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Ausgabe 07-08/09 - Literaturen - Literatur
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Inhalt
Titel 07-08/09
SCHWERPUNKT
VISION AMERIKA
In Amerika wurde seit je die Zukunft erfunden. Wie erzählt die Literatur von der Lust am Neuen? Was heißt es, wenn Menschen ihr Leben von vorn beginnen, und wie macht sich das World Wide Web als Zuhause?

Frauke Meyer-Gosau Ein Anarchist in der Goethe Street Chicago – Stadt der Hoffnungen und der Desaster. Mit Aleksandar Hemon in der Kapitale der ewigen Zukunft || Peer Trilcke «Ich höre Amerika singen» Walt Whitmans Gedicht-Zyklus «Leaves of Grass» ist die literarische Gründungsakte der Vereinigten Staaten. Und ein ganz gegenwärtiges Stück Populärkultur || Walt Whitman Leaves of Grass (Grasblätter) in der Neuübersetzung von Jürgen Brocan || Richard Powers Schlage hier nach zu allem. Eine Erzählung

EDITORIAL

DAS KRIMINAL
Die Mörderin ist ein Menetekel
Frauke Meyer-Gosau begegnet Kommissar Charitos in Istanbul

BÜCHER DES MONATS
Jörg Magenau
Ma Jian: Red Dust
René Aguigah
Martin Geck: Wenn der Buckelwal in die Oper geht
Hanna Leitgeb
Kaushik Sunder Rajan: Biokapitalismus
Kurt Darsow
Thomas Wolfe: Schau heimwärts, Engel
Eva Behrendt
Christoph Schlingensief: So schön wie hier kanns im Himmel gar nicht sein
Ralph Dutli
Andrej Sinjawskij: Eine Stimme im Chor

JÜDISCHER HUMOR
Eva Menasse Gott ist ein großer, böser Witz
Juden gelten als Garanten für guten Humor. Hinter der Witzschminke handeln jüdische Romane aber von ernsten Themen

PORTRÄT
Julia Encke «Ich hatte gedacht, dies hier ginge mich nichts mehr an»
Mit Monika Maron auf den Spuren ihres Romans «Flugasche» und der jetzt erscheinenden Reportage «Bitterfelder Bogen»

KINDERBÜCHER
Fridtjof Küchemann Nicht nur der Bär am Meer hat’s schwer
Am Meer entdecken Trottellummen ihre Individualität, während ein Autor dem Meeressäugerkitsch verfällt und überdicke Frauen tanzen

DAS JOURNAL
Rezensionen neuer Bücher von Juli Zeh || Wolfgang Ullrich || Hans Fallada || CurzioMaltese || Thomas Kapielski || Wolfgang Benz (Hg.), Carsten Schreiber || Esther Kinsky || Christian Meier || James Agee Bildbände von Peter Bialobrzeski || Peter Adam || Helge Sobik

DIE BEISEITE
PeterLicht Alle Texte werden frei sein
Der Literaturbetrieb ist auf einem Material aufgebaut, das sich selbst zerfrisst. Typologien zur Literatur (3): Das «Papier»

APOLLO 11
Ronald Düker Wir Mondmenschen
Vor vierzig Jahren betrat der erste Mann den Mond. Das hatte Folgen für die Astronauten – vor allem aber für die zu Hause Gebliebenen

KURZ & BÜNDIG
Bücher von Karl-Heinz Göttert || André Kubiczek || Bernd Cailloux || Steffen Radlmaier || Lauren Groff || Tilman Spengler Bildbände von Klaus Honnef (Hg.) || Frans Lanting

DAS MAGAZIN
Mitten aus Rom || Kalender || Literatur im Kino || Jetzt als Taschenbuch || Hörbücher || Was liest Antje Rávic Strubel? || Netzkarte

IMPRESSUM

VORSCHAU, REGISTER

Editorial
2009-0708-09_edit
Mit dem Fahrrad, liebe Leserin, lieber Leser,

durch die eigene Zukunft brausen – geht das? Was die amerikanische Metropole Chicago anlangt, lässt sich uneingeschränkt sagen: Ja, es geht! Zukunft ist in dieser Stadt nämlich auch in Gestalt luxuriös ausgebauter Fahrradwege gegenwärtig. Und vorausgesetzt, man bucht die entsprechende Bike-Tour, führen sie einen ohne größere Umstände zu den Obama-Sites, den Lebens-Schauplätzen der heutigen Präsidentenfamilie.

