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Ausgabe 10/09 - Literaturen - Literatur
Portrait
Portrait 10.09 Ganz Auge ganz Ohr

Emmanuelle Pagano stammt aus der Ardèche – hier spielen auch ihre Romane. Ihre Heldinnen sind alltäglich, deren Geschichten alles andere als das. Begegnungen in einem unbekannten literarischen Territorium VON FRAUKE MEYER-GOSAU

Der Greifvogel schwebt mit ruhigem Flügelschlag auf die nächstgelegene Schlucht zu, von seinem Schnabel herab baumelt etwas Armlanges, Bewegliches. «Ein Bussard! », ruft Emmanuelle Pagano begeistert. Und was hängt ihm da aus dem Schnabel? «Eine Schlange», konstatiert sie seelenruhig, als antworte sie auf die Frage, was es zum Frühstück gab: «ein Croissant». Und schon kreuzt ein anderer Vogel mit weiten Schwingen den Fahrweg, dicht vor uns her fliegt er, dann lässt er sich tiefer sinken, nun schauen wir von oben auf sein Gefieder: eine blutrote Fläche, durchzogen von weißen Zacken und Tupfen. Unten im Rhône-Tal braut sich gerade einer der heißesten Tage des Jahres zusammen. Als wir das mittelalterliche Städtchen Aubenas am Vormittag verließen, zeigte das Thermometer siebenunddreißig Grad, vierzig werden es bis zum Nachmittag sein.
Emmanuelle Pagano aber, Autorin preisgekrönter Romane und zugleich Kunstlehrerin im Ort, lief noch rasch ins Haus zurück, um sich einen Pullover zu holen: «Da oben ist es kalt, ich hoffe, Sie haben was Warmes mit.»
Bergauf und bergab, von einer Serpentine zur nächsten, schraubt sich das Auto auf immer engeren, immer gewundeneren Straßen in die Berge. Erst werden die Menschen weniger, dann die Häuser, schließlich auch die Bäume, tief unter uns schimmert ein künstlicher See. «Als dessen Becken geflutet wurde, ist darin das Elternhaus der Hauptfigur meines Romans ‹Der Tag war blau› versunken», erklärt die Autorin, die für ihr literarisches Werk im September in Brüssel den neu begründeten Europäischen Literaturpreis entgegennehmen wird. Dies hier ist ihre Landschaft, ihr Territorium, im Leben wie in der Literatur. «Das da hinten», sagt sie und weist mit einer leicht verächtlichen Handbewegung auf eine unbestimmte Region in ihremRücken, «ist für die Touristen.Hier sind wir in der Haute-Ardèche, der richtigen Ardèche!» Sie strahlt.

Berg und Tal
Wälder, Seen, Flüsse, irgendwo hier oben entspringen die Loire und die Ardèche, die der Region ihren Namen gegeben hat. Einem Gebiet, in dem ein Klima der Extreme herrscht, mit heißen Sommern und schneereichen, sturmdurchtosten Wintern, die bis weit in den März hinein andauern. Da ist nichts Liebliches, nur Klares: helle Luft, bis zum Grund durchsichtigesWasser und rings umher die wie Schattenrisse in den Himmel schneidenden Bergmassive, steil fallen die Schluchten zwischen ihnen ab. Wer hier lebt,muss sich auf sich selbst verlassen können. Der nächste Nachbar ist meist weit entfernt, im Winter sind die Häuser durch den Schnee von der übrigen Welt oft tagelang abgeschnitten. Dies ist die Umgebung, in der die 1969 geborene Emmanuelle Pagano drei Jahre lang mit ihrem Mann Stéphane und ihren drei Kindern gelebt hat, in einem alten Haus aus Naturstein auf 1200 Metern Höhe. So hoch oben musste es liegen, weil nur dort, wo diemeisten sich vor der Rauheit des alltäglichen Daseins fürchten, ein Haus zu finden war, das die beiden finanzieren konnten. Länger schon leben sie wieder getrennt, doch das Haus verbindet sie wie Geschwister das Elternhaus, ein Ausdruck ihrer gemeinsamen Geschichte – wie sie war, wie sie hätte bleiben sollen. Der sechsjährige jüngste Sohn ist nach der Trennung beim Vater geblieben, einmal die Woche kommt er ins Tal, nach Aubenas zu seiner Mutter. Die aber eigentlich, nicht anders als er selbst, seine Geschwister und sein Vater, ebenfalls in dieses Haus gehört. Jede Bewegung, jeder Blick macht es spürbar.

