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| Ausgabe 10/09 - Literaturen - Literatur |
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entdeckenVOGELPERSPEKTIVE Alex MacLean und die verborgenen Muster unserer chaotischen Umwelt schreiben PORTRÄTFrauke Meyer-Gosau trifft die Schriftstellerin Emmanuelle Pagano in der Ardèche DER TEXTWalter Kappacher Aus den Notizen für eine Autobiografie DAS GEDICHTJohann Christian Günther An Leonoren bey dem andern Abschiede Ausgewählt von Roger Willemsen DAS GESPRÄCHChristoph Hein und Ingo Schulze über 1989 und den sogenannten Wenderoman STOFFFerdinand von Schirach braucht zum Schreiben Nikotin und Obduktionsbilder TITELBOB DYLAN. POETWarum er den Literatur-Nobelpreis bekommen muss. Ein Plädoyer von Heinrich Detering Bob Dylan – eine kurze Chronik Zum literarischen Kosmos des Song-Poeten «It Ain’t Me, Babe» Ein Song und seine Übersetzungen handelnMARKTBoyd Morrison \\ Barnes & Noble \\ Frankfurter Buchmesse \\ kookbooks, Ammann, Urs Engeler \\ Ulrich Keicher Franz Gans über Frank Schätzing BUCHMACHERRonald Düker besucht Amazons Top-Rezensenten Thorsten Wiedau SATZSPIEGELThomas Kapielski über das Schlangenleder-Buch von Ariane Sommer lesenBÜCHER DES MONATSJörg Magenau Richard Powers: Das größere Glück René Aguigah Julia Voss: Darwins Jim Knopf LITERATUREN-BESTENLISTEBelletristik \\ Sachbuch FREISTILJens Balzer über Robert Crumbs meisterlichen Bibel-Comic JOURNALBücher von Herta Müller \\ A. L. Kennedy \\ Ulrich Raulff \\ Assia Djebar \\ Norbert Miller \\ Richard Flanagan \\ Alexander Waugh \\ Alma Guillermoprieto \\ Norbert Zähringer \\ Peter Stamm Krimis \\ Ratgeber \\ Kinderbücher \\ Bildbände GEDANKENSTRICHJochen Schmidt über sein Gehirn: Wäre es ein Tier, würden es nicht mal die Chinesen essen hören und sehenHÖRBUCH Bernhard Gleim: Horror zum Hören \\ Hörbuch-Kurztipps FILMDaniel Kothenschulte über den Film «Schande» \\ Neu auf DVD erfahren DIE REISEREPORTAGEDichtung und Wahrheit, Flug und Sturz – Antje Rávic Strubel bei den Trottellummen WORD WATCHERTerézia Mora über «Madamchen» NETZWERKKultiversum \\ Aram Lintzel über Netz-Dichtung von Monika Rinck LITERATUREN-FRAGEBOGEN13 Fragen an Ulrich Matthes IMPRESSUM, REGISTERVORSCHAU
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Editorial |
Metamorphosen Was Sie in Händen halten, liebe Leserin und lieber Leser, ist ein Wandel der Gestalt, nicht des Wesens: LITERATUREN wird auch in Zukunft zwischen Ihnen und den Büchern vermitteln; wird sich auch in Zukunft vor allem mit «guten» Büchern beschäftigen – mit spannenden, eigensinnigen, unterhaltsamen, tiefgründigen, ungewöhnlichen Geschichten und Gedanken; zugleich wird die Zeitschrift hoffentlich noch mehr interessierte Menschen dazu verführen, Bücher zu lesen. Die neue Heftstruktur ist orientiert an den Stufen, über die Literatur sich verwirklicht. Am Anfang steht die Wahrnehmung der Welt, das Staunen, Sich-Wundern, vielleicht die Lust an der Entdeckung. Erst dann beginnt man, sich diese Welt anzueignen und anzuverwandeln, nachzudenken und zu schreiben. Wenn wir Glück haben, macht dann eine Autorin, ein Autor etwas daraus – ein Buch, das wirklich sein Publikum findet. Und hat dieses Publikum gelesen, gehört und gesehen, ist es am Ende womöglich ein anderes, als es vordem war, und sieht die Welt mit anderen Augen. Entsprechend haben wir den Bogen geschlagen. Und zusätzlich, wie bisher, ein Schwerpunktthema eingerückt, das in dieser Ausgabe den Pop-Poeten Bob Dylan als längst fälligen Literatur-Nobelpreisträger präsentiert. Unter dem Bogen gibt es künftig eine künstlerisch anspruchsvolle Bildstrecke; ein Stück Prosa oder einen Essay; und ein Gedicht – für LITERATUREN ausgewählt und kurz kommentiert von Roger Willemsen. Dazu Porträts und Gespräche mit Schriftstellern. Hintergrundberichte aus dem literarischen Leben. Kurzweilige Kolumnen. Rezensionen zu den wichtigsten Neuerscheinungen auf dem Buch- und Hörbuchmarkt, von der Hochliteratur, dem Krimi und der Science Fiction bis zum Sachbuch, gelegentlich auch dem Reiseführer und dem Ratgeber. Ab sofort veröffentlicht LITERATUREN in jedem Heft eine Bestenliste für Belletristik und Sachbuch. Und einen Fragebogen, in dem ein prominenter Zeitgenosse Auskunft über sich und «seine» Bücher gibt – als Erster antwortet der Schauspieler und herausragende Hörbuch-Leser Ulrich Matthes. Dabei haben wir der neuen Gestalt natürlich auch eine neue Erscheinung gegeben: LITERATUREN bietet künftig mehr Raum, mehr Klarheit, mehr Luft zum Atmen. Und folgt somit auch auf der Ebene der Typografie, der Grafik und der Bildsprache dem Ziel der besseren Orientierung. LITERATUREN wird künftig eine noch klarere Auswahl treffen; wird die Bücher und Themen, die wir für bemerkens- und bedenkenswert halten, noch stärker hervorheben; und wird darum künftig auch nicht mehr in zehn, sondern in sechs Heften pro Jahr erscheinen. Um Ihnen als Lesern das Wesentliche bieten zu können, wird sich die Zeitschrift auch in der Erscheinungsweise konzentrieren. Darüber hinaus gibt es weiterhin das LITERATUREN-Special. Klasse statt Masse: Wir hoffen, dass wir LITERATUREN so auch in Ihrem Sinne machen. Und wünschen Ihnen viel Freude und Erkenntnis bei der Lektüre, Ihr Friedrich Berlin Verlag