LITERATUREN hat sich für diese Sommerausgabe auf die Spuren der Zukunfts-Visionen geheftet, wie sie seit einem guten Jahrhundert aus Amerika zu uns kommen – und wo wären diese sinnlicher aufgehoben als in der Literatur? Der direkte Reiseweg führte nach Chicago. Hier wurde nicht nur der Wolkenkratzer erfunden, hierher kommt nicht nur der visionäre gegenwärtige Präsident. Hier wandelt man auch durch ein Living Museum der Architektur wie der Lebensformen, das täglich weiter in die Zukunft wächst. Und mittendrin lebt ein Autor, der es mit den Visionen der amerikanischen Gesellschaft aus persönlichen Gründen besonders genau nimmt: Aleksandar Hemon, der hierzulande gerade mit seinem «Lazarus»-Roman Furore macht – er kam erst 1992 aus Sarajevo nach Chicago. Frauke Meyer-Gosau erwanderte mit ihm die Kapitale der permanenten Zukunft. Und fühlte sich dabei an die poetischen Euphorien des Dichters Walt Whitman ebenso erinnert wie an die literarischen Prognosen von Richard Powers. Beide Autoren haben in diesem Heft ebenfalls das Wort.

Dass Entwürfe des Neuen andererseits immer mit bereits realisierten Träumen zusammenhängen, zeigt nichts deutlicher als die erste Mondlandung vor vierzig Jahren. Ronald Düker hat deren Geschichte wie die Eskapaden der Apollo-11-Besatzung verfolgt, bis hin zu den Mühen, ins beschwerte Erdenleben zurückzufinden.

Doch siedeln Visionen vom besseren Leben nicht nur auf fernen Trabanten oder Kontinenten. Sie nehmen ebenso in nächster Nähe Gestalt an: Julia Encke hat sich mit der Schriftstellerin Monika Maron auf den Weg nach Bitterfeld gemacht und im einstigen Chemiegebiet der DDR blühende Landschaften gefunden – und Menschen, die mithilfe von Vorstellungs- und Tatkraft nicht nur persönliche Träume wahr machen.

Und China, dieses Zukunfts-Territorium der dritten Art? Jörg Magenau hat eine bizarre Wander-Reportage aus den achtziger Jahren gelesen und führt uns damit schon sacht an das Buchmessen-Gastland des Herbstes heran. Doch das ist Zukunftsmusik.

Zuallererst beglückende Sommer und Lektüre-Aussichten wünscht Ihnen
Ihre Literaturen-Redaktion

Die Beiseite
Die Beiseite
Alle Texte werden frei sein
Der Literaturbetrieb ist auf einem Material aufgebaut, das sich selbst zerfrisst. Und damit alle Kritik Typologien zur Literatur (3): Das «Papier»
VON PETERLICHT

