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Presseschau - Literaturen - Literatur
Rezensionen der Süddeutschen Zeitung
Explosionsexperte
Ulrich Matthes liest Oscar Wilde:
«Lord Arthur Saviles Verbrechen»

«Solchen Unsinn habe ich mein ganzes Leben lang nicht gehört» ruft die Dame aus, als Lord Arthur Savile murmelt, er verdanke einem Handleser sein Glück. Und wie sie es ausruft. Genauer: Wie Ulrich Matthes es ausruft, denn er ist es, der diese sehr komische Erzählung von Oscar Wilde vorträgt: Er senkt seine Stimme für Lady Windermere und ihre «klare Kontra-Althochstimme», so dass sie sich wie eine tuntige Bärin anhört. Nun ist schon der Text dieser Reihung von Abstrusitäten in Form zweier nicht gelungener Mord- versuche, was jeweils eine Hochzeitsverschiebung nach sich zieht, sowie eines nicht entdeckten Gaunermordes, der die Hochzeit des jungen Lords eher stattfinden lässt, komisch.

Ulrich Matthes setzt noch einen drauf. Er beherrscht die verschiedenen gesprochenen Akzente zur höchsten Unterhaltung des Hörers, den Höhepunkt des Gelächters erreicht selbiger mit der zweiten der beiden Platten,wenn Matthes den berühmten deutschen Ver- schwörer und Explosionsexperten Winckelkopf zu Wort kommen lässt, welcher sich gerne zum Morden bereit erklärt, nicht jedoch dazu, das lässt er ungefragt vorab wissen, der englischen Polizei ein Haar zu krümmen, weil deren zuverlässige Borniertheit unverzichtbar für einen Verbrecher sei. Es hört sich an, als sei Norbert Blüm, der bekannteste Vertreter dieser sprachlichen Färbung, aus dem Frühstückszimmer in diese Erzählung eingetreten, angetan mit einer bekleckerten Serviette und einer Gabel in der linken Hand und eben diese hervorragend gearbeitete Explosionsuhren preisend.

Wenn Ulrich Matthes seine Lesungen mit solchen Späßen aufbereitet, dann zum Vergnügen des Hörers. Matthes dient dem Autor und dessen Text und einem gemeinsamen Publikum. Da ist nichts von hohler Pose und Eitelkeit zu vernehmen. Dieser Schauspieler versteht sich als dienender Künstler. Matthes arbeitet die Stimmen, die er spielt, und das macht er in Abstufungen von Intensität, genau aus. Er trifft zuverlässig nie daneben, nie ist es peinlich, seine Interpretation entspricht immer dem Duktus des Textes. Ulrich Matthes ist einer der ihrer Stoffe sicheren und daher besten Sprecher.

Martin Z. Schröder


Börsenblattbeitrag zur Debatte «Profi oder Amateur»
Dass jeder Mensch lesen und schreiben könne, ist ein weit verbreiteter Irrtum. Diesem Irrglauben verdanken wir jährlich eine Unmenge unnötiger neuer Bücher. Bücher, die wie Druckwerke aussehen und auch ihre Käufer finden, oft sogar in Bestsellerlisten figurieren, in Talkshows hochgehalten, in der Klatschpresse ausgeschlachtet, im Internet bechattet werden – Bücher also mit allen Eigenschaften von solchen.

Mit einer Ausnahme: Sie sind nicht rezensierbar. Sie brauchen auch keine Rezension. Sie kommen über andere Kommunikationswege unter die Leute. Dieser Buchtyp – meist eine Art gedruckter »Hamburger« – gelangt ohne Intervention der kritischen Presse auf den Markt und wird ohne Kritik lanciert, oft sogar mit großem Werbeaufwand gegen Kritik immunisiert. Dabei hat der professionelle Buchkritiker nichts verloren. Und weil er das weiß, lässt er die Finger davon. Solche Bücher kann er getrost dem elektronischen Stammtisch-Gerede überlassen, wo jedermann seine Geschmacksurteile zum Besten geben darf. Hier gilt der alte Butter- Werbeslogan in aller Zweideutigkeit: Literaturkritik kann durch nichts ersetzt werden. Genau: durch Nichts.

Die professionelle Literaturkritik tummelt sich indessen auf einem anderen Feld – in der Delikatessen-Etage, nicht im »Hamburger «-Laden. Ihre Deutungshoheit ist vor allem in zwei Bereichen des Buchmarkts in Kraft, in der Belletristik im engeren und strengeren Sinn sowie im Bereich des Qualitäts- Sachbuchs. Dort kann und muss die Literaturkritik ihre Zuständigkeit behaupten, dort hat ihre Stimme Gewicht und ihr Urteil Glaubwürdigkeit, dort muss sie auch ihre Geisteskräfte entfalten und ihre Kunst spielen lassen.

Ihre Zielgruppe ist der anspruchsvolle, der wählerische Konsument, der im unübersichtlichen Buchmarktgeschehen nach Orientierung verlangt und Qualitätsargumenten zugänglich ist. Genauso wenig, wie ein solcher Konsument sich einem Quacksalber statt einem professionellen Mediziner anvertrauen würde, käme er auf die Idee, sich in literarischen Qualitätsfragen von Amateuren etwas aufreden zu lassen.

