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Das Hemd der Geliebten und der Mantel der Geschichte
Christoph Hein und Ingo Schulze über den Herbst 1989, das lange Warten auf den Wenderoman und die Bedeutung der Literatur
Literaturen Das Warten auf «den großen Wenderoman»war ein Ausdauersport des Feuilletons. Dabei ist gar nicht so recht klar, was ein «Wenderoman» eigentlich ist. Andererseits sind seit Mitte der neunziger Jahre unzählige Romane geschrieben worden, von denen es hieß, sie seien welche – so von Ihnen «Landnahme» und «Willenbrock», von Ingo Schulze vor allem «Simple Storys» und «Neue Leben». Akzeptieren Sie diese Einordnung oder weisen Sie das Etikett «Wenderoman» entschieden zurück? Christoph Hein Ich weise nie etwas zurück. Genauso wie die Journalisten sich das vorstellen, so ist es auch. Ich frühstücke normalerweise relativ früh, dann sitze ich am Schreibtisch, so gegen acht Uhr, und sage mir: So, Hein, heute wollen wir mal den Wenderoman schreiben. Dann leg ich los. So geht das. Der Begriff kommt aus der Textilindustrie. Die hat einmal die Wendejacke erfunden.Wenn die dreckig war, drehte man sie einfach um und konnte sie weitere vier Wochen mit der anderen Farbe nach außen tragen. Ein Wenderoman wäre dementsprechend ein Buch, das man von vorn und hinten lesen kann. Ingo Schulze Mein Problem ist nicht der «Wenderoman», sondern das Wort «Wende». Ich weiß noch ziemlich genau, dass Egon Krenz sagte: «Das Politbüro hat die Wende eingeleitet. » Das kann also nicht mein Begriff sein. Ich fand ihn auch nicht zutreffend. «Wende» kannte ich im politischen Bereich aus Bonn, als die FDP 1982 von der SPD zur CDU wechselte. Für 1989/90 würde ich «Weltenwechsel», «Umbruch » oder «friedliche Revolution» sagen; «Wende » passt eher zu einem Segeltörn. Was den «Wenderoman» betrifft: Es ist immer fragwürdig, wenn man Literatur thematisch einordnet. Wenn ich gefragt werde, worum es geht, dann sage ich immer: um alles. Im Wassertropfen muss die ganze Welt enthalten sein. Zu einem Roman über 1989 gehören die Welt davor und die Welt danach und der Wechsel der Abhängigkeiten. Deshalb habe ich mich immer dagegen gewehrt, «Simple Storys» als Wenderoman zu bezeichnen. «Neue Leben» würde das schon eher erfüllen. Aber eigentlich möchte ich mich nicht darauf einlassen. Das ist eine Vereinfachung, die man wieder zurückbekommt, wenn es heißt, ach Gott, jetzt hat der schon wieder was über die Wende geschrieben. Der Begriff sitzt dann wie eine fette Kröte oben drauf – nichts gegen Kröten! –, aber man schaut dann gar nicht mehr genau hin, was da druntersteckt.
Literaturen Autoren können sich aber nicht deshalb, weil sie den Begriff nicht mögen oder weil sie das als Erfüllung eines feuilletonistischen Auftrags empfinden würden, davon abhalten lassen, über die Wende zu schreiben. Das wäre doch kindisch. Hein Ich schreibe immer nur über mich und die kleine Welt, die ich kenne. Dazu gehörte die DDR, oder vielmehr die Teile der DDR, in denen ich gewesen bin. Dass ich über die Wende schrieb, liegt daran, dass ich in dieser Zeit herumlief und aufschrieb, was ich gesehen und erfahren habe. Das ist unabhängig von all dem politischen Kram. Es gibt im Leben einer Gesellschaft, einer Nation,wichtige Punkte, die deshalb aber nicht unbedingt literaturtauglich sind. Wir haben keinen großen 68er-Roman der Westdeutschen, obwohl 1968 sicher bedeutsam für diewestdeutsche Gesellschaft war. Es gibt in der Geschichte jeder Nation bedeutende Erinnerungspunkte, die aber für die Literatur belanglos sind – weil sie gegen den Kuss der Geliebten nicht bestehen können. Es ist nun mal so, dass das Hemd der Geliebten einem näher ist als der Mantel der Geschichte, der vorbeirauscht.