Das Papier ist ungeduldig. Es strebt seiner Auslöschung zu. Es zerfällt. Und mit ihm die Zeichen, die man darauf setzte. Sammeln sich die Jahre in den Blättern, wird die Sache zunehmend brüchig. Auf merkwürdige Weise verdickt sich das Papier. Es wird immer trockener. Man meint, man hielte Esspapier in den Händen. Man beißt probehalber in die Seiten und merkt, dass tatsächlich kein Saft mehr vorhanden ist. Vorbei die Zeit der schneeweißen Fläche. Einem alten Zahn gleich wechselt beim alten Buch die Farbe ins Gilbige. Dem dazugehörigen Mund gleich gibt das Buch beim Öffnen einen Eigengeruch frei, der einen im Papier stattfindenden, fast unmerklichen Gärprozess andeutet, wie man ihn sonst eher bei fastenden Veganern antrifft. Über die Jahrzehnte vernichtet sich das Papier gewissermaßen selbst mit seiner Säure. Blätter, Heftchen, Aktensammlungen, Bücher, Bibliotheken: Es zerfällt einem in den Händen. Der gesamte Literaturbetrieb ist auf einem Material aufgebaut, das sich selbst zerfrisst. Das ist wunderschön. Denn darin spiegelt sich der große Vollmond der Harmonie, der immer dann aufscheint, wenn Formund Inhalt ihre ideale Entsprechung gefunden haben. Das Papier ist die weiße Fläche, auf die das kritische Zeitalter gesetzt ist. Ohne Papier keine Kritik. Worauf sollte man sein «Nein» denn setzen? Das Papier hat das allumfassende Phänomen der Kritik erst möglich gemacht. Überall ist Kritik drin. Überall ist Nein drin. Und im Papier ist Säure drin, die das Papier zerfrisst. In der Kritik ist Fraß drin, der die Kritik frisst. So zerfrisst am Ende der kritische Inhalt all der unzählbaren beschriebenen Blätter seinen eigenen Datenträger. Und schafft sich ab.
Doch. Doch wir verlassen das kritische Zeitalter. Die Kritik ist zu Ende. Das Papier ist zu Ende. Das Buch ist zu Ende. Der Bildschirm ist da. Das E-Book wird wie der apokalyptische Reiter durch den Literaturbetrieb reiten. Und der E-Book-Pest werden die Bewohner des Land of Literaturbetrieb zum Opfer fallen. Hallo liebe Verlags-Checker! Hallo liebe Autoren! Hallo liebe Buchhändler! Hallo liebe Druckereien! Eure Leiber werden absterben! Denn das Papier ist unrein. Es verschmoddert. In den Furchen und Riefen seiner unregelmäßigen Oberfläche sammelt sich der Schmier seines Befassers. Sein Fingerfett. Seine bakteriologische Wurfpost. Sein DNA-Kostüm. Das Papiermüffelt nach Wohnungsauflösung und alt gewordenen Träumen. Es verseucht uns mit seinen Miasmen. Nie verlässt die Aura eines Vorbesitzers die Physis eines Buches. Krabbeltierchen wohnen in ihm. Nie verlässt der Staub die Blätter, die die Feuerwehr aus den Ruinen des Kölner Stadtarchivs klaubte. Die Akten und Zettel, die Manuskripte, die Briefe, die Kladden. Nie verlässt der Staub das Papier. Das Papier selbst ist der Staub. Nie verlässt der Schmutz das Papier. Das Papier ist unrein. Geronnen aus Baumbrei. Igitt.
Der Bildschirm ist rein. Das E-Book ist rein. Der Bildschirm versiegelt die Schrift. Er trennt sie von uns Schmierwesen. Von uns DNA-Schleudern. Die Schrift findet jenseits von uns statt hinter der Bildschirmhaut. Wir können sie nicht fassen. Die Schrift ist jetzt unantastbar. Wir können sie nicht abschaben mit einem kleinen Messerchen. Oder überschwärzen, wenn was nicht mehr stimmt. Oder eine anmaßende Anmerkung reinfuddeln in den Buchkörper. Das E-Book ist der Day SPA für die ausgestempelten Buchstaben. Es macht Wellness mit ihnen. Es gibt keine beschmutzten Zeichen. Es gibt keine beschmutzten Dateien. Die Beschmutzung in der Reinheit des Computers heißt: Es gibt allenfalls verschwundene Dateien. Gelöschte. Gestorbene. Nicht mehr auffindbare. Und das ist ein Unterschied. Der Schmutz ist nicht mehr da. Der Computer ist rein. Die Texte erstrahlen auf den leuchtenden Bildschirmen in ihrer vollständigen Reinheit. Ganz rein wird die Kunst, sie wird rein von Geld. Texte werden leicht werden. Unbeschwert von Geld.
Die E-Books werden Schmeichler sein. (Sowie das hübscheste Handy, das man sich denken mag.) Sie werden so nice sein, dass wir sie permanent in unsere Hände schmiegen wollen. Die E-Books werden immer 37° warm sein. Keinen anderen Körper werden wir so dauerhaft mit unserer Körperwärme versorgen wie dieses nice Gerät. Und alle Texte werden im Netz unterwegs sein. Und alle Texte werden frei sein. Frei von Honorar. Nur auf Mittelaltermärkten werden noch Bücher verkauft werden. Ledergebundene Sonderlinge. Die Buchhändler werden sich Lederwämse überwerfen und Schalmeien anschlagen. Ihr Geschäftwird Folklore sein. Alle werden sich Alles für Umme im Netz runterladen. Der Literaturbetrieb wird frei sein. Frei von Geld. Die Verlage werden ihre Bücher verschenken. Die Smarten unter den Verlags-Checkern werden ihre Verlage in Werbeplattformen umgestalten, in die sich irgendwelche langweiligen Industrien einkaufen können, um Content für ihren Unnütz zu kriegen. Das Buch wird ein kostenloses Give away zum Live-Autor, der im Literaturhaus seine Live Show verkauft. Und irgendwo in Amerika sitzt der E-Book-Mann und verkauft seine E-Books in die ganze Welt. Er hat alle Rechte. Ihm gehört das ganze Geschäft. Er ist der letzte freie Künstler des Planeten. Er hat den Text von seinem Urheber befreit. Und das freigewordene Geld schlaucht er ab in sein märchenhaftes Königreich. Er verschenkt sogar Geld an arme Leute. Er hat ein neues Verständnis von Freiheit und Demokratie. Demokratie ist asi.

