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| Ausgabe 06/09 - Literaturen - Literatur |
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Das Kriminal |
Hey, mighty Brontosaurus VON FRAUKE MEYER-GOSAU Er ist der Meister: Arne Dahl. Und wenn der Meister sich vornimmt, in seinem siebten Kriminalroman einen Stoff auszubreiten, der sich von der Schlacht um Stalingrad im Jahr 1942 bis ins (jedenfalls äußerlich) sonnige Stockholm der Gegenwart erstreckt, dann funktioniert das auch. Trotz aller Hindernisse, die er sich selbst in den Weg legt; der Meister Dahl springt von Buch zu Buch gern immer noch etwas höher und weiter. Seit seinem Roman «Misterioso», der 2003 auf Deutsch erschien, setzt er dabei auf die (von ihm erfundene) «A-Gruppe», eine Sondereinheit der schwedischen Kriminalpolizei zur Aufklärung von Verbrechen mit internationalem Hintergrund. Von Anfang an hatte er den Rahmen damit weiter gesteckt als die großen Vorbilder Maj Sjöwall und Per Wahlöö, deren Mordgeschichten um Kommissar Beck allenfalls bis Dänemark reichten – und die dennoch das Genre für ganz Europa revolutionierten. In ihrer Tradition steht nach wie vor auch Arne Dahls Romanserie um die «A-Gruppe». Hier allerdings kommt nun ganz Europa in den Blick, mit vereinzelten Schlenkern bis in die USA. Auch die kriminalistische Elitetruppe wurde mit den Jahren erweitert, umbesetzt und mit zeitgemäßen sozialen Kennzeichen versehen. So dass es jetzt einen chilenisch-stämmigen Schweden neben einem Schwulen und einer alleinlebenden Frau mit Unterschichts-Appeal gibt, einen getrenntlebenden Vater zweier fast erwachsener Kinder, einen aus Finnland gebürtigen Intellektuellen und Träumer mit riesiger weißblonder Kinderschar und den Chef der Internen Polizei-Ermittlung mit seiner farbigen Familie. Das Haupt des Teams ist eine alleinerziehende Mutter, daneben finden sich ein spät verehelichter Prolo und ein ehemaliges Testosteronmonster, das im Kirchenchor singt und mit einer aus Russland eingewanderten Universitätsdozentin zusammenlebt. Ein Rentner ist natürlich auch mit von der Partie: der ehemalige Chef der A-Gruppe, der bei Bedarf als Berater reaktiviert wird. So geschieht es auch im neuen BandvonArne Dahl, der Totenmesse (aus dem Schwedischen von Wolfgang Butt. Piper, München 2009. 403 S., 19,95 ¤). Allzu mysteriös nämlich erscheint den Polizei-Oberen die Geiselnahme in einer norwegischen Bank im Zentrum Stockholms, in die auch Cilla, die frühere Frau des internen Ermittlers Paul Hjelm, hineingerät. Offensichtlich handelt es sich bei den Geiselnehmern um zwei Russen, die am helllichten Tag schwarz maskiert in die Bank stürmten, sie in Windeseile mit Sprengstoff auskleideten, Kunden und Angestellte festsetzten und nun in elaboriertem Englisch, alle schwedischen Namen nahezu akzentfrei artikulierend, ihre Forderungen stellen: 20 Millionen Euro, und die Polizei selbst soll einen Plan entwickeln, wie die Räuber unbeschadet mit ihrer Beute aus der Bank wieder herauskommen. Die Geisel Cilla Hjelm schickt ihrem Ex-Ehemann derweil übers Handy Nachrichten und Fotos ins gegenüberliegende Präsidium– alles «ein bisschen ungewöhnlich», wie ein Mitglied des Krisenstabs zutreffend bemerkt. Es ist der erste Tag des jüngsten Irakkriegs, und ums Öl geht es letztlich auch bei dem Banküberfall, genauer: um die zur Neige gehenden fossilen Brennstoffe der Erde. Das alles ist überaus komplex angelegt, zumal es zu den Eigenheiten Arne Dahls gehört, dass er Geschichte – noch nicht lange vergangene wie fast schon vergessene – in seine Fälle mit einbezieht. Und wie immer spielt auch die Musik eine tragende Rolle, hier Wolfgang Amadeus Mozarts Requiem. Der Totengesang schallt durch das Büro von Paul Hjelm, als das Geiseldrama beginnt, sie tönt durch die Urlaubsszenerie auf der Insel Chios (auch sie Ort eines vergangenen Massakers), hinweg über die Tagebuch-Aufzeichnungen eines jungendeutschen Wissenschaftlers, der sich als Scharfschütze der Nazi-Armee im beginnenden Winter von Stalingrad wiederfindet. Das Requiem klingt durch die Biografie eines DDR-Spitzels und überzieht auch Venedig, wo der Spezialpolizist Nylander in einem nächtlichen Showdown auf den US-Superkiller aus Arne Dahls Roman «Böses Blut» trifft. Blut fließt hier in Strömen, nicht nur in einem sogenannten Stillen Haus der CIA in Schweden oder im Schlafzimmer von Cilla Hjelm, und Schritt um Schritt ersteht Vergangenheit wieder auf –bevor die Gegenwart mit der Kriegsrealität im Irak, unter der Ägide der Erdöl-Krösusse George W. Bush und Dick Cheney, mit vorläufiger Endgültigkeit die Szene übernimmt. Was erlösend hätte wirken können, scheint unwiederbringlich ausgelöscht, und wenn noch die disparatesten Teile sich am Ende zu einem sinnreichen Geschehen gefügt haben, steht dem Leser eine Welt im permanenten Krieg vor Augen: ein Menschheits-Schlachtengemälde, aus demes kein Entrinnen, immer nur befristete Rettung gibt. Was ein globaler Kriminalroman ist und kann, in der «Totenmesse» sieht man es beispielhaft. Und muss bei allem Grauen und allen Tragödien um das Grundprinzip der Humanität dennoch nicht fürchten. Denn darin liegt Dahls größtes Kunststück: Er beschönigt nichts und gibt dabei das Humanum dennoch nicht auf – angesichts der weltumspannenden Profitgier nun gerade nicht. «Hey, mighty Brontosaurus», schießt es dem Musiker und Polizisten Jorge Chavez einmal durch den Kopf, der im vorigen Roman wegen seiner Liebe zur Musik der Band «Police» fast umgekommen wäre: «You thought your rule would always last / There were no lessons in your past.» Arne Dahl stemmt sich gegen die Dinosaurier-Sicht der Geschichte. Er ruft Vergangenes in Erinnerung und verlängert dessen Linien bis in die Gegenwart hinein: realistisch und phantastisch zugleich. Meisterlich eben.