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Portrait |
Ganz Auge ganz Ohr Emmanuelle Pagano stammt aus der Ardèche – hier spielen auch ihre Romane. Ihre Heldinnen sind alltäglich, deren Geschichten alles andere als das. Begegnungen in einem unbekannten literarischen Territorium VON FRAUKE MEYER-GOSAU Der Greifvogel schwebt mit ruhigem Flügelschlag auf die nächstgelegene Schlucht zu, von seinem Schnabel herab baumelt etwas Armlanges, Bewegliches. «Ein Bussard! », ruft Emmanuelle Pagano begeistert. Und was hängt ihm da aus dem Schnabel? «Eine Schlange», konstatiert sie seelenruhig, als antworte sie auf die Frage, was es zum Frühstück gab: «ein Croissant». Und schon kreuzt ein anderer Vogel mit weiten Schwingen den Fahrweg, dicht vor uns her fliegt er, dann lässt er sich tiefer sinken, nun schauen wir von oben auf sein Gefieder: eine blutrote Fläche, durchzogen von weißen Zacken und Tupfen. Unten im Rhône-Tal braut sich gerade einer der heißesten Tage des Jahres zusammen. Als wir das mittelalterliche Städtchen Aubenas am Vormittag verließen, zeigte das Thermometer siebenunddreißig Grad, vierzig werden es bis zum Nachmittag sein. Emmanuelle Pagano aber, Autorin preisgekrönter Romane und zugleich Kunstlehrerin im Ort, lief noch rasch ins Haus zurück, um sich einen Pullover zu holen: «Da oben ist es kalt, ich hoffe, Sie haben was Warmes mit.» Bergauf und bergab, von einer Serpentine zur nächsten, schraubt sich das Auto auf immer engeren, immer gewundeneren Straßen in die Berge. Erst werden die Menschen weniger, dann die Häuser, schließlich auch die Bäume, tief unter uns schimmert ein künstlicher See. «Als dessen Becken geflutet wurde, ist darin das Elternhaus der Hauptfigur meines Romans ‹Der Tag war blau› versunken», erklärt die Autorin, die für ihr literarisches Werk im September in Brüssel den neu begründeten Europäischen Literaturpreis entgegennehmen wird. Dies hier ist ihre Landschaft, ihr Territorium, im Leben wie in der Literatur. «Das da hinten», sagt sie und weist mit einer leicht verächtlichen Handbewegung auf eine unbestimmte Region in ihremRücken, «ist für die Touristen.Hier sind wir in der Haute-Ardèche, der richtigen Ardèche!» Sie strahlt. Berg und Tal Wälder, Seen, Flüsse, irgendwo hier oben entspringen die Loire und die Ardèche, die der Region ihren Namen gegeben hat. Einem Gebiet, in dem ein Klima der Extreme herrscht, mit heißen Sommern und schneereichen, sturmdurchtosten Wintern, die bis weit in den März hinein andauern. Da ist nichts Liebliches, nur Klares: helle Luft, bis zum Grund durchsichtigesWasser und rings umher die wie Schattenrisse in den Himmel schneidenden Bergmassive, steil fallen die Schluchten zwischen ihnen ab. Wer hier lebt,muss sich auf sich selbst verlassen können. Der nächste Nachbar ist meist weit entfernt, im Winter sind die Häuser durch den Schnee von der übrigen Welt oft tagelang abgeschnitten. Dies ist die Umgebung, in der die 1969 geborene Emmanuelle Pagano drei Jahre lang mit ihrem Mann Stéphane und ihren drei Kindern gelebt hat, in einem alten Haus aus Naturstein auf 1200 Metern Höhe. So hoch oben musste es liegen, weil nur dort, wo diemeisten sich vor der Rauheit des alltäglichen Daseins fürchten, ein Haus zu finden war, das die beiden finanzieren konnten. Länger schon leben sie wieder getrennt, doch das Haus verbindet sie wie Geschwister das Elternhaus, ein Ausdruck ihrer gemeinsamen Geschichte – wie sie war, wie sie hätte bleiben sollen. Der sechsjährige jüngste Sohn ist nach der Trennung beim Vater geblieben, einmal die Woche kommt er ins Tal, nach Aubenas zu seiner Mutter. Die aber eigentlich, nicht anders als er selbst, seine Geschwister und sein Vater, ebenfalls in dieses Haus gehört. Jede Bewegung, jeder Blick macht es spürbar. Der Wolfsmann aus dem Vercors Nicht zufällig also ist die Haute-Ardèche die Region, in der auch Emmanuelle Paganos erster auf Deutsch erschienener Roman spielt. «Der Tag war blau» erzählt die Geschichte von Adèle, der Fahrerin eines Schulbusses, die bergauf, bergab von Ansiedlung zu Ansiedlung fährt und die Kinder einsammelt, um sie in einer