Gehirngedanken Gestern Abend wieder zu viel Wein getrunken, jetzt muss ich vor dem Weiterleben mühsam meine Identität rekapitulieren, im Ausweis steht ja nicht viel. Es wäre eine gute Gelegenheit, einfach einen Neuanfang zu wagen, als jemand, den ich mir selber aussuche. War ich eigentlich eher links oder rechts? Wie soll ich das jetzt rausbekommen? Wenn ich mir meinen Kopf von innen vorstelle, sehe ich unter der Schädeldecke entzündete, rotgeäderte Haut und unter einer Schicht abgestandener Luft träge fließende Lava, mein Gehirn, an dessen Oberfläche Wirbelströme zucken, die sich von Zeit zu Zeit in Blitzen entladen, wobei bizarre Lichtskulpturen zu bestaunen sind. Manche Menschen schützen ja ihr Gehirn mit einem Fahrradhelm, anscheinend halten sich diese eitlen Naturen für unersetzlich. Für mich käme ein Helm zu spät, allein wenn ich hier sitze, jagen ein Dutzend W-Lan-Netze mit albernen Namen ihre Strahlen durch mein Gehirn, dazu die Radio- und Fernsehwellen, Handy-Signale, Streustrahlungen von HiFi-Geräten und Bildschirmen, kosmische Gamma-Strahlen und das Magnetfeld der Erde, das seit meiner Geburt ständig an mir herumzerrt. Mein Gehirn ist von diesen Geschossen schon ganz durchlöchert, an manchen Stellen kann man durchgucken. Der Vorteil ist, dass mein Gehirn eines der wenigen Gehirne ist, die sich sich selbst vorstellen können. Das liegt daran, dass es so unkomplex ist, dass sogar ein so unkomplexes Gehirn wie meines es schafft, es zu verstehen. Selbsterkenntnis fällt natürlich den Dummen viel leichter. Die Nervenverbindungen in meinem Gehirn sind langsam geworden, weil sich Datenreste in den Synapsen angesammelt haben wie Kaffeesatz im Ausguss. Informationen stauen sich, gehen verloren oder irren tagelang herum. Manche finden nie an ihr Ziel, oder erst, wenn sie längst veraltet sind. Ich bräuchte ein zweites Gehirn, um den Unsinn zu interpretieren, den mein Gehirn mir liefert. Trotzdem tut es mir irgendwie leid, es kann ja nichts dafür. Würde man mein Gehirn streicheln, würde es sich zusammenziehen wie eine ängstliche Schnecke. Es ist nur noch lose mit dem Schädel verbunden, weil die Haut, an der es aufgehängt ist, von den vielen plötzlichen Richtungswechseln in meinem Leben stellenweise abgerissen ist. Irgendwann wird sich mein Gehirn lösen und nur noch von einer dünnen Hautblase geschützt in meinem Schädel zittern wie ein Silikonimplantat.
Wäre mein Gehirn ein Tier, würden selbst die Chinesen es nicht essen. An manchen Stellen ist es ausgetrocknet wie eine leere Druckerpatrone und riecht nach Abwaschschwamm. Beim Drauftreten würde es eine Staubwolke erzeugen wie ein Bovist. Unter Einwirkung von Alkohol erwachen diese Bereiche meines Gehirns aber wieder zum Leben wie eine Rose von Jericho. Für Minuten blüht mein Gehirn dann, und jeder andere würde diese Zeit mit ihm genießen, aber mir geht es wie mit meinem Computer, er ist so leistungsfähig, ich könnte damit ein Raumschiff auf dem Mond landen, aber ich benutze ihn als Schreibmaschine. Immerhin haben Computerchips die Tendenz, immer kleiner zu werden, während mein Gehirn weit davon entfernt ist, auf einen Daumennagel zu passen. Eigentlich schade, ich könnte dann den Platz in meinem Kopf als Stauraum nutzen, zum Beispiel für meine Sammlung einzelner Socken. Man könnte dann natürlich nicht mehr davon sprechen, dass das Gehirn das größte Sexualorgan ist. Aber wenigstens brummt es nicht so laut.