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Kurz und Bündig |
PHILOSOPHIE PAUL VEYNE Foucault. Der Philosoph als Samurai Aus dem Französischen von Ursula Blank-Sangmeister. Reclam, Stuttgart 2009. 218 S., 19,90 ¤ Was in aller Welt hat Sex mit Denken zu tun? Der Philosoph Michel Foucault entdeckte Schnittmengen auch in einander entgegengesetzten Polen der menschlichen Existenz. 1926 wurde er im bürgerlichen Poitiers geboren, wuchs als Spross eines Sprosses von Ärzten auf, und so erwartete Vater Paul-André Foucault von Paul-Michel ebenfalls eine Medizinerkarriere. Doch dieser, eingeschult noch vor seinem vierten Geburtstag, wollte Geschichtslehrer werden. Den väterlichen Vornamen Paul legte er bald ab, den Ehrgeiz nicht: Das Studium an der Pariser Elitehochschule «École normale supérieure» schloss er mit einer Handvoll Diplome ab; die Dissertation geriet ihm, Jahrzehnte vor dem Gebrauch elektronischer Textverarbeitung, tausend Manuskriptseiten dick. Die Atmosphäre an der École normale nach dem Zweiten Weltkrieg glich der einer Kaserne. Seine Homosexualität jedenfalls konnte Foucault anfangs auch in der Metropole nur im Verborgenen leben – bevor er später ein Leben als «anständiger Schwuler ohne Probleme» führte. «Ich habe im ersten Jahr meiner sexuellen Karriere mit 200 Männern geschlafen», erzählte er seinem Freund, dem Historiker Paul Veyne einmal. Und der erzählt es nun weiter: in seinem neuen Buch «Foucault. Der Philosoph als Samurai». Die alttestamentarisch übertriebene Zahl der Liebhaber steht neben anderen Erinnerungen: an Foucaults schneidenden Humor, seine stählerne Arbeitsdisziplin, an die wohl einzige Nacht, die er mit einer Frau verbrachte, oder daran, wie er gelegentlich Drogen konsumierte, die er erst in Vaters Medizinschrank, später in den Bars von San Francisco besorgte. Dort infizierte er sich auch: Im Juni 1984 starb er an Aids. Paul Veyne lernte den vier Jahre Älteren Anfang der fünfziger Jahre kennen, seit Mitte der siebziger Jahre waren die beiden Kollegen am Collège de France, Veyne verkehrte oft bei Foucault zu Haus. So ist es ein wenig schade, dass der Leser bis zum elften, dem letzten Kapitel des Buches warten muss, bis der Autor aus seinem exklusiven Wissen schöpft. Wie er zuvor Foucaults Arbeiten diskutiert, ist selbstverständlich kompetent, auch gut verständlich, aber andere Kommentatoren übernehmen diesen Job nicht weniger gut. Lesen sollte man Veyne wegen biografischer Details, die nur er kennt. Nicht aus Voyeurismus, sondern weil sie den Blick auf eines der großen philosophischen Werke des 20. Jahrhunderts schärfen. Bis heute meinen manche Foucault-Jünger, weil der Meister einst die Frage, was ein Autor sei, skeptisch diskutierte, müsse man sich biografisch informierter Interpretationen enthalten. Doch derselbe Meister bemerkte, «dass es kein Buch gibt, das ich nicht aus einer unmittelbaren persönlichen Erfahrung heraus geschrieben hätte». Es war der psychisch labile Student, der in die Geschichte der Psychiatrie eintauchte, um die Grenzen zwischen Vernunft undWahn auszuloten («Wahnsinn und Gesellschaft»). Es war der Arztsohn, der der modernen Medizin attestierte, ihre Diagnosemethoden erfunden zu haben, indem sie buchstäblich über Leichen ging («Die Geburt der Klinik»). Es war der, wie Veyne formuliert, «glühende Verfechter der Freiheit», der dem Liberalismus dessen eigene Programme und die Institution Gefängnis vorhielt. Und es war der Homosexuelle, der sich an ein verschlungenes Projekt namens «Sexualität und Wahrheit» machte. Unsere Lüste – so die markanteste Botschaft – werden durch die unablässige Rede über Sex erst hervorgeholt und geformt. In Texten, Bildern, Institutionen, Medien ist geronnen, was eine Gesellschaft über Geschlecht und Sexualität denkt. Dass wir «anders denken» sollten, hat Foucault oft empfohlen, ohne je vorzuschreiben, wie genau. Seine Analysen der Geschichte sind nicht zuletzt Plädoyers für mehr Phantasie. Auch im Bett. RENÉ AGUIGAH
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Vinken: Töchter für immer |
Auf Charlotte Roches «Feuchtgebiete» folgt eine Welle neuer Pornografie: Autorinnen wie Tracey Emin oder Rebecca Martin schreiben als Frauen über Sex. Ihre Ich-Figuren benehmen sich wie Kinder – oder Männer VON BARBARA VINKEN Wir befinden uns in der Zeit nach der sexuellen Revolution, im Jahre 1976. Wir stehen unter dem diktatorischen Anspruch, unser Begehren endlich befreit gegen alle verbietenden Autoritäten auszuleben. Unsere Lüste in ihrer ganzen Mannigfaltigkeit promisk gegen die spießigen Beschränkungen des Fünfziger-Jahre-Familienmuffs zu erfüllen. Revolutionär soll nach Wilhelm Reich jeder Orgasmus sein. Make love, not war. Viel bleibt noch zu tun, aber wir wissen uns euphorisch auf dem Wege ins Gelobte Land des so befreienden wie erfüllenden und alles Etablierte umstoßenden Genusses. Und dann der Satz von Michel Foucault, der sein Buch «Sexualität und Wahrheit» mit den denkwürdigen Worten «nous autres victoriens», «Wir Viktorianer», einleitet und die Blase sexueller Glückseligkeit, die emanzipatorisch sein soll, mit einem Schlag zerplatzen lässt. Wir halten uns, schrieb Foucault damals, immer noch für Viktorianer, verklemmt, prüde, von hinterwäldlerischen sexuellenmores. Eswaren aber Viktorianer, die im 19. Jahrhundert eine Kultur geschaffen haben, in