Internatsschule hoch oben auf dem Plateau abzuliefern; am Nachmittag chauffiert sie den kleinen Trupp den langen Weg wieder zurück. Adèle stammt selbst aus dieser Gegend, zwischendurch war sie für ein paar Jahre fort, wo genau, weiß niemand. Wie auch niemand sie nach ihrer Rückkehr wiedererkannt hat. Denn früher, als sie schon einmal hier lebte, war sie ein Junge gewesen, ein empfindliches Kind, das mit seinem älteren Bruder in einer Bauernfamilie aufwuchs, dort unten,wo später der Stausee das Haus verschlang. Da war die Mutter schon lange tot, die beiden Brüder waren zum Studium in eine größere Stadt gegangen, der Vater lebte im Altersheim. Nun, nachdem auch er gestorben ist und Adèle schon seit zehn Jahren den Schulbus fährt, findet auch ihr Bruder sich plötzlich wieder hier: Axel, Geologe und berufsmäßiger Kletterer. Er bereitet die Sprengungen vor, durch die verhindertwerden soll, dassmürbe gewordene Bergabhänge die schmalen Straßen verschütten; ein Unfall bringt ihn und die Schwester, die einmal sein Bruder war, wieder zusammen. Enden wird alles in einer Spätwinternacht, in einer Höhle tief unten am Vulkansee, in die sich Adèle und die Schulkinder vor einem Schneesturm gerettet haben – in dieser Nachtwerden die Kinder herausfinden, wer ihre Busfahrerin einmal war, und es ist sicher, dass deren Geschichte sich wie ein Lauffeuer verbreiten, dass Adèle durch ein Meer von Klatsch, Ablehnung und Häme gehen wird. Doch das ängstigt sie nicht. Sie vertraut auf sich selbst und darauf, dass der letztlich gutmütige Beharrungssinn der Bewohner der Gegend in ihr schließlich wieder die Adèle sehen wird, die sie ist. «Sehen Sie die beiden Tipis dort drüben?» Emmanuelle Pagano deutet auf die dicht bewaldeten Hänge zu unserer Linken, und tatsächlich, weit hinten auf einer Lichtung sind, zwergenhaft klein, zwei weiße Indianerzelte zu erkennen. «Sie gehören zum Grundstück des Mannes, der in meinem Roman mit den Wölfen lebt. Vorher wohnte er – wie Stéphane und ich – in der noch viel wilderen Gegend des Vercors, einem riesigen Naturschutzgebiet, das sich von Grenoble hinunter nach Süden erstreckt. Ich habe ihn zufällig hier wiedergetroffen – genauso, wie ich auch das lebende Vorbild für Adèle gerade zu der Zeit wiedersah, als ich an dem Buch schrieb. Sie war mein erster Freund gewesen und rief mich an, weil sie einen Zeugen brauchte, um vom Gericht die Genehmigung für ihre Geschlechtsumwandlung zu erhalten. Und ich konnte wahrscheinlich am besten bestätigen, dass sie sich schon immer als Mädchen gefühlt hat, schließlich waren wir einmal ein Liebespaar. – Alles, was ich schreibe, ist wahr», sagt Emmanuelle Pagano. Und freut sich dann über die seltsamen Zufälle, die sie und ihren ersten Freund, der inzwischen auch äußerlich eine Frau geworden war, am Ufer des Sees wieder zusammengeführt haben: einem zentralen Schauplatz ihres Romans wie ihrer ersten Liebe. Auf dem Weg dorthin werden wir am Nachmittag auch über das Grundstück des Wolfsmanns aus dem Vercors fahren, und Emmanuelle wird plötzlich sagen: «Jetztmal lieber langsam!Wenn einer zu schnell über sein Gelände fährt, schießt er.» Und dann sehenwir,wie ein jungerMann an Krückenmühsamüber denWeg humpelt: vielleicht das jüngste Opfer. Ein Meister der Land Art Alles,was in Emmanuelle Paganos Büchern steht, ist alsowahr und tatsächlich so gewesen: Die Menschen, von denen sie erzählt, hat es gegeben – es gibt sie noch –, ebenso die nicht selten befremdlichen Ereignisse, die ihre Lebensgeschichten geprägt haben. Und doch ist natürlich alles viel komplizierter. «Das Vercors und die Haute-Ardèche habe ich im Roman miteinander vermischt, meine Landschaften sind ein Destillat aus beiden Regionen. Und auch reale Personen und deren Biografien mussten miteinander vermengt und neu zusammengesetzt werden, bis sie zu meinen Figuren wurden » – Kunst eben. Stéphane Pagano, der dabei war, als «Der Tag war blau» und der soeben auf Deutsch erschienene Roman «Die Haarschublade» im alten Haus auf dem Hochplateau entstanden, kennt die Originalschauplätze und die Menschen, von denen seine frühere Frau in ihren Büchern erzählt. Und er bewundert die Verdichtungen, vor allem aber die fließenden Bewegungen der Erzählung zwischen Vergangenheit und Gegenwart. «Alles in ihren Büchern hat mit Zeit zu tun – und mit Flüssigkeiten: Körperflüssigkeiten, Gewässern. Die Figuren werden getragen von einem Zeitstrom, dem sie sich anvertrauen, in dem sie sich neu orientieren. Dieses Fließende ist für mich eine sehr weibliche Art zu schreiben.» Doch Emmanuelle widerspricht. Mit weiblichem oder männlichem Erzählen hat das, was sie schreibt, in ihren Augen nichts zu tun. «Meine Erzählweise kann man am