Literaturen Friedrich Christian Delius hat eine Erzählung geschrieben mit dem Titel «Amerikahaus und der Tanz um die Frauen». Da geht es genau um diese Diskrepanz zwischen dem politischen Anspruch und dem persönlichen Erleben. Kann es sein, dassman, solange man drin steckt, die Geschichte nicht begreifen kann, und deshalb jeder Roman, der später so tut, als wisse er Bescheid, an der Wirklichkeit vorbeigeht? Hein Im Herbst 1989 endete die Aufteilung der Welt in eine erste, zweite und dritte, und es begann das, was wir Globalisierung nennen. Das Ende dieses Umbruchs ist noch nicht absehbar. Es wird erst dann eintreten, wenn wir überall auf der Welt die gleichen Arbeits- und Lebensbedingungen haben. Die werden nicht auf dem Level der Ersten, sondern eher demder Zweiten oder gar Dritten Welt sein. Es wird also riesige Veränderungen für jeden von uns geben, gerade in Westeuropa. Das, woran wir uns gewöhnt haben, rutscht weg. Das merken wir gerade. Für Länder wie China und Indien, für die Kontinente Afrika und Lateinamerika ist das ein großer Hoffungsanlass. Was am 9. November 1989 begann, wird womöglich noch 200 Jahre dauern und die Welt heftigst verändern. Insofern sollten die netten, kleinen Journalisten, die den Wenderoman jetzt schon haben wollen, noch ein wenig abwarten.
Literaturen Trotzdem leben wir heute und schreiben über unsere heutige Zeit. Wenn es aber stimmt, was Sie sagen, sollten wir, anstatt rückwärtsgewandt über die «Wende» zu reden, uns besser mit den großen Zukunftsfragen befassen und über den Tellerrand der deutschen Provinz hinausschauen. Schulze Das eine schließt ja das andere nicht aus. Man kann auch oder gerade in der Provinz den Weltenwandel erfahren. Ich bin damals nach Russland gegangen, als Geschäftsmann auf unterstem Niveau. Ich hatte nicht vor, darüber zu schreiben. Doch die Erfahrungen, die ich im Osten Deutschlands gemacht hatte, sah ich dort noch einmal vergrößert und mit dem Blick eines Außenstehenden, der im Fremden das Eigene erkennt. Bei uns gab es ja keinen Übergang. Dawar 40 Jahre lang DDR, dann gab es den Beitritt, und damit war die Sache erledigt. In Russland war die Entwicklung unübersehbar, und man weiß bis heute noch nicht, wo das hingehen wird. Man muss tatsächlich in Dimensionen denken wie dem Untergang des Römischen Reiches. Wenn man sich die Kriege in Jugoslawien ansieht, erkennt man, dass sie entlang der Grenze verliefen, die das römische Reich in ein östliches und ein westliches teilte, südöstlich dieser Grenzewar die Erfahrung von Byzanz und des Osmanischen Reiches wichtig. Das wirkt nach. Natürlich liefert das keine Erklärung für die heutigen Konflikte, aber es gehört halt dazu. Wir sollten heute wissen, dass wir für die Vergangenheit zahlen und Zukünftige für unseren Mist zahlen werden. Vielleicht schreibe ich eines Tages einen historischen Roman oder Science-Fiction, aber erst einmal geht es mir um meine eigene Zeit – und wie andere Zeiten da hineinwirken. Hein Jeder historische Roman ist ein Gesellschaftsroman. Wenn Heinrich Mann den «Henri Quatre» schreibt, ist das ein Roman über seine Zeit. Und in Shakespeares «Julius Cäsar» laufen lauter Engländer über die Bühne. Egal, ob ein Roman in der Zukunft oder in der Vergangenheit spielt: Es ist doch immer die Zeit des Autors.
Literaturen So ganz glaubwürdig ist es nicht, wenn Autoren sagen, es sei noch zu früh, um1989 zu thematisieren. Einerseits schreiben sie über ihre eigenen Erfahrungen, andererseits sollen erst noch 200 Jahre vergehen. Wie viel Distanz ist nötig? Schulze Die größte Schwierigkeit beim Schreiben ist für mich immer, Distanz zu den Figuren zu bekommen. Wenn die Figuren ihr Eigenleben haben, wenn sie allein loslaufen, dann kann ich ihnen auch das eigene Herzblut mitgeben. 