der unausgesetzt über Sex geredet und geschrieben wird. Eine witzige Parodie dieses nicht gestillten und nicht zu stillenden Wissenwollens über alles Sexuelle ist Mary Roachs Buch «Bonk. Alles über Sex – von der Wissenschaft erforscht». Als Autorin populärwissenschaftlicher Bücher geht Roach geduldig noch den absurdesten Hypothesen über das menschliche und tierische Sexualleben nach, denen in ihrer Darstellung nach gerade satirische Qualitäten zuwachsen. In Foucaults Blick ist Sex in unserer Kultur weder emanzipatorisch noch antiautoritär. Im Gegenteil ist die minutiöse Erforschung der Sexualität eine Machtstrategie, die durch den Anreiz, seine Lust zu erklären, an die Autorität gebunden bleibt. Und heute, könnte man hinzufügen, macht diese Strategie nicht nur den Volkskörper beherrschbar, sondern hält auch die Wirtschaft systemkonformam Laufen – durch Paare, die shoppen, statt sich dem Vorspiel hinzugeben. Im Weichzeichner auf einer Schaukel Zur Zeit trifft man auf eine massive Textproduktion von Autorinnen,die sexuelles Leben mit vielen Details auf den Markt werfen, neben Mary Roach etwa Rebecca Martin, Maria Sveland, die Künstlerin Tracey Emin oder im vergangenen Jahr Charlotte Roche, soeben von Sarah Kuttner schlecht nachgeahmt. Meistens in der Ich-Form schreibend, verleiten sie zum Kurzschluss, das Ich im Text sei die Autorin selbst. Dieser scheint es, auch wenn «Roman» auf dem Buchcover steht,nicht um Fiktion zu gehen. Lebensecht wird erzählt, wann sie es wo und wie mit wem macht. Der biografische Kurzschluss war schon im Fall von Charlotte Roches «Feuchtgebiete» überwältigend. Foucault hin oder her: Immer noch glauben diese Autorinnen, tabulos befreiend unterwegs zu sein. Doch unter dem Vorwand der endlich auch weiblichen sexuellen Emanzipation geschieht etwas ganz anderes: Sex ist Mittel zum Zweck geworden, und das nicht nur nach dem Motto Sex sells – eine Verkaufsstrategie, die den Verlag Schwarzkopf & Schwarzkopf dazu gebracht haben mag, jüngst eine Reihenamens «Anais» zu lancieren, in der junge Autorinnen «unverkrampft und explizit über Sex schreiben, ohne beim Porno zu landen». Doch darüber hinaus geht es in den interessanteren dieser neuen Bücher um die Zerstörung oder besser: um die Umkehrung all dessen,was eine Frau traditionellerweise, in bürgerlichen und noch in postbürgerlichen Zeiten, ausmacht. Paradoxerweise wird dabei jedoch die bürgerliche Errungenschaft schlechthin – die Liebesehe nämlich – aus der Perspektive der Tochter bedingungslos bestätigt. Wenn Frauen einst pornografisch schrieben, galten sie als Huren und damit als das Gegenteil von anständigen Mädchen und späteren Ehefrauen und Müttern. Männer sind noch nie nach ihren sexuellen mores beurteilt und in «anständige» und «unanständige» Männer eingeteilt worden, in Männer, die man aus Gründen ihres sexuellen Verhaltens heiraten kann oder lieber nicht heiraten sollte. Wunderschön brachten das die italienischen Pornos der achtziger Jahre auf den Punkt: Da stößt sich der junge Mann in den wildesten Orgien, in denen harmlose Büroszenen plötzlich in caligula-artige Ausschweifungen kippen, die Hörner ab, um dann die Jungfrau und künftige Mutter seiner Kinder zu heiraten, die im Weichzeichner ganz in Weißauf einer Schaukel ins Bild schwebt. Kein Mensch weiß, wie sie sich ihre Jungfräulickeit erhalten hat, wo doch alle anderen Frauen im Film dem Mann massiv zu Leibe rückten und ganz ohne Weichzeichner immer nur das eine wollten. Die Verdrehung dieses Porno-Szenarios aus den Achtzigern ist Rebecca Martins Buch «Frühling und so», der erste Band der «Anais»-Reihe. Die Heldin ist ein sehr junges Mädchen, das hauptsächlich in Berlin weilt, aber auch durch die Bundesrepublik reist – das soll wahrscheinlich einem größeren Publikum junger Frauen, die noch nicht alle in Berlin wohnen, zur Identifikation verhelfen. Sie füllt sich mit viel Wodka, Bier, Musik und Männern ab. Das alles macht sie zwar manchmal an, letzten Endes aber nicht glücklich, und so träumt sie bei allen mehr oder minder lustvollen, allen mehr oder minder geglückten Experimenten – meistens fällt es der Ich-Figur schwer, sich zu entspannen – eigentlich nur von der großen Liebe: von einem Das ein irgendwie als Hausfrau, zwischen Kindern und Fliederhecken. Tatsächlich schließt der Roman mit dem Wort «heiraten und so». Wenn Sex und Liebe in eins fallen Was die neue weibliche Pornografie zersetzen möchte – und doch ex negativo bestätigt – ist das,was das bürgerliche Zeitalter als Weiblichkeit und als Frau konstruiert hat. Die bürgerliche Revolution hat ihre ökonomischen Interessen im Namen der Geschlechtermoral durchgesetzt. Der unterstellten Promiskuität adeliger Männer und Frauen wurde vor allen Dingen eins entgegengesetzt: die Frau, die sich nicht von jedem ersten Besten verführen lässt oder – noch schlimmer – jeden verführen will, sondern ihre Reize auf den einen verwendet, um Ehefrau und Mutter zu sein. Thema des 18. Jahrhunderts war deshalb der außereheliche Verlust der Jungfräulichkeit, der oft eine Schwangerschaft nach sich zog (berühmtestes Beispiel ist das unselige Gretchen aus Goethes «Faust»). Thema des 19. Jahrhunderts war (von Flauberts «Madame Bovary» über Tolstois «Anna Karenina» und Fontanes «Effi Briest») der weibliche Ehebruch. Thema des 20. Jahrhunderts war die weibliche sexuelle Emanzipation, und