besten beschreiben, indem man an Andy Goldsworthy denkt, den Meister der Land Art. In seiner Kunst arbeitet ermit Physischem: mit Steinen, Holz, Blütenblättern, die im Fluss vergehen. Er geht mit Natur um – und die Kunst geht wieder in der Natur auf. Selbst das Mystische seiner Arbeiten ist Teil der Natur.» Während wir im Baumschatten vor dem Haus auf einer Bank sitzen, erzählt sie vom Dokumentarfilm über Goldsworthy unter dem Titel «Fluss der Zeit», auch Stéphane kann sich so schließlich doch bestätigt fühlen. Er hat inzwischen den alten Schultisch, an dem wir sitzen, mit Schalen voller Salat und einem Auflaufblech beladen, alles, was hier vor uns steht, ist im eigenen Garten gewachsen: Mangold, Tomaten, Kartoffeln, Zwiebeln, Kräuter. Das Brot wurde am Morgen selbst gebacken, na ja, Käse und Joghurt stammen vom Nachbarn. Auf einem nahen Nebengebäude sehen wir es derweil bedrohlich dampfen und kokeln: Das Reetdach wird kontrolliert abgebrannt. Stéphane und seine beiden neuen Mitbewohner wollen hier Räume für ein Bed and Breakfast einrichten – «irgendwann einmal», wie der ausgebildete Architekt, der sich sein Geld als Übersetzer von Sachtexten verdient, grinsend hinzufügt. «Hier oben dauert alles ein bisschen länger.» Wie finden Sie eigentlich die Bücher von Mme. Pagano? Das liegt nahe in einem Landstrich, in dem die Häuser schon im September winterfest gemacht, Holz und Nahrungsmittel eingelagert sein müssen. Nur in Emmanuelle Paganos literarischer Arbeit gab es keine Verzögerungen. Sie, die einmal Filmästhetik und Bildende Kunst studiert hat, muss schreiben, da gibt es keine Alternative und kein ernsthaftes Hindernis; so verhält es sich immerhin schon seit ihrer Schulzeit. «Literatur war damals das Einzige, was für mich zählte. Mit sechzehn habe ich meinen ersten Roman geschrieben und ihn an alle großen Verlagshäuser geschickt», sie zieht eine selbstironische Grimasse. «Alle haben dankend abgelehnt, und ich dachte: Na gut, das war’s. Nie wieder eine Zeile! » Doch als sie dann ihre erste Uni-Arbeit abgab, reichte die Professorin sie ihr mit den Worten zurück: «Das ist ein literarischer Text!» Und da, sagt die Autorin, «kehrte die Idee, Schriftstellerin zu werden, plötzlich zurück. Und ist seither geblieben.» Unter erschwerten Bedingungen allerdings. Emmanuelle Pagano, deren ältester Sohn gerade sein Studium beginnt, ist auf ihre Brotarbeit angewiesen, zum Schreiben bleiben ihr daher nur die Schulferien. Ungefähr gleich viel verdient sie im Moment in beiden Berufen, und je mehr der literarische Erfolg zunimmt, desto schwieriger lassen sich die beiden Arbeitsbereiche nebeneinander aufrechterhalten. «Ich versuche, das Unterrichten und die Literatur strikt zu trennen. Eine Weile ging das gut, weil meine Bücher unter meinem Ehenamen erscheinen und ich in der Schule unter meinem Mädchennamen arbeite.» Doch dann kamen die ersten Preise, in den Zeitungen erschienen Fotos von ihr, die Schüler wollten über die Literatur ihrer Lehrerin diskutieren. «Im Unterricht kein Wort über meine Bücher, heißt die Regel, und die halte ich eisern ein. Aber dann sagte kürzlich ein ganz Pfiffiger: ‹Okay. Und wie finden Sie eigentlich die Bücher von Emmanuelle Pagano?›» Die Autorin ist von solchem Witz hingerissen, die Arbeit der Lehrerinmacht er allerdings nicht leichter. Den Blog auf ihrer Website hat sie inzwischen eingestellt – «Es wäre nicht gut, wenn die Schüler mitlesen können, was mir so alles durch den Kopf geht». Aber auch wegen der Eltern und Kollegen wären solche persönlichen Mitteilungen ein Problem; Neid und Missgunst greifen schnell umsich, von der Norm Abweichendes trifft auf Ablehnung: Provinz. Für viele ist es da schon ein Problem, dass ihre drei Kinder von drei verschiedenen Männern stammen, dass sie jetzt mit ihrer 14-jährigen Tochter im Tal lebt und einen neuen Freund hat, während der kleine Sohn beim Vater in den Bergen geblieben ist. Die Geschichte der Nachbarin Dochwie ihre Romanheldinnen ist Emmanuelle Pagano offenkundig ein Mensch ohne Angst. Sie tut, was für sie selbst richtig ist, ganz gleich,was die Leute sagen: eine handfeste kleine Person, gesteuert vom Eigensinn. Die allerdings, wie die Hauptfigur in ihrem Roman «Die Haarschublade», genau registriert, was um sie herum geschieht, was gedacht, gefühlt und geredet wird. In dieses nun auch deutschen Lesern zugängliche Buch hat sie ein Porträt von sich selbst eingezeichnet: eine immer noch junge Fraumit schwarzen, leicht zerzausten Haaren, blauen Augen und unruhigem Gesicht, als Kind besessen von ihrer Lektüre, als Erwachsene nun Lehrerin und immer zwei Schritte außerhalb der Welt des Anfassbaren, immer noch in Bücher vergraben. Keineswegs