|
So wenig entscheiden wie Gott Richard Powers: Das größere Glück
Richard Powers stellt die Fragen nach Sinn und Schicksal auf eine molekulare Basis. «Das größere Glück» ist der erste post-genomische Roman VON JÖRG MAGENAU
Vielleicht werden wir demnächst Gen-Sequenzen aus dem Internet herunterladen wie heute Klingeltöne fürs Handy. Paare wählen aus Katalogen die Charaktereigenschaften für ihr Kind und zahlen dafür Lizenzgebühren, als wären es Filmrechte. Der Mensch wird in diesem «transhumanen Zeitalter» gut und gerne 150 Jahre alt, und er wird viel Verantwortung zu übernehmen haben. Aus der Kenntnis des Genoms hat er diemoralische Pflicht abgeleitet, die Verbesserung der Welt genetisch voranzutreiben. «Warum sollten wir etwas so Wunderbares wie das Leben dem Zufall überlassen?», fragt der Gen-Forscher Thomas Kurton in Richard Powers grandiosem Roman «Das größere Glück», der von Henning Ahrens in ein makelloses Deutsch gebracht wurde. Und dieser Kurton ist keineswegs eine negative Figur. Richard Powers, der vor seinem Studium der Literaturwissenschaft Physik studierte und als Programmierer arbeitete, befasst sich schon lange und intensivmit Gen-Technologie. In seinem1991 erschienenen Roman «The Gold Bug Variations» (den es immer noch nicht in deutscher Übersetzung gibt) arbeitet ein Molekularbiologe daran, Gen-Codes zu entschlüsseln, um das Rätsel der doch extrem unwahrscheinlichen natürlichen Vorkommensweise «Leben» zu lösen. «Das größere Glück» schließt daran an, fast zwanzig Jahre später und gewissermaßen auch schon wissenschaftlich ernüchtert: hat sich doch längst herausgestellt, dass die Gene keineswegs der erhoffte Universalschlüssel zur individuellen Existenz sind. Glück ist eben nicht programmierbar.
Das Flüstern der Ahnen Richard Powers hat die Zwischenzeit genutzt. Er ist wohl der einzige Autor der Welt, der das eigene Genom vollständig sequenzieren ließ. Damit kann er die eher altbackenen Vorstellungen von «Selbstfindung» und «Identität» – stets ein großes Thema der Literatur – auf eine neue, molekulare Basis stellen. Seine Gene erzählten ihm Erstaunliches: Er, der doch stets rank und schlank gewesen ist, besitze eine Neigung zur Fettleibigkeit. Und er trage zu etwa acht Prozent Varianten mit sich herum, die ausschließlich beim westafrikanischen Volk der Yoruba bekannt sind. Das Flüstern der Ahnen. Doch was bedeutet das schon. Muss man auf das Lied der Gene hören, oder sind andere Erzählungen vom Leben entscheidend? Welcher Blick erfasst die Wirklichkeit genauer: der wissenschaftliche oder der literarische? Und wie wird eines Tages die «post-genomische Literatur» aussehen? «Das größere Glück» verhandelt Fragen wie diese – und ist vielleicht schon der «post-genomische» Roman. Er spielt in einer nahen Zukunft oder in nur leicht übersteigerter Gegenwart – das ist schwer zu entscheiden.Ort der Handlung ist eineMega-City, die etwa da liegt, wo früher Chicago war: die Stadt, in der Richard Powers lebt. Der Erzähler ist ein allwissender Geist über denWassern. Er spricht «aus einem anderen Land» und «Jahre entfernt», vermutlich aus einer ferneren Zukunft, denn er behandelt seine Figuren mit der milden Nachsicht des Spätergeborenen. Diese Irritationen machen den ersten Reiz der Lektüre aus: Ist das schon oder immer noch die Welt, in der wir leben? Der Erzähler zögert nicht, sich immer wieder direkt zu Wort zumelden. Er ächzt unter dem «unerträglichen Gewicht des Plots». Den klassischen Spannungsbogen hält er für eine Lüge, Realismus für