das Thema des 21. Jahrhunderts scheint nun das Zersetzen des bürgerlichen Konstruktes «Weiblichkeit» zu werden. Kernstück dieses Konstruktes ist das Ineinanderfallen von Sex und Liebe bei der Frau – und die männliche Wertschätzung dieses Zusammenfallens, die durchaus ökonomische Momente annehmen, ja, durch sie gesteuert sein kann. Es brauchte als Gegenstück Frauen, die, nur für den sexuellen Konsum bestimmt, «Huren» sind. Und diese Entgegensetzung löst sich auf. Man wird den Eindruck nicht los, dass Bücher wie Tracey Emins «Strangeland» und am eindeutigsten Charlotte Roches «Feuchtgebiete» Figuren entwerfen, die das Negativ all dessen sind, was die Bürgerlichkeit als Frau erfunden hat. Maria Svelands «Bitterfotze» hingegen bestätigt dieses weiblich-bürgerlich-romantische Konstrukt. Deswegen ist die Hauptfigur – im Gegensatz zu der Heldin von Erica Jongs «Angst vorm Fliegen» (1973) – nicht zu irgendwelchen Spontanficks unterwegs; am Ende liegt sie zum zweiten Mal schwanger, vom Mann in ihrem Bedürfnis nach Unabhängigkeit unterstützt und bedingungslos geliebt, in der Badewanne. «Schlampe, Schlampe, Schlampe» «Strangeland», das Buch der Künstlerlin Tracey Emin, ist als Autobiografie annonciert. Die Ich-Figur ist zwischen den Klassen und den Kontinenten im wahrsten Sinne des Wortes a-sozial aufgewachsen, sie lebt jenseits von Gut und Böse. Der bürgerliche Moralkodex der Geschlechter, aber auch die bürgerliche Ökonomie sind ihr schlicht und einfach unbekannt. Bei Enim gibt es deshalb auch keine Frauenfigur, die Sex profitabel an den Mann bringen möchte, wie man es sowohl der Prostituierten als auch der Ehefrau nachsagt. Emin ist die romantischste der neuen Autorinnen, sie lässt ihre Heldin nach dem Modell der Verausgabung zwischen Ekstase und Absturz leben: Sex, drugs and rock’n’roll, die zur Selbstzerstörung eingesetzt werden. Diese Figur leidet nicht an den im Elend verlorenen Zähnen, an Vergewaltigung und Ausbeutung zu Zwecken kommerzieller Pornografie, sondern an ihrer unstillbaren Sehnsucht. Das Ideal bleibt die erhabene Liebe, die alle Grenzen der Ich-Erhaltung überschreitet und sich in völliger Selbstverausgabung hingibt. Wobei diese Liebe, abgesehen von ekstatischen Momenten, nicht mehr zwischen den Geschlechtern zu finden ist, sondern zwischen Mutter und Tochter. Als das Mädchen erwachsen wird, erkennt es, dass diese Männer, die mit ihm als 13-, 14-, 15-Jähriger geschlafen haben, keine richtigen Männer waren. Den bürgerlichen Moralkodex – Hure, anständige Frau – wissen diese Männer am Ende für sich zu mobilisieren. Sie bestrafen die kindlich-weibliche Selbstverausgabung der Ich-Erzählerin brutal – unfähig, sie als Geschenk, als ein Wegschenken anzunehmen: Die Ich-Erzählerin, die, von Sex auf Tanz umgestiegen, gerade dabei ist, einen Wettbewerb zu gewinnen, der sie aus ihrer Armseligkeit heraus nach London katapultieren würde, wird im Chor als «Schlampe, Schlampe, Schlampe» niedergebrüllt. Das Gebrüll, das die Musik und die Begeisterungsrufe des Publikums übertönt, hätte das Mädchen fast zerstört. Hart im Nehmen: «Indianer weinen nicht» Am klarsten,nahezu intellektualistisch abstrakt konstruiert, ist der Widerspruch zu aller bürgerlichen Weiblichkeit in der brillanten Groteske, die Charlotte Roches «Feuchtgebiete» sind. Hier ist kein Wort vom Herzen in die Feder geflossen. Wenn das Mädchen, das uns dort begegnet, so gut wie ausschließlich anal verkehrt, ist das weniger ein sexuelles Skandalon als ein Augenzwinkern an den Leser: Das verkehrte Verkehren macht sie zu einer buchstäblich invertierten Frau. Die Ich-Erzählerin Helen hat sich, kaum volljährig, als Erstes sterilisieren lassen. Mutter kann sie so schon mal nicht werden. Stattdessen tut sie, was Familienväter in genervten Momenten ihrer Familie vor Augen halten: Sie reißt sich den Arsch für ihre Liebsten auf. Nach einer Operation am Anus, nötig geworden durch eine schiefgegangene Intimrasur, setzt sie sich frisch operiert im Krankenhaus auf die Bremse an den Rändern der Krankenhausbetten. Vergebens: Ihre «Elternverkupplungsidee» geht nicht auf, die Familie wird sich nicht um das Bett der fast verblutenden Tochter versammeln. Besteht das Konstrukt der bürgerlichen Frau idealerweise in der Einheit von Sex und Liebe, so tritt es in «Feuchtgebiete» krass auseinander. Sex wird ohne Rücksicht auf Gefühle– ganz so, wie man es Männern nachsagt – technisch beurteilt. Hart im Nehmen, sehr tapfer und wenig zimperlich, so scheint das Ganze eher nach dem beliebten Motto der Jungenerziehung «Indianerweinen nicht» abzugehen. Vom Code der Erotik–werben, den Hofmachen, verführen – keine Spur mehr. Auch der pornografische Körper, hergerichtet zur Lust, wird krass durchkreuzt. Wenn Helen Erbrochenes trinkt, um darin schwimmende Drogen nicht umkommen zu lassen, wenn sie alte, dreckige Tampons in sich hineinstopft (um nur die harmloseren Dinge zu nennen), reizt der Körper nicht zum Sex. Er wird als verworfener inszeniert. Mein Herz gehört Papi Die, die da die lange Reihe ihrer Sexgeschichten vor uns ausbreiten, sind weniger junge Mädchen als Kinder. Das unterscheidet die aktuelle Welle krass von den explizit erotischen französischen Romanen, die vor einigen Jahren für Aufmerksamkeit sorgten: Von Catherine Millet bis Catherine Breillat schrieben jene Autorinnen von den Triebschicksalen erwachsener