Der Wolfsmann aus dem Vercors
Nicht zufällig also ist die Haute-Ardèche die Region, in der auch Emmanuelle Paganos erster auf Deutsch erschienener Roman spielt. «Der Tag war blau» erzählt die Geschichte von Adèle, der Fahrerin eines Schulbusses, die bergauf, bergab von Ansiedlung zu Ansiedlung fährt und die Kinder einsammelt, um sie in einer Internatsschule hoch oben auf dem Plateau abzuliefern; am Nachmittag chauffiert sie den kleinen Trupp den langen Weg wieder zurück. Adèle stammt selbst aus dieser Gegend, zwischendurch war sie für ein paar Jahre fort, wo genau, weiß niemand. Wie auch niemand sie nach ihrer Rückkehr wiedererkannt hat.
Denn früher, als sie schon einmal hier lebte, war sie ein Junge gewesen, ein empfindliches Kind, das mit seinem älteren Bruder in einer Bauernfamilie aufwuchs, dort unten,wo später der Stausee das Haus verschlang. Da war die Mutter schon lange tot, die beiden Brüder waren zum Studium in eine größere Stadt gegangen, der Vater lebte im Altersheim. Nun, nachdem auch er gestorben ist und Adèle schon seit zehn Jahren den Schulbus fährt, findet auch ihr Bruder sich plötzlich wieder hier: Axel, Geologe und berufsmäßiger Kletterer. Er bereitet die Sprengungen vor, durch die verhindertwerden soll, dassmürbe gewordene Bergabhänge die schmalen Straßen verschütten; ein Unfall bringt ihn und die Schwester, die einmal sein Bruder war, wieder zusammen. Enden wird alles in einer Spätwinternacht, in einer Höhle tief unten am Vulkansee, in die sich Adèle und die Schulkinder vor einem Schneesturm gerettet haben – in dieser Nachtwerden die Kinder herausfinden, wer ihre Busfahrerin einmal war, und es ist sicher, dass deren Geschichte sich wie ein Lauffeuer verbreiten, dass Adèle durch ein Meer von Klatsch, Ablehnung und Häme gehen wird. Doch das ängstigt sie nicht. Sie vertraut auf sich selbst und darauf, dass der letztlich gutmütige Beharrungssinn der Bewohner der Gegend in ihr schließlich wieder die Adèle sehen wird, die sie ist.
«Sehen Sie die beiden Tipis dort drüben?» Emmanuelle Pagano deutet auf die dicht bewaldeten Hänge zu unserer Linken, und tatsächlich, weit hinten auf einer Lichtung sind, zwergenhaft klein, zwei weiße Indianerzelte zu erkennen. «Sie gehören zum Grundstück des Mannes, der in meinem Roman mit den Wölfen lebt. Vorher wohnte er – wie Stéphane und ich – in der noch viel wilderen Gegend des Vercors, einem riesigen Naturschutzgebiet, das sich von Grenoble hinunter nach Süden erstreckt. Ich habe ihn zufällig hier wiedergetroffen – genauso, wie ich auch das lebende Vorbild für Adèle gerade zu der Zeit wiedersah, als ich an dem Buch schrieb. Sie war mein erster Freund gewesen und rief mich an, weil sie einen Zeugen brauchte, um vom Gericht die Genehmigung für ihre Geschlechtsumwandlung zu erhalten. Und ich konnte wahrscheinlich am besten bestätigen, dass sie sich schon immer als Mädchen gefühlt hat, schließlich waren wir einmal ein Liebespaar. – Alles, was ich schreibe, ist wahr», sagt Emmanuelle Pagano. Und freut sich dann über die seltsamen Zufälle, die sie und ihren ersten Freund, der inzwischen auch äußerlich eine Frau geworden war, am Ufer des Sees wieder zusammengeführt haben: einem zentralen Schauplatz ihres Romans wie ihrer ersten Liebe. Auf dem Weg dorthin werden wir am Nachmittag auch über das Grundstück des Wolfsmanns aus dem Vercors fahren, und Emmanuelle wird plötzlich sagen: «Jetztmal lieber langsam!Wenn einer zu schnell über sein Gelände fährt, schießt er.» Und dann sehenwir,wie ein jungerMann an Krückenmühsamüber denWeg humpelt: vielleicht das jüngste Opfer.