ein «fadenscheiniges Flickwerk tröstlicher Konventionen». Trotzdem hält er daran fest, am Spannungsbogen, am Realismus. Für Powers ist Literatur ein wissenschaftliches Experiment. Positionen werden analysiert wie Stoffe im Labor, um zu beobachten, wie sie auf andere reagieren. Wahrheit ergibt sich nicht aus einem «besser» oder «schlechter», aus «richtig» oder «falsch», sondern aus dem Neben- und Durcheinander der Perspektiven. Das ist der große Vorzug von Literatur: Sie ist, wenn sie etwas taugt, undogmatisch und neugierig. Da ist zunächst Russell Stone, ein Autor, der am eigenen Erfolg scheiterte. Er schrieb gefeierte Reportagen, bis er sich voller Skrupel zurückzog, weil er glaubte, die geschilderten Schicksale bloß auszubeuten. Jetzt arbeitet er für die Zeitschrift «Das wahre Selbst», wo er unbeholfene autobiografische Texte von Laienschreibern redigiert, und er leitet einen Schreibkurs an einer Kunsthochschule. So öde die altmodischen Autobiografien, so langweilig das Seminar. Die Studenten fragen: «Warum schreiben wir nicht online? Tagebücher sind doch nur tote Blogs.» Bei Powers ist das «MyBit-Zeitalter» angebrochen, in dem Gefühle zu Tatsachen geworden sind und die Grenze zwischen Öffentlichem und Privatem anders verläuft: «Lebenserinnerungen sind die neue Geschichtsschreibung. Nabelschauen sind die neuen Nachrichten.» Die Studenten, die in ihren Blogs keinerlei Scheu haben, alles von sich preiszugeben, finden andererseits Literatur von Henry James auf ekelhafte Weise innerlich.
Eine sonnenbeschienene Rosskastanie In Stones Seminar taucht eines Tages Thassadit Amzwar auf. Die junge Frau ist aus dem Bürgerkrieg in Algerien geflüchtet, erlebte dort Grauenhaftes, verlor ihre Eltern bei Massakern und blieb doch seltsam unbeschadet. Sie ist von ansteckend guter Laune und mitreißender Zuversicht erfüllt. In früheren Zeiten hätte man so ein Wesen vielleicht als Engel bezeichnet oder als glückselige Mystikerin. Powers vergleicht sie mit dem Leuchten einer «riesigen, von der Sonne beschienenen Rosskastanie». Alle, die mit ihr in Berührung kommen, werden erhoben und nehmen Teil an ihrem Glück. Ihr Leitspruch lautet: «Ich versuche, möglichst genauso wenig zu entscheidenwie Gott» – eine Maxime, die sich auch Powers namenloser Erzähler zu eigen macht: Erzählen heißt, den Dingen ihren Lauf zu lassen. Stone ist ratlos vor dieser unzerstörbaren Glückszusammenballung – und sucht eine Psychologin auf, um sich von ihr beraten zu lassen. Da entwickelt sich nebenbei eine Liebesgeschichte mit privaten, althergebrachten Vorstellungen vom Glück. Psychologin und Literat wollen Thassadits Rätsel gemeinsam lösen. Doch sie bekommen unliebsame Konkurrenz: Ein Gegenpol zum zweiflerischen Stone und der besorgten Psychologin ist die forsche Fernsehmoderatorin Tonia Schiff – eine Art Ophra Winfrey der TV-Zukunft. Ihre populäre Sendung «Genie und Genom» wird von ihrer eigenen Mutter als «eine Art Chemotherapie für die Seele» bezeichnet. Tatsächlich sind die Medien in Powers Versuchsanordnung ein größeres Problem als die Wissenschaft. Sie bedienen sich noch viel skrupelloser am Stoff des Lebens, und es ist sonnenklar, dass «die Menschheit nicht im Labor, sondern in einer Show» über ihre Zukunft entscheidenwird. «Die Realität», schreibt Powers, «ist ein Nebenrecht, das sich zu hundert Prozent im Besitz der Programmgestaltung befindet.» Sätze wie dieser, die man sich sofort herausschreiben möchte, um sie nie mehr zu vergessen, finden sich auf fast jeder Seite des Romans.