Frauen. Bei all ihrer unglaublichen sexuellen Aktivität wollen die neuen kindlichen englischen und deutschen Heldinnen dagegen aus tiefstem Herzen nur eines: dass ihre Eltern, geschieden oder nicht verheiratet, wieder zusammenkommen. Männer spielen deswegen in diesen Szenarios eigentlich kaum eine Rolle. Sie gehen in ihrer beliebigen Austauschbarkeit spurlos vorüber, dazu verdammt, mehr oder weniger begabte sexuelle Erfüllungsgehilfen zu bleiben. Wer zählt, sind nur die Väter, welche die Männer,mit denen diese Kinder schlafen, per se nichtwerden können – nicht einmal mehr aus Zufall wie in den alten Zeiten. Und auch die Mütter dieser Mädchen haben eigentlich immer nur ihren Vater geliebt. Die sexuellen Ausschweifungen der Ich-Erzählerinnen, die Töchter für immer bleiben, verharren kindlich im Schatten des übermächtigen romantisch-bürgerlichen Ehe- und Elternideals. «Feuchtgebiete», «Strangeland», «Bitterfotze», «Frühling und so», «Bonk»: Diese Bücher werden offensichtlich gekauft, weil wir jene Konstellation, die Foucault einst untersuchte – wir wollen alles über Sex wissen, vor allem über weiblichen –, noch immer nicht verlassen haben. Dabei führen die besseren Varianten des Genres die Idee tabuloser Emanzipation ad absurdum – und vor allem die Vorstellung von «weiblicher» Sexualität. Denn diese Mädchen benehmen sich eben nicht wie Huren, sondern – wie Männer. Sie erfüllen, sie übererfüllen mit donjuanesken Obertönen alle Klischees männlichen Draufgängertums. Am Ende sehnen sich diese Kinder danach, wider besseres Wissen und im Namen der (verratenen?) Liebe ihrer Mütter die zerstörte Familienidylle zu restaurieren. Was immer sie mit Männern – und hin und wieder auch mit Frauen – machen, so könnten sie doch am Ende mit Marilyn Monroe hauchen: «My heart belongs to Daddy.» BARBARA VINKEN lehrt Literaturwissenschaft an der Ludwig-Maximilians-Universität München. Sie veröffentlichte u.a. «Die nackte Wahrheit. Zur Pornographie und zur Rolle des Obszönen in der Gegenwart» und «Die deutsche Mutter. Der lange Schatten eines Mythos». Demnächst erscheint ihre Studie über Flaubert
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Düker: Von Romantik beim Bonobo keine Spur |
Von Romantik beim Bonobo keine Spur Richard David Precht verspricht eine Erforschung der Liebe und sieht dann ein, dass das Wesentliche ungesagt bleiben muss. Also spricht er viel über Sex VON RONALD DÜKER Den besten aller möglichen Schwiegersöhne gibt es schon: Er heißt Richard David Precht. Das dämmerte mir neulich nicht ohne Bestürzung, schließlich war es die Mutter meiner Freundin, die da aus dem Schwärmen nicht mehr herauskam. Sie hatte den Philosophen bei «Beckmann» im Fernsehen gesehen, wo er sehr klug und schön über die Liebe gesprochen hatte. Der jungenhaft wirkende Mittvierziger war, wie sie fand, auch wegen seiner längeren Haare, ein durchaus attraktiver Mann. Neben Precht am Tisch hatte seine Frau gesessen, eine luxemburgische Fernsehmoderatorin. Dass die beiden vor laufender Kamera freimütig bekannten, trotz Trauschein nur phasenweise unter einem gemeinsamen Dach zu leben, dass jeder sein eigenes Leben führe, man sich aber trotzdem liebe und respektiere – das hatte die Mutter meiner Freundin beeindruckt. Nun spielt sie mit dem Gedanken, Prechts neues Buch zu kaufen: «Liebe. Ein unordentliches Gefühl». Ebenfalls in Beckmanns Gesprächsrunde saß Karl-Theodor zu Guttenberg, der Wirtschaftsminister mit CSU-Parteibuch. Befeuert durch den offenherzigen Charakter des Tischgesprächs entblößte auch er Privates. Nicht etwa beim Oktoberfest, sondern während einer Love Parade sei er seiner heutigen Ehefrau erstmals nähergekommen. Ein erstaunlicher Vorgang: Die vormals lebhafte Abneigung, die er ihr gegenüber bis dahin empfunden habe, sei dort durch längere Gespräche (wohl abseits lautstarker Boxen) ins Gegenteil umgeschlagen. Wer über Liebe spricht, darf von der eigenen Erfahrung nicht schweigen – dieser Diskurs geht mit dem Leben auf Tuchfühlung. Deshalb rücken dem Erfolgsautor die Kameras auf den Pelz,deshalb sollen die Zuschauer wissen,wie seine Frau aussieht,deshalb darf ungeschützt drauflos geredet werden: Wer dieses unordentliche Gefühl mit dem Bügeleisen des Verstandes zu glätten versuchte, stünde als hartherziger Spielverderber da. Kleine Verlegenheiten und zartes Erröten sind dabei ein gutes Marketing für das Buch: So ist das mit der Liebe im Zeitalter des Kapitalismus. Gegenwartsdiagnostisch spricht Precht von den Wahrheitsspielen der Liebe, die dem romantischen Ideal des frühen 19. Jahrhunderts auch dort noch folgen, wo sie längst bewusst gemacht wurden und nur noch gebrochen erscheinen – so steht es im letzten, dem soziologisch-historischen Teil seines Buches. Wo es um Romantik geht, bleibt aber einiges im Ungefähren. Und so beschwört der Autor, am Ende selbst Romantiker, das Numinose: «Worüber man nicht reden kann in der Liebe», so heißt es da frei nach Wittgenstein, «darüber muss man schweigen.» Menschen in Frontstellung Dass dieses Buch von mehr als 400 Seiten nicht allzu verschwiegen geraten ist, liegt daran,dass sich Precht ans Sagbare hält. Er vertraut dabei dem einmal bewährten Erfolgsrezept. Der Vorgänger «Wer bin ich – und wenn ja,wie viele? »war eine leicht konsumierbare Geschichte philosophischer und naturwissenschaftlicher Theoriebildung. Zwei