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Ausgabe 05/09
Rainer Moritz: Beischlaf am Baggersee
Beischlaf am Baggersee

ROMAN Die Rettung der Oberpfalz als literarische Landschaft: Thomas Klupps Roadmovie «Paradiso»

Deutlich spürbar ist sie, die Sehnsucht im Feuilleton nach unverbrauchten Autoren, die mehr als kleinteilige Selbstbespiegelungsprosa oder großteilige Familienchroniken anzubieten haben. Kaum betritt ein solcher Hoffnungsträger die Bühne, liegen sich die Rezensenten in den Armen und werfen alle Maßstäbe über Bord. Thomas Klupp, Jahrgang 1977, heißt der neue Glamourboy der Szene, der – so das Wunschdenken – mit seinem Roman «Paradiso» die seligen Zeiten zurückbringen soll, als Christian Kracht, Sibylle Berg und andere «Trash-Piloten» (so der Titel einer 1997 erschienenen Anthologie) sich anschickten, die Kuschelecken der Literatur aufzumöbeln.
Um Thomas Klupp, Mitarbeiter am Litera turinstitut der Universität Hildesheim, zeitgemäß zu promoten, lässt sein Verlag nichts unversucht: Vor Begeisterung schäumende Fürsprecher wie Thomas Brussig formulieren Passendes für den Schutzumschlag, und auf einer eigens eingerichteten Homepage werden handschriftliche Skizzen des Jungautors vorgestellt. Das alles soll uns, wenn es der Qualitätsfindung dient, egal sein, und Klupps Erstling ist in der Tat besser, als es das mediale Getue vermuten lässt.

Hirschfänger gegen Tramper
«Paradiso» gehört ins überstrapazierte «Roadmovie»-Genre, eine Romanform, die einfachsten Gesetzen folgt und oft genug einfältigste Inhalte transportiert. Ein in der Regel jüngerer Mensch oftmals männlichen Geschlechts bewegt sich mit dem Auto, Motorrad oder Überlandbus durch diverse Landschaften, trifft auf absonderliche Exempel irdischer Existenz (gerne Außenseiter), sinniert über sein eher glückloses Berufsund Liebesleben, nimmt reichlich alkoholische Getränke zu sich, denkt melancholisch oder aggressiv an seine Jugendzeit zurück und will dem Leser, der von solch ungebundenem On-the-Road-Sein meist nur träumt, das Gefühl vermitteln, die Unterwegsbewegungen spiegelten den Zustand des bereisten Landes wider.
So auch hier: Alex Böhm heißt Klupps Protagonist, ein Student an der Filmhochschule Potsdam, der sich, da sein Auto einem Unfall erlegen ist, als Tramper gen München aufmacht, wo seine attraktive Freundin Johanna auf ihn wartet, um mit ihm eine Urlaubsreise nach Portugal anzutreten. Doch so einfach, wie sich Alex den Tag vorstellt, laufen die Dinge nicht: Die vereinbarte Mitfahrt im gelben Kombi eines Försters scheitert an der Unpünktlichkeit des Pkw-Besitzers, und so kommt Alex nicht umhin, den Daumen zu heben und auf gastfreundliche Autofahrer zu hoffen. Eine Reise in mehreren Etappen folgt. Alex trifft – Überraschung! – auf einen alten Schulfreund, der sich vom Loser zum Erfolgsmenschen gemausert hat, auf einen Truckerfahrer, der seine Liebe in Tschechien gefunden hat und unliebsame Tramper mit einem Hirschfänger in Schach hält, und auf eine esoterisch angehauchte Frau namens Patrizia, mit der er in seiner Heimatstadt Weiden landet. Dieses Städtchen liegt in der Oberpfalz, einer trotz Andrea Maria Schenkel und Eckhard Henscheid von Literaten nicht begünstigten Region, und hat einem angehenden Drehbuchautor, abgesehen vom guten Bier, wenig zu bieten.

Zwischen Arroganz und Selbstmitleid
Thomas Klupp gibt seiner im Grunde wenig originellen Irrfahrt dadurch einen eigenen Ton, dass seinHeld alles andere als ungeteilte Sympathien auslöst. «Wenn ich die Wahl hätte, wollte ich auch nicht mit mir befreundet sein», lautet Alex’ selbstkritische Einschätzung, und nachdem man 200 Seiten lang verfolgt hat, wie er permanent Schauermärchen auftischt, Weggefährten austrickst und den Gefühlen anderer mit Unverständnis begegnet, ist klar, dass man diesen zwischen Arroganz und Selbstmitleid lavierenden Hochstapler lieber nicht als Tramper mitnehmen würde.
Alex wähnt sich «in einer sehr seltsamen Phase» seines Lebens. Ob er das richtige Studium ergriffen hat, weiß er nicht – schließlich hätte er ja auch Pfarrer werden können –, und ob er sich für die richtige Frau entschieden hat, ist noch zweifelhafter. Denn da ist Leni, seine «große Liebe», die er am Ende seiner unfreiwilligen Rückkehr in die Oberpfalz wiedertrifft, am Paradiso, einem von Kiefern umsäumten Baggersee. Obschon er Leni einst auf unschöne Weise abserviert hat, kommen sich beide rasch näher, und es kommt zum hastig praktizierten Beischlaf in der Tiefe des Waldes. Von Dauer ist dieses Glück jedoch nicht. Alex entledigt sich eines alten Freundes, fährt, von reichlichem Speedgenuss beeinträchtigt, einen BMW zu Schrott, bittet –wie einst Gary Cooper in «12 Uhr mittags» – Kirchgänger um Hilfe und landet schließlich dort, wo er hin wollte: am Münchner Flughafen.
«Paradiso» ist einsüffig erzählter, stilistisch meist sicher vorgetragener Reisebericht, der die Sprache eines jungen Mannes (mit vielen «irgendwie»- und «ehrlich gesagt»-Floskeln) imitiert und mit genauem Blick komisch-skurrile Begebenheiten aneinanderreiht. Das liest sich amüsant, wenngleich derText in seiner Beschreibung von Proletentum und Spießigkeit – «Links von mir sitzt ein Pärchen, das aussieht, als käme es gerade vom Cluburlaub auf Ibiza» – nicht selten in den Klischeetopf greift. Viel mehr freilich findet sich kaum in diesem Erstling, und schon garnicht sollte man, nur weil sein mit Filmund Literatur vertrauter Autor mit Anspielungen nicht geizt, «Paradiso» als literarisch hochrangiges Gesellschaftspanorama lesen. Die Verweiskraft von Oberpfälzer Baggerseen hält sich offenbar in Grenzen. RAINER MORITZ

THOMAS KLUPP Paradiso
Berlin Verlag, Berlin 2009.
201 S., 18 ¤




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