Gewiss: Literaturkritiker ist keine geschützte Berufsbezeichnung. Seit es ihn gibt, wird an seiner Legitimierung gerüttelt und seine Instanzhaftigkeit in Frage gestellt. Täglich aufs Neue muss er daher seine Urteilskompetenz beweisen. Dies bewerkstelligt er am besten durch eine Doppelstrategie – indem er am Kanon und zugleich am Gegenkanon arbeitet. Einzig die Literaturkritik ist im Stande, gegen den übermächtigen Trend zum Mainstream als Marktkorrektiv zu wirken, Newcomer zu entdecken, schwierige Autoren zugänglich zu machen und Bücher zu propagieren, die keine Massenbasis haben – etwa Bücher aus kleinen Verlagen mit geringen Werbebudgets.

Selbstverständlich hat jedermann das Recht, mit seinen persönlichen Lieblingsbüchern im Internet spazieren zu gehen und seine privaten Lektüre-Erlebnisse in jeder Öffentlichkeit zum Besten zu geben, die ihm erreichbar ist. Wen er glaubwürdiger findet, den Hobby-Rezensenten oder den Profi- Kritiker – das entscheidet allemal der mündige Leser.


Literaturkritik
Der professionellen Besprechung ist die Hobbyrezension an die Seite getreten. Notwendige Ergänzung oder nicht ernst zu nehmendes Ärgernis?


Zurzeit sind ca. 900 000 Buchtitel lieferbar in Deutschland, jedes Jahr verlassen 87 000 Neuerscheinungen die Druckerpressen, und auf dem stark expandierenden Hörbuchmarkt tummeln sich inzwischen 500 Anbieter – mit steigender Tendenz.

Professionelle Rezensenten sind mit dieser Flut von Titeln quantitativ überfordert. Und die deutschen Printmedien verfügen gar nicht über genügend Platz für all jene Bücher, über die eine Rezension geschrieben werden könnte. Die professionelle Kritikerzunft bildet daher in ihren Besprechungen nur die von ihr ausgewählten Top- Titel ab. Man kann aber mit Fug und Recht darüber streiten, ob das, was in den Feuilletons als Top-Titel eingeschätzt wird, tatsächlich die literarischen Trends im Lesepublikum abbildet.

Viele der in der deutschen Tagespresse vorgestellten Bücher sind thematisch viel zu abgehoben – daran ändern auch die häufig sehr brillant geschriebenen Rezensionen nichts. Die breite Masse der Leser wird vielfach gar nicht mehr erreicht. Die professionell verfassten Kritiken sind entweder für viele Zeitungsleser unverständlich, oder sie lösen gelangweilte Reaktionen aus. Einige Journalisten gefallen sich zudem, wie mir scheint, in geschraubten Formulierungen. Gleichzeitig werden viele Bücher und Hörbücher in Magazinen nur in Kurzform – auf maximal zehn Zeilen – abgehandelt. Solche Einschätzungen sind aber nur wenig aussagekräftig. In solchen Fällen wäre es besser, nichts zu veröffentlichen.

Sicherlich unterscheidet sich ein »Bild«-Leser von einem Leser der »Zeit« oder der »Frankfurter Allgemeinen Zeitung« – doch ein neues Buch oder Hörbuch sollte doch so viele Leser erreichen wie möglich. In der Flut der Neuerscheinungen gehen auch viele Titel unter, die es doch verdient gehabt hätten, für ein größeres Publikum besprochen zu werden. Viele Laienrezensenten nehmen sich daher auf bewundernswerte Weise der unzähligen Bücher und Hörbücher an, die auch den akademisch nicht vorgebildeten »Normalbürger « interessieren.

In teilweise sehr umfangreichen Rezensionen setzen sie sich mit Büchern auseinander, über die ein professioneller Rezensent nie schreiben würde. Oder sie widmen sich den Publikationen kleinerer Verlage, die nicht über ausreichende finanzielle Mittel verfügen, um ihre Bücher und Hörbücher zu bewerben. Und über Bücher, die wahrscheinlich nie für einen Literaturpreis in Frage kommen oder die keine großen Gewinne versprechen. Gerade diese Verlage sind es, die dringend auf Laienrezensenten angewiesen sind, um sich und ihr Buch bekannter zu machen. Eine Erkenntnis, die sich inzwischen auch bei größeren Verlagen durchgesetzt hat: Denn immer mehr Häuser setzen heute Amateurrezensenten ein, die Neuerscheinungen etwa für Online-Buchhandelsplattformen besprechen.

Für die Verbreitung von Büchern ist es letztlich unerheblich, ob eine professionelle Rezension den Leser verfehlt oder eine in unzureichendem Deutsch verfasste Amateurbesprechung. Intention aller Kritiken sollte es sein, nicht nur den Geschmack zu bilden, sondern interessante Neuerscheinungen – gleich welchen Genres – dem Leser näherzubringen.

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