Jahre steht dieser Titel nun weit vorn auf der Sachbuch- Bestsellerliste, und das nicht ohne Grund: Das Interesse an allgemein verständlichen Überblickswerken, die ein kanonisches Oberflächenwissen für Normalverbraucher versprechen, ernährt den Sachbuchmarkt schon seit Jahren. Auch Prechts neues Buch ist ein Kompendium aus Theoriereferaten, die überall dort, wo Langeweile droht, mit Anekdoten aus Forscherbiografien nachgewürzt sind. Oft aber haben auch die Gedankenspiele und Versuchsanordnungen, die Precht insbesondere dem Arsenal der Evolutionsbiologie entnimmt, einen hohen, beinahe literarischen Unterhaltungswert. Wo die menschliche Sexualität aus der genetischen Nähe zu unseren nächsten Verwandten, den Menschenaffen, abgeleitet wurde, kam, so Precht, zuweilen regelrechter «paläolithischer Surrealismus» heraus. Warum, so fragte sich zum Beispiel der Biologe Desmond Morris, sind Menschen so viel monogamer als die haarigeren Dschungelbewohner? Und warum haben Menschenfrauen im Vergleich zu ihren tierischen Geschlechtsgenossinnen so auffallend große Brüste? Antwort: Brüste und Lippen der Frau sind frontal platzierte Sexualsignale. Ein Affenweibchen hingegen zeigt seine Schokoladenseite rückwärtig: «Fleischig halbkugelige Hinterbacken und ein Paar hochroter Schamlippen» – da sitzt das Männchen gern von hinten auf. Während aber der Mensch den aufrechten Gang erlernte,wanderten die sexuellen Reize nach vorn. Frauen hatten nun «Duplikate von Hinterbacken und Schamlippen in Form von Brüsten und Mund», und während man einander bei frontaler Begattung plötzlich in die Augen schaute, regte sich der seelische Impuls. Mann und Frau merkten, dass «Paarbildung» nicht bloß als Momentaufnahme der Kopulation von Wert war und entschieden sich für die monogame Lebensform – bis dass der Tod sie schied. Die Erhebung der Kultur aus dem Sumpf der Biologie: Diese Theorie ist so schlicht, dass sie auch als Drehbuch eines Zeichentrickfilms für Vierjährige taugen würde. Und Precht macht triftige Einwände geltend. Ist nicht, zoologisch argumentiert, allein das Sexualverhalten verschiedener Menschenaffen-Arten zu differenzieren? Schon Schimpansen verhalten sich ganz anders als Bonobos, die der Autor aufgrund ihrer überaus promisken sexuellen Aktivität bei gleichzeitiger Friedfertigkeit zu «Hippie-Affen» erklärt. Bezeichnend ist, dass Desmond Morris seine Thesen im Jahr 1968 vorbrachte, also auf dem Kulminationspunkt jener Bewegung, die auch die Verhältnisse zwischen Mann und Frau neu regeln wollte und darauf bestand, dass Anatomie kein Schicksal sei. Das Geschlecht möge doch bitte eher als soziale denn als biologische Kategorie zu begreifen sein. «Wir werden nicht als Frauen geboren, wir werden dazu gemacht », hieß es schon 1949 in Simone de Beauvoirs «Das andere Geschlecht»; und sechs Jahre später setzte der Sexualwissenschaftler John Money den für diese Unterscheidung prägenden Begriff in die Welt: Das Wort Gender findet sich heute im Titel regulärer Universitätsstudiengänge. Affenliebe ist keine Liebe Stets entscheidet sich das Denken über Liebe – und stärker noch das Denken über Sex – an dieser einen Frage: Folgt der Mensch (und bleibt dabei ganz Tier) den Gesetzen der Natur, oder hat er als Kulturwesen die genetische Zwangsjacke abgestreift? Precht signalisiert interdisziplinäre Beschlagenheit: Als Eckpfeiler der relevanten Theoriebildungen macht er die Biologie, die Psychologie und Soziologie aus. So ist sein Buch vor alle meine populärwissenschaftliche Wissenschaftsgeschichte. Man muss diesem Autor zugute halten, dass er sich von vielen populärwissenschaftlichen Kollegen durch einen dezidiert skeptischen Gestus unterscheidet. Bei fast allen Denkmodellen,die er vorstellt, findet er das Haar in der Suppe. Zudem verzichtet er auf allzu griffige Thesen. Wer wissen will, «warum Männer nicht zuhören und Frauen schlecht einparken», oder auf bündige Erklärungen von «Brainsex» oder des «weiblichen Gehirns» wartet, kommt nicht auf seine Kosten. Stattdessen führt Precht ausführlich vor, bei welchen Wissenschaftlern sich Bestseller dieser Machart munitionieren: Die Anthropologin Helen Fisher, der Evolutionspsychologe David Buss oder der Biologe Richard Dawkins kommen nicht ungeschoren davon. Und wenn die Erzählungen vom Gladiatorenfrosch, Seepferdchen, Komodo-Waran und von der Prärie und Bergwühlmaus noch so anschaulich sind – der Leser darf sich bestätigt fühlen, wenn auch er dem populären Wissenschaftsjournalismus schon lange misstraute: Titelgeschichten über den steinzeitlichen Urgrund unseres Gefühls- und Geschlechtslebens mögen das Sommerloch von Illustrierten und Nachrichtenmagazinen füllen, nicht aber unsere Wissenslücken. Wenn auch nicht originell, so doch plausibel: Precht beharrt auf den historischen Umständen, unter denen der Mensch zu sich gekommen ist. Weil er gelernt hat, Ich und Du zu sagen, macht er in Liebesdingen schon lang nicht mehr den Affen. Unsere Emotionen, sagt der Autor, mögen «stammesgeschichtlich sehr alt sein, unsere Vorstellungen sind es eher nicht. Um die Liebe tatsächlich zu begreifen, dürfen wir sie nicht allein als einen körperlichen Erregungszustand verstehen, sondern noch als etwas ganz anderes: als eine Anspruchshaltung an den anderen und an uns selbst. Denn da wir – im Unterschied vielleicht zu Schimpansen –wissen, dass wir