Ein Meister der Land Art
Alles,was in Emmanuelle Paganos Büchern steht, ist alsowahr und tatsächlich so gewesen: Die Menschen, von denen sie erzählt, hat es gegeben – es gibt sie noch –, ebenso die nicht selten befremdlichen Ereignisse, die ihre Lebensgeschichten geprägt haben. Und doch ist natürlich alles viel komplizierter. «Das Vercors und die Haute-Ardèche habe ich im Roman miteinander vermischt, meine Landschaften sind ein Destillat aus beiden Regionen. Und auch reale Personen und deren Biografien mussten miteinander vermengt und neu zusammengesetzt werden, bis sie zu meinen Figuren wurden » – Kunst eben.
Stéphane Pagano, der dabei war, als «Der Tag war blau» und der soeben auf Deutsch erschienene Roman «Die Haarschublade» im alten Haus auf dem Hochplateau entstanden, kennt die Originalschauplätze und die Menschen, von denen seine frühere Frau in ihren Büchern erzählt. Und er bewundert die Verdichtungen, vor allem aber die fließenden Bewegungen der Erzählung zwischen Vergangenheit und Gegenwart. «Alles in ihren Büchern hat mit Zeit zu tun – und mit Flüssigkeiten: Körperflüssigkeiten, Gewässern. Die Figuren werden getragen von einem Zeitstrom, dem sie sich anvertrauen, in dem sie sich neu orientieren. Dieses Fließende ist für mich eine sehr weibliche Art zu schreiben.» Doch Emmanuelle widerspricht. Mit weiblichem oder männlichem Erzählen hat das, was sie schreibt, in ihren Augen nichts zu tun. «Meine Erzählweise kann man am besten beschreiben, indem man an Andy Goldsworthy denkt, den Meister der Land Art. In seiner Kunst arbeitet ermit Physischem: mit Steinen, Holz, Blütenblättern, die im Fluss vergehen. Er geht mit Natur um – und die Kunst geht wieder in der Natur auf. Selbst das Mystische seiner Arbeiten ist Teil der Natur.»
Während wir im Baumschatten vor dem Haus auf einer Bank sitzen, erzählt sie vom Dokumentarfilm über Goldsworthy unter dem Titel «Fluss der Zeit», auch Stéphane kann sich so schließlich doch bestätigt fühlen. Er hat inzwischen den alten Schultisch, an dem wir sitzen, mit Schalen voller Salat und einem Auflaufblech beladen, alles, was hier vor uns steht, ist im eigenen Garten gewachsen: Mangold, Tomaten, Kartoffeln, Zwiebeln, Kräuter. Das Brot wurde am Morgen selbst gebacken, na ja, Käse und Joghurt stammen vom Nachbarn. Auf einem nahen Nebengebäude sehen wir es derweil bedrohlich dampfen und kokeln: Das Reetdach wird kontrolliert abgebrannt. Stéphane und seine beiden neuen Mitbewohner wollen hier Räume für ein Bed and Breakfast einrichten – «irgendwann einmal», wie der ausgebildete Architekt, der sich sein Geld als Übersetzer von Sachtexten verdient, grinsend hinzufügt. «Hier oben dauert alles ein bisschen länger.»

