wird von zwei Frauen kontrolliert. Auch in anderen Bereichen werden Ideen laut, auf die die Finanzboys so schnell nicht gekommen wären. So sollen der Besuch bei Prostituierten für Freier unter Strafe gestellt und Strip-Bars wie der Club «Goldfinger» verboten werden. Doch das könnten auch nur letzte Amtshandlungen einer Übergangsregierung sein. Vielleicht ist Island, das erste Opfer der Finanzkrise, auch Vorreiter einer Feminisierung der Weltfinanz? In einem Jahr wird Josef Ackermann seinen Posten bei der Deutschen Bank räumen. Eine Nachfolgerin ist noch nicht gefunden.
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