lieben, benehmen wir uns auch wissentlich wie Liebende.» Dass die Gene auf Fortpflanzung drängen und die Lust auf Erfüllung zielt, ist also nicht einmal die halbe Wahrheit: Durch Vorstellungen und Erwartungen und durch das ganze Spektrum verwirrender Sprachspiele ist der Mensch aus strikter Naturnotwendigkeit herausgetreten. Liebe und Libido, vermutet Precht, stammen kaum aus der Steinzeit. Es dreht sich ja auch unsere Welt immer schneller. Wer heute durch SMS und E-Mail in Simultangeschwindigkeit kommuniziert, wer in Autos oder Flugzeugen verreist, der wird in Fragen der sozialen Bindung nicht unbedingt so standhaft sein wie ein Neandertaler. Und auch den Code der romantischen Liebe vielleicht nur noch gebrochen verwenden. Wo aber Precht den Zeitgeist gegen den Geist ausspielt, erweist er sich als Philosophmit der Lizenz zum Kalauer: «Der junge Goethe, der vor dem Straßburger Münster in Tränen der Bewunderung ausbrach, ist den Kaugummi kauenden Schulklassen von heute ein verirrter Spinner. Und den Philosophen Walter Benjamin, den die Berliner S-Bahn-Züge der 1920er Jahre bei Tempo 40 so sehr in einen Geschwindigkeitsrausch versetzten, dass er um seinen Verstand fürchtete, möchte man sich nicht auf einem heutigen Kirmes-Booster vorstellen.» Nein, das möchte man nicht. Es ist aber auch die Frage, ob man Kultur- und Geistesgeschichte derart kirmesmäßig aufbereitet lesen möchte. Jenseits der Brutpflege Precht untermauert naheliegende Erkenntnissemit plausiblen Erklärungen. Und überzeichnet darüber die Vignetten gerade solcher Denker zu Karikaturen,denen sein Reflexionsstand die Grundlagen verdankt. Sigmund Freud, so lehrt der Autor, habe «fälschlicherweise» angenommen, «die Liebe entsprängeder Sexualität», und überhaupt habe er die psychoanalytische Unsitte in die Welt gesetzt, die «Sehnsucht zu pathologisieren». Judith Butler steht schon aufgrund ihrer privaten sexuellen Präferenzen unter Verdacht: «Für die gleichgeschlechtlich orientierte Kulturphilosophin», klagt Precht, «ist bereits die heterosexuelle Romantik ein schwer verzeihliches Übel.» Und über Michel Foucault ist (außer dass er «ein schlanker, glatzköpfiger Dandy im weißen Rollkragenpullover» war) noch dieses anzumerken: «Wenn Sartre der Faust der französischen Philosophie im20. Jahrhundert ist, so ist Foucault ihr Mephisto – der Geist, der stets verneint, was andere für sicher halten.» Wo über Liebe schon kaum gesprochen werden kann, lernt der Leser in diesem Buch namens «Liebe» so manches über Sex. Über den Sex der Affen und Frühmenschen, über hormonelle Konstellationen und zerebrale Feuerwerke – und davon, warum sich der Mensch von alldem durch Kultur emanzipiert hat. Dass Sex nicht bloß die Vorstufe zur Brutpflege ist und daher auch das biologistische Reden darüber ein Rückfall in die Steinzeit – das belegt Precht plausibel.Wie sich aber die Praxis einer von jedem Naturzwang befreiten Sexualität gestalten könnte, das ist möglicherweise kein Thema für den perfekten Schwiegersohn. P.S.: Das ZDF gibt bekannt, dass Richard David Precht eine eigene Fernsehsendung erhalten soll. Dieses neue Format werde das von Peter Sloterdijk und Rüdiger Safranski moderierte «Philosophische Quartett» ergänzen. RICHARD DAVID PRECHT Liebe. Ein unordentliches Gefühl Goldmann, München 2009. 400 S., 19,95 ¤ |
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Trilcke: Enzensberger |
Hans Magnus Enzensberger Rebus Keiner von uns ist der Richtige Wie Hans Magnus Enzensberger in seinem neuen Gedichtband noch einmal alle seine bekannten Rollen durchspielt und schließlich doch eine gute Dosis bewusstseinsschärfender Mittel verabreicht VON PEER TRILCKE «Alles wie immer»: nur «die gewohnte Tragikomödie».Nein, neu erfunden hat sich Hans Magnus Enzensberger mit seinem jüngsten Gedichtband «Rebus» nicht. Eine irgendwie auch beruhigende Nachricht bei diesem steten Gestaltwandler, zu dessen mehr selbst- als fremdgestricktem Image seit Jahren ein ominöser Zickzack-Kurs gehört. Und wozu denn auch alles neu erfinden, eigentlich ist ja eh schon seit Urzeiten alles gesagt: «Wie schon gesagt, / Prediger 1,2 / alles ganz eitel.» Nur manchmal, nachts, holt sie ihn noch ein, die alte Wut, «hinterrücks», doch im Allgemeinen gilt: «Nein, ich lasse mich nicht provozieren, / ich rege mich,verdammt noch mal, / nicht mehr auf über euch, / denn ihr könnt mich mal.» Das kennen wir von Enzensberger. Alles nur eine Rolle, und wer darauf reinfällt – selbst schuld. Authentizität? Ein Sprachspiel, das auch anders gespielt werden könnte: «Keiner von uns / ist der Richtige», jeder von uns «nur / sein Bauchredner, sein Double, / ein Hochstapler, eine Kopie», wie es im Gedicht «Stellvertreter» heißt. Aber auch dieses Gedicht «steht natürlich / nur an der Stelle des richtigen, / das noch auf sich warten läßt». Natürlich. Wer noch auf die gute alte Wahrheit hofft, auf absolute Standpunkte, den alles erfassenden Blick, der geht bei diesem Dichter leer aus. Enzensberger bleibt der widerwillige Fürsprecher des Wirklichen, als der er seit seinen ungezählten Absagen an «Alles Mögliche» reüssiert. Aber auch das sagt er selbst: «Ich bleibe dabei, vorläufig wenigstens, /mache weiter, sogar wider Willen, / obwohl Alles Mögliche unmöglich ist, / und ich lache sogar noch, über euch / und über mich, denn wer sich beklagt, / wehe ihm, der ist schon