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Mikropoesie nach Nummern: Die Netzdichtung von Monika Rinck
Literatur und Internet – war da nicht mal was? Vor gut zehn Jahren verhießen zahllose Online- Projekte einen kompletten Neustart des literarischen Texte(n)s. In der Netzstruktur – so das Versprechen – würde eine neue, nicht-erzählerische Ästhetik entstehen, ein neo-modernistischer, an der Materialität der Sprache orientierter Schreibstil. Früher oder später würde auch das Autor-Subjekt im kollektiven Wabern verschwinden. Die Seite www.netlit.de dokumentiert bis heute Versuche dieser Art. Allerdings haben die meisten digitalen Literaturprojekte inzwischen reichlich Patina angenommen: «Null» von Thomas Hettche (www.hettche.de) oder Florian Cramers «Permutationen»(www.netzliteratur. net) gehorchen längst nicht mehr dem Neuigkeitsimperativ des Netzes. Andere Seiten sind gleich ganz versickert, ein sprödes «Error!» ist das Suchergebnis. Überhaupt hat das Internet neue literarische Formen bislang nicht hervorgebracht: leicht digital aufgemotzte Konkrete Poesie da, ein bisschen Computerspielartiges dort. Doch wenn es drauf ankommt, wird das Internet ganz herkömmlich als Verbreitungsmedium genutzt. Liegt das womöglich daran, dass verästelte Hypertexte und «die komplexe Anordnung von Textelementen, deren Verknüpfung frei definiert werden kann» (www. netlit.de) für die Konsumenten schlicht zu anstrengend sind? Ganz anders und entspannt geht es auf der Seite der Schriftstellerin Monika Rinck zu: www.begriffsstudio.de. Rinck listet regelmäßig nummerierte, knappe poetische Zeilen, welche Literarisches, Alltagssprache und Mediengeblubber assoziativ miteinander verknüpfen. Das kann kalauernd oder auch seltsam surreal klingen:
«2625 vorbeipassierend 2626 bonner nutte 2627 kummer sum laude 2628 klammer: gipfel des bilds»
Nicht nur, dass diese Art der Textpräsentation im besten Sinne benutzerfreundlich ist, weil sie der gehetzten Zeitökonomie des PC-Arbeiters entspricht: Man kann in einer musischen Minute mal eben auf die Seite klicken. Darüberhinaus schreibt Rinck an einer Art Mikropoesie des medialen Alltags. Vorgefundenes Material wird angezapft und verfremdet – oder objekthaft wie eine Wortskulptur ausgestellt. Anstatt sich als Autor-Autorität aufzuspielen, benutzt Rinck gern Versprecher oder Missverständnisse als Quelle: «in der klemme siezen». Die Leserschaft wird für Rincks Schnipsel- Ästhetik interaktiv eingespannt: «Anregungen, Fundstücke oder Kommentare sind willkommen und werden fast immer berücksichtigt », schreibt sie. In den besten Momenten lassen Monika Rincks mikroskopische Eingriffe das Sprachgefüge holpern und stolpern, und das auf wunderbar lakonische Weise. Vielleicht war dieser Gestus genau das, was den berauschten Entwürfen der Millenniumswende fehlte.
ARAM LINTZEL
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