Mitten aus ...
2009-0708-09_mittenaus
Mitten aus Rom
VON SILKE SCHEUERMANN

Die fundamentale Erfahrung des Dichters ist Hilflosigkeit, schreibt die amerikanische Lyrikerin Louise Glück zu Beginn ihres einleitenden Essays im Band «Proofs & Theories». Bevor ich noch den Argumenten der Pulitzer-Preisträgerin folgen kann, klingelt es. Maria und Paola sind da, um mich abzuholen. In der Villa Massimo wird man immer gern abgeholt, alle Besucher, auch eingefleischte Römer, lieben es, durch die portineria, das Pförtnerhäuschen im massiven, geradezu burgähnlichen Eingangsportal einzutreten (auf Anfrage, keine Touristen), hinein in den gepflegten Park, wo sich links die Villa und rechts die Reihe der Künstlerstudios erstreckt, an milden Frühsommerabenden von einzelnen Lichtern und Kerzen angeleuchtet. Ein Garten Eden mitten in Rom; man kann hier arbeiten. Unser Sprachlehrer Alessandro Sandrino, der für seine Lektionen in die Villa kommt, sagt «eine Inselmitten in Rom. Aber ihr müsst auch mal runterkommen.»
Heute Abend verlasse ich die Insel, und da ich die fundamentale Erfahrung der Hilflosigkeit oft mache, indem ich mich verlaufe oder verfahre, bin ich froh, dass Maria und Paola dabei sind. Genau genommen war es ihre Idee, im Auditorium Parco della Musica die Veranstaltung «Caldo Desio» zu besuchen, eine Lesung aus dem Werk von Dichterinnen der Spätrenaissance. Zum Auditorium, das in Richtung des Sportstadions liegt, pendelt ab der Stazione Termini der M-Bus. Darin sitzen seltsam gekleidete Menschen: die eine Hälfte ist mit Fan-Artikeln geschmückt, die andere trägt Konzertkleidung. Nach «heißem Begehren» sieht keine der beiden Fraktionen aus. In Rom hält man entgegen allem Gerede vom Chic der Rezession ist noch etwas auf konservative, gute Garderobe.
Man kann sich das Geschehen im Hauptwerk von Moderata Fonte (1555–1592), «Der Wert der Frauen», vorstellen wie «Sex and the City», erklärt Maria während der Fahrt: Es ist die spielerische, witzige Unterhaltung, die auf einer Party beginnt. Zwei Teams mit jeweils drei Frauen debattieren zwei Tage lang über den Wert und Unwert der Heirat und über Männer im Allgemeinen. Die Charaktere, die in diesem dichterischen Disput auftauchen, seien ganz unterschiedlich: Sie reichten von der frisch und glücklich verheirateten jungen Schönheit bis zur Witwe oder zum Blaustrumpf. Obwohl die Anti-Heirats-Fraktion wesentlich eloquenter daherkomme, behauptet Maria, gehe Fonte dann doch nicht so weit, sie im Wettstreit gewinnen zu lassen. «Indirekt aber schon, finde ich», sagt sie, während der Bus gerade erhaben durch den hupenden Abendverkehr schaukelt: «Was die Symphathiewerte der Leser angeht jedenfalls.» Ich sage, wenn das Buch diese Tendenz habe, sei dies vermutlich aus dem fundamentalen Gefühl der Hilflosigkeit gespeist, aber niemand geht darauf ein.«Wann wurde das Buch veröffentlicht?», will Paola stattdessen wissen. «Im Jahr 1600, von ihrer Tochter», sagt Maria, «acht Jahre nach Fontes Tod.»
Wie ein Raumschiff, das unabhängig von der Leere ringsumher existiert, erstreckt sich das Konzertgebäude mit seinen Restaurants, dem großen Buch- und Musikgeschäft, dem Ausstellungsraum und den zahlreichen Veranstaltungshallen vor uns. Ich denke an Alessandro: Dies ist wieder eine Insel. «Übrigens», schließt Maria, «war das Buch Moderata Fontes literarisches Testament: Sie starb einen Tag, nachdem sie das Manuskript beendet hatte, siebenunddreißig Jahre alt. Im Kindbett.»Wir bekommen gerade noch Karten. Es beginnt erst um21 Uhr, nicht schon um acht, wie wir dachten. Also unternehmen wir etwas auf der Insel. Im Buchladen liegen fast zu viele Bücher von Ungaretti und Celan und einige von Ingeborg Bachmann, der «Caso Franza» in einem Buch-Umschlag, der entfernt an eine Todesanzeige erinnert.