ist diese Frau die Heldin des Buchs. Sie erscheint vielmehr als namenlose «Nachbarin», die den Lebensweg der Hauptfigur verfolgt: denjenigen einer Friseurgehilfin, die mit 15 Jahren ein behindertes Kind zurWelt brachte, weil ihre Eltern nicht rechtzeitig die Einwilligung für einen Kaiserschnitt geben konnten; als 18-Jährige lebt sie mit zwei Kleinkindern in einer südfranzösischen Provinzstadt. Sie und die Nachbarin verbrachten ihre Kindheit und Jugend als Polizistentöchter im kasernenartig abgeschotteten Quartier einer Kleinstadt-Gendarmerie und waren dabei doch so unterschiedlich wie nur möglich: stumm in ihre Bücherwelt abgetaucht die eine, die andere einewild verzweifelte Streunerin, besessen von einer Leidenschaft für Haare; in ihrer Schublade verwahrt sie einen Talisman aus diesem Material. Dies ist, sieht man nur die Fakten, die Geschichte einer sozialen Katastrophe, eine Geschichte von Gewalt, Verachtung und Enteignung. Und doch eignet dieser jungen Frau eine unbändige Kraft, schließlich auch eine trotzige Größe – zu erleben ist, wie ein Mensch sich entscheidet, sein verkorkstes Leben anzunehmen und damit, dies nicht zuletzt, auch seine beiden so ungleichen Kinder. Emmanuelle Pagano erzählt davon in kurzen Szenen, mit scharfen Schnitten. Fast unterkühlt, präzise bis ins Detail beobachtet sie dieMenschen in ihrer Umgebung. Alles Verstehen und Mitempfinden bliebt dabei gewissermaßen innen: Die Erzählerin schaut aus den Augen ihrer Protagonistinnen auf eine fremde Welt, die die alltägliche ist – erst durch diesen Blick sehen wir der Gegenwart bis auf den Grund. Geisterbahn mit Puck Über dem Haus auf dem Hochplateau haben schnell ziehende Wolken die Sonne verdunkelt, Wind fasst in die Bäume, es beginnt zu regnen. Doch das passt Emmanuelle Pagano gerade gut. Sie will sich sowieso längst wieder in Bewegung setzen: zum Vulkansee hinunterfahren, schwimmen gehen. Sie redet nicht so gern über ihre Bücher. Viel lieber erzählt sie von den realen Menschen, mit denen sie zu tun haben, oder von den Landschaften, deren Bewohner sich mit ihrem Lebenmühen und dennoch auf eine so empfindliche wie unaufgebbare Art in ihnen zu Hause sind. Wie auch ihre Autorin. Wer Emmanuelle Pagano an diesem Sommertag zwischen üppigen Gemüsebeeten, verstreuten Kinderspielzeugen und einem kleinen Pulk ausgemusterter Computer zugehört hat, versteht jedenfalls unmittelbar, dass Figuren wie die transsexuelle Schulbusfahrerin, die alleinerziehende Friseurgehilfin oder auch die vielfach versehrte Putzfrau aus demnoch nicht übersetzten Roman «Les Mains gamines» zu ihrer Welt gehören. «Ich habe mir mein Geld mit Putzen verdient, ich habe allein zwei Kinder großgezogen – das ist mein Milieu», sagt die Tochter eines Landgendarmen und einer Grundschulerzieherin, diemit ihren zwei Töchtern in der südfranzösischen Provinz von Ort zu Ort zogen, sooft der Vater versetzt wurde. Das ältere der Kinder, ganz Auge, ganz Ohr, hat die Menschen ihrer Landschaft zum Herzstück ihrer Romane gemacht. Nun steigt sie ins dunkelgrüne Wasser des Sees, gerade dort, wo der Boden voller Kiesel und Steine ist – «hier ist es ruhiger», hat sie nach einem Blick auf die friedliche Wasserball-Szenerie am Badestrand entschieden. Das Wasser ist kühl, und so paddelt sie mit rasend schnellen, klitzekleinen Schwimmbewegungen parallel zum Ufer auf und ab. Zuvor waren wir in der Höhle, in der Adèlemit den Kindern die Schneesturmnacht übersteht, und alles, alles nimmt sich aus wie im Roman. Doch ist die schlichte Wirklichkeit unversehens in einen Zauber getaucht: Wir sehen sie mit den Augen der Erzählerin. «Als ich in Paris einen Preis bekam», erzählt sie, während wir uns auf den Heimweg machen, «und die Elite aus Kultur und Politik stürzte sich schon aufs Büfett, nahm mich der Pressemann meines Verlags beiseite und sagte: ‹Wenn du hier jemanden entdecken solltest, der aussiehtwie der Bürgermeister von Paris,mach’ bitte keine kleinen Scherze darüber, dass da jemand herumläuft, der genauso aussieht wie der Bürgermeister von Paris. Geh einfach davon aus, dass er es ist …› Guter Tipp!» Sie kichert. Und dirigiert uns in einen schnurgeraden, engen Tunnel. «Man glaubt gar nicht», sagt sie, «wie lang und dunkel der ist. Und das Tollste ist: Wenn man am anderen Ende ankommt, kann es sein, dass sie das Tor vor der Ausfahrt verschlossen haben.» Und dann? «Muss man wenden und den ganzen Weg wieder zurückfahren. Es ist ein Experiment!» Doch wir haben Glück. Wir sehen nicht nur nach schier unendlicher Fahrt durch die Finsternis in der Ferne das Tageslicht aufleuchten, wir gelangen sogar ungehindertwieder unter freien Himmel. Und da lacht der Puck: Emmanuelle Pagano.