Die Evolution braucht kein Gewissen In Tonia Schiffs Show ist dann auch der Genetiker Thomas Kurton zu Gast, ein angeberischer, geschäftstüchtiger Kotzbrocken zunächst, doch ihm ist nicht viel vorzuwerfen. Er ist vorsichtig und korrekt genug, davor zu warnen, das eigene Schicksal aus den Genen ablesen zu wollen. Doch zugleich verbreitet er Visionen einer herrlichen Zukunft. Kurton hat das Selbstbewusstsein eines Menschen, der glaubt, die Welt zu verbessern, und der sicher ist, dass die Naturwissenschaft der Philologie überlegen ist: «Genetiker werden bald in der Lage sein, die vollständige Abstammung eines Individuums mit einer so großen Genauigkeit zu bestimmen, wie es die aussterbende Art der Philologen für die jüngere Vergangenheit einzelner Wörter niemals vermocht hat.» Seine Moral besteht darin, all das auch zu tun,was wissenschaftlich möglich ist. Der eher amoralische Erzähler möchte ihm in einer seiner Einmischungen da nicht wirklich widersprechen: «Wenn es der Evolution tatsächlich auf das Gewissen ankäme», heißt es da, «hätte sich jede Person mit Rückgrat schon vor Äonen am Deckenventilator erhängt, und die wirbellosen Tiere wären wieder die Herren der Welt.» Tonia Schiff bleibt auch die «Glücks-Frau» nicht lange verborgen. Sie lädt Thassadit in ihre Sendung ein und verkündet, das «Glücks-Gen» sei gefunden. Damit ist es um Thassas Glück aber auch bald geschehen. Sie hat keine Ruhe mehr, wird von Bloggern und Glückssüchtigen verfolgt und muss schließlich die USA fluchtartig verlassen. Das ist die bittere Pointe des Romans. Was der algerische Bürgerkrieg nicht vermochte, schafft die Mediengesellschaft in atemraubendem Tempo: Sie stürzt die Glückliche in eine Depression. Die Wissenschaft mit Thomas Kurton, der Thassa viel Geld bezahlt, um ihre Genom-Struktur zu entziffern, hat daran nur den kleineren Anteil. Und falls ihre Gene tatsächlich eine Disposition zum Glück verraten, hebt die Gesellschaft diese Veranlagung wieder auf und macht sie wertlos. Glück, sagt der Wissenschaftler, «ist keine Belohnung für Tugend. Glück ist die Tugend.» «Das größere Glück» ist ein großer, gesellschaftskritischer Roman, der den ermüdenden Gestus des Gesellschaftskritikers konsequent vermeidet. Powers ist weniger Kritiker als Experimentator. Man kann ihm noch nicht einmal vorwerfen, dass er allzu kalkuliert vorgeht. Als geschickter Konstrukteur verflicht er die einzelnen Handlungsstränge so elegant ineinander wie die DNA-Ketten in einer Doppelhelix. Wie jeder gute Wissenschaftler zeigt er jederzeit, was er gerade tut und was er sich dabei denkt. Erstaunlicherweise mindert das nicht die Kraft der Fiktion. Er ist – bei aller postmodernen Freude am Spielerischen – zugleich ein konventioneller Erzähler. Doch er weiß genau, dass «mit der Zeit die Literatur wie jede andere menschliche Schöpfung durch eine bessere und genauere molekulare Feinabstimmung ersetzt werden» wird. Dasselbe Schicksal wird übrigens auch die Naturwissenschaften treffen und das Kapital, das sich gegenwärtig zum Besitzer der Gene aufschwingt. Vielleicht wird sich dereinst erweisen, dass dieser Besitz so wertlos ist wie die einst teuer erworbenen UMTS Lizenzen für die Kommunikationskonzerne.
|