Paola hat Hunger. Im Restaurant gibt es ein «Menü» für 20 Euro, aber das aufgedonnerte Etablissement mit Bellini schwingenden Römerinnen in Stola und Abendgarderobe missfällt uns, und dann sehen wir, dass das Menü aus einem kleinen Carpaccio und einer Kugel Eis besteht. Also gehen wir in die Sandwichbar. «Wenn ihr hier sieben Euro für einen Aperitif bezahlt,könnt ihr dazu die ganze Theke leer essen», teilt uns die Barkeeperin mit, nach dem sich Paola wortreich bei ihr beschwert hat. Sie deutet auf einen appetitlich aussehenden Stand, an dem zwei bildschöne Kellner Antipasti offerieren. Die einzige Enttäuschung an diesem Abend ist – die Veranstaltung. Es fängt schon damit an, dass Paola im Programmheft entdeckt, dass dort nicht Moderata «Fonte» steht, sondern Moderata «Forte». «Ausgerechnet», sagt Maria. «Das war ein Künstlername, mit Bedacht gewählt. ‹Moderata› für ‹gemäßigt› als zeittypisches Frauenideal, ‹Fonte› für ‹Jugendlichkeit, Frische›.»
Und es wird nicht besser. Ein Sprecher, der, wie das Progammheft süffig verspricht,mit rauem Timbre das «Universum der Frau durchstreift», rezitiert Gedichte Fontes, dazu einige von Lucrezia Marinelli (1571–1653) und Arcangela Tarabotti (1604–1652); es geht um Masken, um das begehrliche Schweigen im Augenblick der Begegnung. Während dessen werden auf einer bombastischen Leinwand per Videoprojektion Renaissance- Gesichter von Frauen gezeigt: Augen, Nase, Augen, Mund, alles in Großaufnahme – diese Bildsprache wirkt hilflos, ein optischer Overkill, vollkommen entgegengesetzt dem filigran erotischen, nach Berührung statt Vereinnahmung suchenden Inhalt der Gedichte. «Wie ein Bildschirmschoner», flüstert Paola. Und ich denke, dass jede Illustration die Illusion zerstört, die einen poetischen Satz schön macht und kraftvoll. Dann gibt es zur Abrundung des Abends noch ein wenig Dante und Boccaccio, und Mariamöchte gehen. «Maledizione!», sagt sie. «Da hätte man was draus machen können!» Ich nicke und erzähle, wie ich gestern in der Villa Massimo Otto Sander zugehört habe, der vor kleinstmöglichem Publikum, das sich um einen großen, runden Tisch herumgesetzt hatte,Balladen aus des «Knaben Wunderhorn» vortrug.
Als wir in den M-Bus steigen, ist auch die Sportveranstaltung zu Ende. Die müden Männer haben ihre Fahnen eingerollt; ihre Schals sind nun notwendig, sie werden um die wundgeschrienen Hälse geschlungen. Es ist recht kühl, während der Vorstellung hat es geregnet. Maria und Paola starren schweigend in die römische Nacht, und ich lese die Schluss-Terzette aus Dantes Gedicht über Amor: «Quandomi vide, mi chiamò per nome, / e diese…» – «Als er mich sah, rief er mich an, mit Namen / und sprach: ‹Ich komme von weit her, /wo sich auf mein Geheiß dein Herz befand; / ich bring’s zurück, damit es neu dir zu gefallen diene.› / Da wurde ich so gänzlich eins mit ihm, / dass er verschwand, ich merkte gar nicht, wie. »Eine Antwort auf die Hilflosigkeit, die mit dem Schreiben verbunden ist: Auf alles Schöne muss man warten.

SILKE SCHEUERMANN, geboren 1973 in Karlsruhe, studierte Theater und Literaturwissenschaft in Frankfurt a.M., Leipzig und Paris. Für ihre Lyrik und Prosa wurde sie mehrfach ausgezeichnet. Zuletzt erschienen der Roman «Die Stunde zwischen Hund und Wolf» (2006) und der Gedichtband «Über Nacht ist es Winter» (2007). Silke Scheuermann, die in Offenbach lebt, hält sich gegenwärtig als Stipendiatin der Villa Massimo in Rom auf

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