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Das Gespräch |
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Das Hemd der Geliebten und der Mantel der Geschichte
Christoph Hein und Ingo Schulze über den Herbst 1989, das lange Warten auf den Wenderoman und die Bedeutung der Literatur
Literaturen Das Warten auf «den großen Wenderoman»war ein Ausdauersport des Feuilletons. Dabei ist gar nicht so recht klar, was ein «Wenderoman» eigentlich ist. Andererseits sind seit Mitte der neunziger Jahre unzählige Romane geschrieben worden, von denen es hieß, sie seien welche – so von Ihnen «Landnahme» und «Willenbrock», von Ingo Schulze vor allem «Simple Storys» und «Neue Leben». Akzeptieren Sie diese Einordnung oder weisen Sie das Etikett «Wenderoman» entschieden zurück? Christoph Hein Ich weise nie etwas zurück. Genauso wie die Journalisten sich das vorstellen, so ist es auch. Ich frühstücke normalerweise relativ früh, dann sitze ich am Schreibtisch, so gegen acht Uhr, und sage mir: So, Hein, heute wollen wir mal den Wenderoman schreiben. Dann leg ich los. So geht das. Der Begriff kommt aus der Textilindustrie. Die hat einmal die Wendejacke erfunden.Wenn die dreckig war, drehte man sie einfach um und konnte sie weitere vier Wochen mit der anderen Farbe nach außen tragen. Ein Wenderoman wäre dementsprechend ein Buch, das man von vorn und hinten lesen kann. Ingo Schulze Mein Problem ist nicht der «Wenderoman», sondern das Wort «Wende». Ich weiß noch ziemlich genau, dass Egon Krenz sagte: «Das Politbüro hat die Wende eingeleitet. » Das kann also nicht mein Begriff sein. Ich fand ihn auch nicht zutreffend. «Wende» kannte ich im politischen Bereich aus Bonn, als die FDP 1982 von der SPD zur CDU wechselte. Für 1989/90 würde ich «Weltenwechsel», «Umbruch » oder «friedliche Revolution» sagen; «Wende » passt eher zu einem Segeltörn. Was den «Wenderoman» betrifft: Es ist immer fragwürdig, wenn man Literatur thematisch einordnet. Wenn ich gefragt werde, worum es geht, dann sage ich immer: um alles. Im Wassertropfen muss die ganze Welt enthalten sein. Zu einem Roman über 1989 gehören die Welt davor und die Welt danach und der Wechsel der Abhängigkeiten. Deshalb habe ich mich immer dagegen gewehrt, «Simple Storys» als Wenderoman zu bezeichnen. «Neue Leben» würde das schon eher erfüllen. Aber eigentlich möchte ich mich nicht darauf einlassen. Das ist eine Vereinfachung, die man wieder zurückbekommt, wenn es heißt, ach Gott, jetzt hat der schon wieder was über die Wende geschrieben. Der Begriff sitzt dann wie eine fette Kröte oben drauf – nichts gegen Kröten! –, aber man schaut dann gar nicht mehr genau hin, was da druntersteckt.
Literaturen Autoren können sich aber nicht deshalb, weil sie den Begriff nicht mögen oder weil sie das als Erfüllung eines feuilletonistischen Auftrags empfinden würden, davon abhalten lassen, über die Wende zu schreiben. Das wäre doch kindisch. Hein Ich schreibe immer nur über mich und die kleine Welt, die ich kenne. Dazu gehörte die DDR, oder vielmehr die Teile der DDR, in denen ich gewesen bin. Dass ich über die Wende schrieb, liegt daran, dass ich in dieser Zeit herumlief und aufschrieb, was ich gesehen und erfahren habe. Das ist unabhängig von all dem politischen Kram. Es gibt im Leben einer Gesellschaft, einer Nation,wichtige Punkte, die deshalb aber nicht unbedingt literaturtauglich sind. Wir haben keinen großen 68er-Roman der Westdeutschen, obwohl 1968 sicher bedeutsam für diewestdeutsche Gesellschaft war. Es gibt in der Geschichte jeder Nation bedeutende Erinnerungspunkte, die aber für die Literatur belanglos sind – weil sie gegen den Kuss der Geliebten nicht bestehen können. Es ist nun mal so, dass das Hemd der Geliebten einem näher ist als der Mantel der Geschichte, der vorbeirauscht.