Wie finden Sie eigentlich die Bücher von Mme. Pagano?
Das liegt nahe in einem Landstrich, in dem die Häuser schon im September winterfest gemacht, Holz und Nahrungsmittel eingelagert sein müssen. Nur in Emmanuelle Paganos literarischer Arbeit gab es keine Verzögerungen. Sie, die einmal Filmästhetik und Bildende Kunst studiert hat, muss schreiben, da gibt es keine Alternative und kein ernsthaftes Hindernis; so verhält es sich immerhin schon seit ihrer Schulzeit. «Literatur war damals das Einzige, was für mich zählte. Mit sechzehn habe ich meinen ersten Roman geschrieben und ihn an alle großen Verlagshäuser geschickt», sie zieht eine selbstironische Grimasse. «Alle haben dankend abgelehnt, und ich dachte: Na gut, das war’s. Nie wieder eine Zeile! » Doch als sie dann ihre erste Uni-Arbeit abgab, reichte die Professorin sie ihr mit den Worten zurück: «Das ist ein literarischer Text!» Und da, sagt die Autorin, «kehrte die Idee, Schriftstellerin zu werden, plötzlich zurück. Und ist seither geblieben.»
Unter erschwerten Bedingungen allerdings. Emmanuelle Pagano, deren ältester Sohn gerade sein Studium beginnt, ist auf ihre Brotarbeit angewiesen, zum Schreiben bleiben ihr daher nur die Schulferien. Ungefähr gleich viel verdient sie im Moment in beiden Berufen, und je mehr der literarische Erfolg zunimmt, desto schwieriger lassen sich die beiden Arbeitsbereiche nebeneinander aufrechterhalten. «Ich versuche, das Unterrichten und die Literatur strikt zu trennen. Eine Weile ging das gut, weil meine Bücher unter meinem Ehenamen erscheinen und ich in der Schule unter meinem Mädchennamen arbeite.» Doch dann kamen die ersten Preise, in den Zeitungen erschienen Fotos von ihr, die Schüler wollten über die Literatur ihrer Lehrerin diskutieren. «Im Unterricht kein Wort über meine Bücher, heißt die Regel, und die halte ich eisern ein. Aber dann sagte kürzlich ein ganz Pfiffiger: ‹Okay. Und wie finden Sie eigentlich die Bücher von Emmanuelle Pagano?›»
Die Autorin ist von solchem Witz hingerissen, die Arbeit der Lehrerinmacht er allerdings nicht leichter. Den Blog auf ihrer Website hat sie inzwischen eingestellt – «Es wäre nicht gut, wenn die Schüler mitlesen können, was mir so alles durch den Kopf geht». Aber auch wegen der Eltern und Kollegen wären solche persönlichen Mitteilungen ein Problem; Neid und Missgunst greifen schnell umsich, von der Norm Abweichendes trifft auf Ablehnung: Provinz. Für viele ist es da schon ein Problem, dass ihre drei Kinder von drei verschiedenen Männern stammen, dass sie jetzt mit ihrer 14-jährigen Tochter im Tal lebt und einen neuen Freund hat, während der kleine Sohn beim Vater in den Bergen geblieben ist.

Die Geschichte der Nachbarin
Dochwie ihre Romanheldinnen ist Emmanuelle Pagano offenkundig ein Mensch ohne Angst. Sie tut, was für sie selbst richtig ist, ganz gleich,was die Leute sagen: eine handfeste kleine Person, gesteuert vom Eigensinn. Die allerdings, wie die Hauptfigur in ihrem Roman «Die Haarschublade», genau registriert, was um sie herum geschieht, was gedacht, gefühlt und geredet wird. In dieses nun auch deutschen Lesern zugängliche Buch hat sie ein Porträt von sich selbst eingezeichnet: eine immer noch junge Fraumit schwarzen, leicht zerzausten Haaren, blauen Augen und unruhigem Gesicht, als Kind besessen von ihrer Lektüre, als Erwachsene nun Lehrerin und immer zwei Schritte außerhalb der Welt des Anfassbaren, immer noch in Bücher vergraben.
Keineswegs ist diese Frau die Heldin des Buchs. Sie erscheint vielmehr als namenlose «Nachbarin», die den Lebensweg der Hauptfigur verfolgt: denjenigen einer Friseurgehilfin, die mit 15 Jahren ein behindertes Kind zurWelt brachte, weil ihre Eltern nicht rechtzeitig die Einwilligung für einen Kaiserschnitt geben konnten; als 18-Jährige lebt sie mit zwei Kleinkindern in einer südfranzösischen Provinzstadt. Sie und die Nachbarin verbrachten ihre Kindheit und Jugend als Polizistentöchter im kasernenartig abgeschotteten Quartier einer Kleinstadt-Gendarmerie und waren dabei doch so unterschiedlich wie nur möglich: stumm in ihre Bücherwelt abgetaucht die eine, die andere einewild verzweifelte Streunerin, besessen von einer Leidenschaft für Haare; in ihrer Schublade verwahrt sie einen Talisman aus diesem Material.
Dies ist, sieht man nur die Fakten, die Geschichte einer sozialen Katastrophe, eine Geschichte von Gewalt, Verachtung und Enteignung. Und doch eignet dieser jungen Frau eine unbändige Kraft, schließlich auch eine trotzige Größe – zu erleben ist, wie ein Mensch sich entscheidet, sein verkorkstes Leben anzunehmen und damit, dies nicht zuletzt, auch seine beiden so ungleichen Kinder. Emmanuelle Pagano erzählt davon in kurzen Szenen, mit scharfen Schnitten. Fast unterkühlt, präzise bis ins Detail beobachtet sie dieMenschen in ihrer Umgebung. Alles Verstehen und Mitempfinden bliebt dabei gewissermaßen innen: Die Erzählerin schaut aus den Augen ihrer Protagonistinnen auf eine fremde Welt, die die alltägliche ist – erst durch diesen Blick sehen wir der Gegenwart bis auf den Grund.