verloren.» Und während wir uns, diese mahnenden letzten Verse der Sammlung im Ohr, schon klaglos auf der Siegerstraße wähnen, sind wir dem Dichter wieder einmal auf den Leim gegangen. Der aber lacht nur, lacht über uns, über sich, spannt den Regenschirm auf und erhebt sich in die Lüfte: ein «fliegender Robert». Von wegen nur beobachten Klänge es nicht wie ein Märchen aus uralten Zeiten, man könnte meinen, mit all den untergejubelten Glaubenssätzen agiere dann doch einer recht tückisch, eben hinterrücks, wider das falsche Bewusstsein – lasst euch nicht verführen! Aber für den Posten des Aufklärers ist Enzensberger, siehe oben, nicht der Richtige. Natürlich nicht. Aus diesen Versen spricht nur einer wie wir, «nur ein Vorübergehender, / der vorübergehend beobachtet, was der Fall ist, / der nur redet (de rebus quae geruntur), / und der kaum etwas ausrichtet». Doch das glauben wir dem so ostentativ bescheidenen Passanten nicht. Von wegen nur beobachten, nur reden. «Rebus» gibt noch einmal das ganze Repertoire Enzensberger’scher Rollen. Der Welt-Beobachter, zugeneigt den Flüchtigkeiten der Natur und des leichten Lebens, ist da ebenso dabei wie der Selbstbeobachter: «Was da unaufhörlich tickt / und feuert, das soll ich sein? /Woher denn. Es ist nur / diese graue Masse da drinnen. / Sie beobachtet mich, / ich beobachte sie. /Wir überraschen einander.» Auch den Wissenschaftspoeten treffen wir wieder. Darüber hinaus haben Auftritte: der Verfasser sozialpsychologischer Miniaturen, der Gedächtnisbewahrer der deutschen Gewaltgeschichte und der Sprachanalytiker der Macht. Was diese Rollen poetisch zu Werke bringen, ist zwar nur selten richtig neu oder gar frisch; manches Gedicht wirkt eher wie eine historisierende Reminiszenz an die eigene Dichtung, an vergangene Motive oder Techniken. Auch geben sich einige Gedichte allzu schnell mit einer wohlfeilen Pointe zufrieden – nein, bemerkenswert an «Rebus» sind nicht die beiläufigen Gelegenheitsgedichte, ist nicht das Altbekannte und auch nicht das, worauf uns der Dichter als steter Kommentator seiner selbst stößt. Bemerkenswert ist die Dramaturgie, nach der die Rollen-Figuren auftreten, ist die kompositorische Ordnung des Bandes. Erst durch sie verwandeln sich all die Wiederaufnahmen gleichsam hinter dem Rücken des Lesers in eine Gedankenbewegung: einen Dialog, in den der Leser zunehmend einbezogen, in dem er getäuscht, umgarnt, beleidigt wird. Zunächst allerdings wird er verführt. Die Exposition des Bandes wird von dem Prosagedicht «Der Maler der Jahreszeiten» dominiert, mit dem Enzensberger an die Poetik des Flüchtigen aus seiner letzten Sammlung «Die Geschichte der Wolken» (2003) anknüpft:Naturlyrik als Fest der Sinne und zugleich als Lobgesang auf die Imagination, hinreißend leichtfertig und verträumt: «Etwas riesenhaft Weißes, das rasch und lautlos aufsteigt ins reine Blau.» Doch kaum wähnt man sich sorglos in der Obhut eines altersmilden Idyllikers, schon gerät die heile Welt aus den Fugen. Immer mit dabei: Freund Hein Als Erstes ist es der Tod, der sich einmischt. Worüber auch im ersten Kapitel sinniert wird – über das Gehirn, das Haar, die Elemente – nahezu immer steht Freund Hein am Ende des Gedichts. Der letzte aller Begleiter ist zugleich der beständigste:Wie in einem Totentanz geistert er durch den Gedichtband. Nun zählt dieser unliebsame Gast zur schwierigsten Problemklasse: «2.1.2.2. Es gibt unlösbare Probleme, von denen sich beweisen läßt, daß sie unlösbar sind» – so wird diese Klasse in einer analytisch-philosophischen Persiflage zu Beginn des zweiten Kapitels bezeichnet. Doch nicht diese Probleme interessieren den Dichter, sondern das, was der Mensch trotz und wegen deren Unlösbarkeit so alles anstellt: zumeist allerlei Albernheiten. Da ist etwa der kleine Professor, dem «eine Art digitale Ewigkeit» vorschwebt, oder der «Ratsuchende» zwischen «Aromatherapie, Eheberatung, Diät». Unangenehmer wird es dann schon für den «Zweifler»: «wenn sie sich / zusammenrotten,die Gläubigen, /wird ihm unheimlich zumut». Am Unheimlichsten sind jedoch «Wir». Stück für Stück hat Enzensberger ein solches Wir zum Wortführer der Gedichte werden lassen. Im letzten großen Kapitel «Erste Person Plural» spricht schließlich beinahe jedes Gedicht in deren Namen. In unser Namen? Per Sprachtrick hat Enzensberger den Leser mit ins Gespräch geholt.Mit ihm und an ihm seziert er jene Sprach- und Denkmuster, die das Herdentier Mensch so gefährlich machen: «Wir ihr sie – zum Verwechseln ähnlich, / doch immer gibt’s da die einen/und immer die anderen, und immer- zu / führt das zu Mord und Totschlag / oder zumindest zu Mißhelligkeiten.» Ihre Klimax erreicht diese Kulturanalyse in einem weiteren Prosagedicht, dem Kontrapunkt zum idyllischen «Malerder Jahreszeiten». In einem rasanten Wortschwall zerspielt dieses «Selbstgespräch eines Verwirrten» die Freund-Feind-Schemata, mit denen wir die Welt ordnen, dank derer wir uns in der Welt verorten. Wer mag, bekommt hier also doch eine gut dialektische Dosis bewusstseinsschärfender Mittel verabreicht. Der poetische Suchtfaktor hält sich dabei zwar in Grenzen. Aber wem danach die Sinne stehen, der kann sich ja sorglos «ins reine Blau» verlieren. HANS MAGNUS ENZENSBERGER Rebus. Gedichte Suhrkamp, Frankfurt am Main 2009. 120 S., 19,80 ¤ |
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