Literaturen Friedrich Christian Delius hat eine Erzählung geschrieben mit dem Titel «Amerikahaus und der Tanz um die Frauen». Da geht es genau um diese Diskrepanz zwischen dem politischen Anspruch und dem persönlichen Erleben. Kann es sein, dassman, solange man drin steckt, die Geschichte nicht begreifen kann, und deshalb jeder Roman, der später so tut, als wisse er Bescheid, an der Wirklichkeit vorbeigeht? Hein Im Herbst 1989 endete die Aufteilung der Welt in eine erste, zweite und dritte, und es begann das, was wir Globalisierung nennen. Das Ende dieses Umbruchs ist noch nicht absehbar. Es wird erst dann eintreten, wenn wir überall auf der Welt die gleichen Arbeits- und Lebensbedingungen haben. Die werden nicht auf dem Level der Ersten, sondern eher demder Zweiten oder gar Dritten Welt sein. Es wird also riesige Veränderungen für jeden von uns geben, gerade in Westeuropa. Das, woran wir uns gewöhnt haben, rutscht weg. Das merken wir gerade. Für Länder wie China und Indien, für die Kontinente Afrika und Lateinamerika ist das ein großer Hoffungsanlass. Was am 9. November 1989 begann, wird womöglich noch 200 Jahre dauern und die Welt heftigst verändern. Insofern sollten die netten, kleinen Journalisten, die den Wenderoman jetzt schon haben wollen, noch ein wenig abwarten.
Literaturen Trotzdem leben wir heute und schreiben über unsere heutige Zeit. Wenn es aber stimmt, was Sie sagen, sollten wir, anstatt rückwärtsgewandt über die «Wende» zu reden, uns besser mit den großen Zukunftsfragen befassen und über den Tellerrand der deutschen Provinz hinausschauen. Schulze Das eine schließt ja das andere nicht aus. Man kann auch oder gerade in der Provinz den Weltenwandel erfahren. Ich bin damals nach Russland gegangen, als Geschäftsmann auf unterstem Niveau. Ich hatte nicht vor, darüber zu schreiben. Doch die Erfahrungen, die ich im Osten Deutschlands gemacht hatte, sah ich dort noch einmal vergrößert und mit dem Blick eines Außenstehenden, der im Fremden das Eigene erkennt. Bei uns gab es ja keinen Übergang. Dawar 40 Jahre lang DDR, dann gab es den Beitritt, und damit war die Sache erledigt. In Russland war die Entwicklung unübersehbar, und man weiß bis heute noch nicht, wo das hingehen wird. Man muss tatsächlich in Dimensionen denken wie dem Untergang des Römischen Reiches. Wenn man sich die Kriege in Jugoslawien ansieht, erkennt man, dass sie entlang der Grenze verliefen, die das römische Reich in ein östliches und ein westliches teilte, südöstlich dieser Grenzewar die Erfahrung von Byzanz und des Osmanischen Reiches wichtig. Das wirkt nach. Natürlich liefert das keine Erklärung für die heutigen Konflikte, aber es gehört halt dazu. Wir sollten heute wissen, dass wir für die Vergangenheit zahlen und Zukünftige für unseren Mist zahlen werden. Vielleicht schreibe ich eines Tages einen historischen Roman oder Science-Fiction, aber erst einmal geht es mir um meine eigene Zeit – und wie andere Zeiten da hineinwirken. Hein Jeder historische Roman ist ein Gesellschaftsroman. Wenn Heinrich Mann den «Henri Quatre» schreibt, ist das ein Roman über seine Zeit. Und in Shakespeares «Julius Cäsar» laufen lauter Engländer über die Bühne. Egal, ob ein Roman in der Zukunft oder in der Vergangenheit spielt: Es ist doch immer die Zeit des Autors.