Geisterbahn mit Puck
Über dem Haus auf dem Hochplateau haben schnell ziehende Wolken die Sonne verdunkelt, Wind fasst in die Bäume, es beginnt zu regnen. Doch das passt Emmanuelle Pagano gerade gut. Sie will sich sowieso längst wieder in Bewegung setzen: zum Vulkansee hinunterfahren, schwimmen gehen. Sie redet nicht so gern über ihre Bücher. Viel lieber erzählt sie von den realen Menschen, mit denen sie zu tun haben, oder von den Landschaften, deren Bewohner sich mit ihrem Lebenmühen und dennoch auf eine so empfindliche wie unaufgebbare Art in ihnen zu Hause sind. Wie auch ihre Autorin.
Wer Emmanuelle Pagano an diesem Sommertag zwischen üppigen Gemüsebeeten, verstreuten Kinderspielzeugen und einem kleinen Pulk ausgemusterter Computer zugehört hat, versteht jedenfalls unmittelbar, dass Figuren wie die transsexuelle Schulbusfahrerin, die alleinerziehende Friseurgehilfin oder auch die vielfach versehrte Putzfrau aus demnoch nicht übersetzten Roman «Les Mains gamines» zu ihrer Welt gehören. «Ich habe mir mein Geld mit Putzen verdient, ich habe allein zwei Kinder großgezogen – das ist mein Milieu», sagt die Tochter eines Landgendarmen und einer Grundschulerzieherin, diemit ihren zwei Töchtern in der südfranzösischen Provinz von Ort zu Ort zogen, sooft der Vater versetzt wurde. Das ältere der Kinder, ganz Auge, ganz Ohr, hat die Menschen ihrer Landschaft zum Herzstück ihrer Romane gemacht. Nun steigt sie ins dunkelgrüne Wasser des Sees, gerade dort, wo der Boden voller Kiesel und Steine ist – «hier ist es ruhiger», hat sie nach einem Blick auf die friedliche Wasserball-Szenerie am Badestrand entschieden. Das Wasser ist kühl, und so paddelt sie mit rasend schnellen, klitzekleinen Schwimmbewegungen parallel zum Ufer auf und ab. Zuvor waren wir in der Höhle, in der Adèlemit den Kindern die Schneesturmnacht übersteht, und alles, alles nimmt sich aus wie im Roman. Doch ist die schlichte Wirklichkeit unversehens in einen Zauber getaucht: Wir sehen sie mit den Augen der Erzählerin.
«Als ich in Paris einen Preis bekam», erzählt sie, während wir uns auf den Heimweg machen, «und die Elite aus Kultur und Politik stürzte sich schon aufs Büfett, nahm mich der Pressemann meines Verlags beiseite und sagte: ‹Wenn du hier jemanden entdecken solltest, der aussiehtwie der Bürgermeister von Paris,mach’ bitte keine kleinen Scherze darüber, dass da jemand herumläuft, der genauso aussieht wie der Bürgermeister von Paris. Geh einfach davon aus, dass er es ist …› Guter Tipp!» Sie kichert. Und dirigiert uns in einen schnurgeraden, engen Tunnel. «Man glaubt gar nicht», sagt sie, «wie lang und dunkel der ist. Und das Tollste ist: Wenn man am anderen Ende ankommt, kann es sein, dass sie das Tor vor der Ausfahrt verschlossen haben.» Und dann? «Muss man wenden und den ganzen Weg wieder zurückfahren. Es ist ein Experiment!»
Doch wir haben Glück. Wir sehen nicht nur nach schier unendlicher Fahrt durch die Finsternis in der Ferne das Tageslicht aufleuchten, wir gelangen sogar ungehindertwieder unter freien Himmel. Und da lacht der Puck: Emmanuelle Pagano.




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