1989 hatte ich völlig distanzlos erlebt. Als ich aus St. Petersburg zurückkehrte, wollte ich etwas über Ostdeutschland nach 1989 schreiben. Das war die Zeit, in der ich drin saß und in der ich mich am sichersten fühlte. Es war die große Zäsur auch in meinem eigenen Leben. Da hat sich alles verändert. Diese Zeit war ungeheuerlich, aber viel zu nah. Dann versuchte ich, über Dresden in den siebziger, achtziger Jahren zu schreiben, merkte aber, dass das seltsampseudo-dissidentisch wird. Ich konnte nicht von den Neunzigern aus über die DDR schreiben und so tun, als gäbe es 1989 und die folgenden Erfahrungen nicht. Das Interessante, merkte ich, ist genau der Wechsel der Abhängigkeiten. Also dachte ich, vielleicht kann ich die Novelle über Dresden schreiben, wenn ich auf die Rückseite des Manuskripts etwas anderes nehme – so wie E.T.A. Hoffmann das im «Kater Murr» gemacht hat. Das sind ja auch zwei Bücher in einem. Hein Da haben Sie den Wenderoman, den man von vorne und von hinten lesen kann. Schulze Der Schriftstellerwar in der DDR eine Zentralgestalt. Und die ist abgelöst worden vom Manager. Das war meine Erfahrung: Ich war am Theater, seit 1988 Schauspieldramaturg an einer Provinzbühne, wo wir uns als Zentrum der Gesellschaft empfunden haben. Wir dachten immer, jetzt verbieten sie uns mal eine Aufführung, aber so weit kam es nie. Im Herbst ’89 war das Theater neben den Kirchen ein wichtiger Ort. Ende November war dann nichts so langweilig wie das Theater. Ich habe mit Freunden eine Zeitung gegründet, die dem «Neuen Forum» nahe stand. Wir haben keinen Gedanken an Geld verschwendet, bis wir merkten, dass wir, um eine Zeitung zu machen, Geschäftsleute werden müssen. So bin ich Geschäftsmann geworden – es macht ja auch ungeheuren Spaß, Geld zu verdienen, solange es funktioniert. Was für ein Paradigmenwechsel! Vorher war alles Theater, Kunst, Literatur, Film – und plötzlich ging es nur noch darum: Wie viel haben wir eingenommen? Wie viel Anzeigen gibt es? Wie viel verkaufen wir? Hein Nach dem 9. November war das einzige Buch, das noch interessierte, der Quelle- Katalog. Daran sollte man gerade heute erinnern, wo auch Quelle in Schwierigkeiten ist. Das war 1989 nicht absehbar. Es ging nur noch darum, dass man nicht unter die Räder kam und nach Möglichkeit den goldenen Schnitt machte.
Literaturen Hatte die Literatur aber nicht zuvor wenigstens eine Türöffnerfunktion? Hein Damöchte ich an ein Wort von Heinrich Mann erinnern, der sagte: Hundert Jahre russische Literatur vor der Oktoberrevolution sind die Revolution vor der Revolution. Ich denke, das gehört zur Literatur dazu. Es ist schwierig, die DDR nach dem Ende der DDR zu beschreiben. Nach der beendeten Jagd wird der Bär immer größer, gewaltiger und fürchterlicher. Die Beschreibungen der DDR nach ihrem Fall sind manchmal grotesk übertrieben, manchmal untertrieben. Insofern ist die Literatur aus der DDR, etwa von Autoren wie Stefan Heym, über Jahrzehnte hinweg ein wichtiger Punkt für das Jahr 1989. Das Wort von Heinrich Mann gilt für alle Zeiten. Schulze Ich weiß noch genau, 1985 erschienen drei Bücher. Das war von Volker Braun der «Hinze-Kunze-Roman», von Günter de Bruyn «Neue Herrlichkeit» und von Christoph Hein «Horns Ende». Das war gewaltig! Mit jedem Buch erweiterte sich der Argumentationsraum. Als ich dann im Oktober 1989 im Radio Hein sprechen hörte, wusste ich, dass da mitzumachen wirklich sinnvoll ist. Man hat ja nicht gedacht, dass man mit seinen Demonstrationen am System etwas ändert. Man machte aus moralischen Gründen mit, und da war es wichtig, dass es diese Bücher gab, und dass Leute wie Christoph Hein unmittelbar beteiligt waren.
Literaturen Warum ist es so schwer, im Nachhinein genau zu beschreiben, wie es war? Hein Es liegt an der Merkwürdigkeit der Kunst, dass ich die Farbe, den Geschmack, den Ton haben muss. Das hat was mit Imaginieren zu tun. Letztlich ist die Frage nicht zu beantworten. Das ist die Arbeit, die man macht. Schulze Ich habe schon den Eindruck, dass ich in den Büchern von Hein etwas kapiere. «Landnahme» zum Beispiel.Wo,wenn nicht daraus, erfahre ich etwas über die DDR? Und wer sagt uns, dass die Welt tatsächlich so aussah, wie sie Balzac beschrieben hat? Literatur ist dafür da, dass man mit seinen Erfahrungen nicht allein bleibt. Mit jeder neuen Erfahrung ändert sich auch unser Bild der Vergangenheit. Man sollte aber nicht nur nach dem Osten schauen, sondern auch fragen: Wie hat sich der Westen nach 1989 entwickelt? Wie verändert er sich durch den Wegfall des Ostens? Wenn ich über die DDR schreibe, dann muss ich das mit einbeziehen. Man kann nicht über das eine reden und über das andere schweigen, so wie man auch nicht über Frauen schreiben kann, ohne über Männer zu schreiben. Es geht immer um Beziehungen.
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