Literaturen So ganz glaubwürdig ist es nicht, wenn Autoren sagen, es sei noch zu früh, um1989 zu thematisieren. Einerseits schreiben sie über ihre eigenen Erfahrungen, andererseits sollen erst noch 200 Jahre vergehen. Wie viel Distanz ist nötig? Schulze Die größte Schwierigkeit beim Schreiben ist für mich immer, Distanz zu den Figuren zu bekommen. Wenn die Figuren ihr Eigenleben haben, wenn sie allein loslaufen, dann kann ich ihnen auch das eigene Herzblut mitgeben. 1989 hatte ich völlig distanzlos erlebt. Als ich aus St. Petersburg zurückkehrte, wollte ich etwas über Ostdeutschland nach 1989 schreiben. Das war die Zeit, in der ich drin saß und in der ich mich am sichersten fühlte. Es war die große Zäsur auch in meinem eigenen Leben. Da hat sich alles verändert. Diese Zeit war ungeheuerlich, aber viel zu nah. Dann versuchte ich, über Dresden in den siebziger, achtziger Jahren zu schreiben, merkte aber, dass das seltsampseudo-dissidentisch wird. Ich konnte nicht von den Neunzigern aus über die DDR schreiben und so tun, als gäbe es 1989 und die folgenden Erfahrungen nicht. Das Interessante, merkte ich, ist genau der Wechsel der Abhängigkeiten. Also dachte ich, vielleicht kann ich die Novelle über Dresden schreiben, wenn ich auf die Rückseite des Manuskripts etwas anderes nehme – so wie E.T.A. Hoffmann das im «Kater Murr» gemacht hat. Das sind ja auch zwei Bücher in einem. Hein Da haben Sie den Wenderoman, den man von vorne und von hinten lesen kann. Schulze Der Schriftstellerwar in der DDR eine Zentralgestalt. Und die ist abgelöst worden vom Manager. Das war meine Erfahrung: Ich war am Theater, seit 1988 Schauspieldramaturg an einer Provinzbühne, wo wir uns als Zentrum der Gesellschaft empfunden haben. Wir dachten immer, jetzt verbieten sie uns mal eine Aufführung, aber so weit kam es nie. Im Herbst ’89 war das Theater neben den Kirchen ein wichtiger Ort. Ende November war dann nichts so langweilig wie das Theater. Ich habe mit Freunden eine Zeitung gegründet, die dem «Neuen Forum» nahe stand. Wir haben keinen Gedanken an Geld verschwendet, bis wir merkten, dass wir, um eine Zeitung zu machen, Geschäftsleute werden müssen. So bin ich Geschäftsmann geworden – es macht ja auch ungeheuren Spaß, Geld zu verdienen, solange es funktioniert. Was für ein Paradigmenwechsel! Vorher war alles Theater, Kunst, Literatur, Film – und plötzlich ging es nur noch darum: Wie viel haben wir eingenommen? Wie viel Anzeigen gibt es? Wie viel verkaufen wir? Hein Nach dem 9. November war das einzige Buch, das noch interessierte, der Quelle- Katalog. Daran sollte man gerade heute erinnern, wo auch Quelle in Schwierigkeiten ist. Das war 1989 nicht absehbar. Es ging nur noch darum, dass man nicht unter die Räder kam und nach Möglichkeit den goldenen Schnitt machte.
Literaturen Hatte die Literatur aber nicht zuvor wenigstens eine Türöffnerfunktion? Hein Damöchte ich an ein Wort von Heinrich Mann erinnern, der sagte: Hundert Jahre russische Literatur vor der Oktoberrevolution sind die Revolution vor der Revolution. Ich denke, das gehört zur Literatur dazu. Es ist schwierig, die DDR nach dem Ende der DDR zu beschreiben. Nach der beendeten Jagd wird der Bär immer größer, gewaltiger und fürchterlicher. Die Beschreibungen der DDR nach ihrem Fall sind manchmal grotesk übertrieben, manchmal untertrieben. Insofern ist die Literatur aus der DDR, etwa von Autoren wie Stefan Heym, über Jahrzehnte hinweg ein wichtiger Punkt für das Jahr 1989. Das Wort von Heinrich Mann gilt für alle Zeiten. Schulze Ich weiß noch genau, 1985 erschienen drei Bücher. Das war von Volker Braun der «Hinze-Kunze-Roman», von Günter de Bruyn «Neue Herrlichkeit» und von Christoph Hein «Horns Ende». Das war gewaltig! Mit jedem Buch erweiterte sich der Argumentationsraum. Als ich dann im Oktober 1989 im Radio Hein sprechen hörte, wusste ich, dass da mitzumachen wirklich sinnvoll ist. Man hat ja nicht gedacht, dass man mit seinen Demonstrationen am System etwas ändert. Man machte aus moralischen Gründen mit, und da war es wichtig, dass es diese Bücher gab, und dass Leute wie Christoph Hein unmittelbar beteiligt waren.
Literaturen Warum ist es so schwer, im Nachhinein genau zu beschreiben, wie es war? Hein Es liegt an der Merkwürdigkeit der Kunst, dass ich die Farbe, den Geschmack, den Ton haben muss. Das hat was mit Imaginieren zu tun. Letztlich ist die Frage nicht zu beantworten. Das ist die Arbeit, die man macht. Schulze Ich habe schon den Eindruck, dass ich in den Büchern von Hein etwas kapiere. «Landnahme» zum Beispiel.Wo,wenn nicht daraus, erfahre ich etwas über die DDR? Und wer sagt uns, dass die Welt tatsächlich so aussah, wie sie Balzac beschrieben hat? Literatur ist dafür da, dass man mit seinen Erfahrungen nicht allein bleibt. Mit jeder neuen Erfahrung ändert sich auch unser Bild der Vergangenheit. Man sollte aber nicht nur nach dem Osten schauen, sondern auch fragen: Wie hat sich der Westen nach 1989 entwickelt? Wie verändert er sich durch den Wegfall des Ostens? Wenn ich über die DDR schreibe, dann muss ich das mit einbeziehen. Man kann nicht über das eine reden und über das andere schweigen, so wie man auch nicht über Frauen schreiben kann, ohne über Männer zu schreiben. Es geht immer um Beziehungen.
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